Eine Gedankensammlung zum Umgang mit der (politischen) Vergangenheit

Vergessen – Erinnern

Eine Auseinandersetzung mit Christan Meiers „Vom Nutzen und Nachteil des Vergessens für die Politik“

Eine Gedankensammlung zum Umgang mit der (politischen) Vergangenheit

Dieser Essay, der im Rahmen einer Geschichtsarbeit zum Thema „Erinnern – Gedenken“ verfasst wurde, möchte Ihnen die Aussagen bezüglich des Erinnerns und des Vergessens des deutschen Historikers Christian Meier, die im Rahmen seines Essays „Vom Nutzen und Nachteil des Vergessens für die Politik“ getroffen wurden, näher bringen, analysieren und auch eine Gegenthese dazu aufstellen. In erster Linie soll dieser Text aber eine Art Gedankensammlung darstellen, da dieses Thema eine stark subjektive Färbung besitzt und der geneigte Leser deshalb selbst entscheiden soll, was er mit den geäusserten Gedanken anstellt.

Der Kernpunkt Christian Meiers „Vom Nutzen und Nachteil des Vergessens für die Politik“ ist ein brisanter. Er plädiert in diesem Essay für die Ersetzung der heutigen Erinnerungskultur durch eine Kultur des Vergebens & Vergessens. Dies ist ein radikaler Vorschlag und birgt insofern Zündstoff, als dass die Kultur des Erinnerns ein zentraler Bestandteil der westlichen Gesellschaft und der eigentliche Ursprung der Geschichtsschreibung ist.

Wenn man sich die Frage stellt, ob es „besser“ ist, schlimme Taten, Kriege, oder auch Errungenschaften zu vergessen oder zu konservieren, respektive sich an sie zu erinnern, muss man sich auch immer die Frage nach dem Zweck dieser Prozesse stellen. Diese Beurteilung muss nüchtern, komplett ideologiefrei und undogmatisch erfolgen. Ansonsten wird die Lösung nie ehrlich und wertefrei sein

Diese Frage nach dem Zweck möchte ich zuerst bei der Erinnerungskultur anstrengen.
Dabei begebe ich mich zuerst auf eine individuelle, auf eine Person bezogene Ebene und leite danach kollektive Dinge bezügliche Schlussfolgerungen ab.
Das Erinnern ist ein zentraler Bestandteil eines evolutionären Lernprozesses, der der Mensch über die Jahrtausende seiner Existenz perfektioniert hat. Deshalb ist das Erinnern ist auch in unserer Gesellschaft extrem tief und stark verankert, was diverse moderne sowie antike Sprichwörter und Aussagen untermauern. Diese sprechen häufig davon, dass, Fehler machen, böse Taten zu begehen oder eine Schuld auf sich zu laden, menschlich ist und zu einem Menschenleben dazugehören. Dieses Menschenleben unterliegt einem ständigen Lernprozess. Um diesen Lernprozess allerdings fortführen zu können, muss man aus seinen Fehlern lernen. Dies ist nur möglich, wenn man seine Fehler analysiert, was wiederum erst durch das Erinnern ermöglicht wird. Somit leistet eine schlichte Erinnerung an selbstbegangene Taten einen erheblichen Beitrag zur zukünftigen Fehlervermeidung und dient dazu sich zu verbessern, in welche Richtung auch immer.
Dieser, für jede Person individuelle Faden, lässt sich auch auf die kollektive Spule weiterspinnen. Es ist auch möglich, kollektive Fehler, die meistens sehr viel weiter reichende Folgen mit sich tragen, zu begehen. Man denke dabei nur an Kriege oder Verbrechen gegenüber Minoritäten. Auch diese, verharmlosend gesagt „Fehler“, müssen analysiert und vor allem auf ihre Ursache hin überprüft werden. Somit kann auch bei diesen Tragödien ein Lernprozess stattfinden, der vornehmlich ähnliche Taten verhindern soll. Diverse solche Lernprozesse kennt die Geschichte aus jüngerer und älterer Vergangenheit. Ein Beispiel hat es mir dabei besonders angetan: In der Zeit kurz nach der Industrialisierung waren die politischen Gewichte ungleich, das heisst, nach Geld, Einfluss und Macht, anstatt nach demokratischen Prinzipien, verteilt. Somit waren die politisch übervertretenen Arbeitgeber in der Lage, die politisch praktisch unvertretenen Arbeitnehmer zu unterdrücken und zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu zwingen. Als diese ungerechte Herrschaft im russischen Reich zum Kommunismus und zur Herrschaft der Bolschewiki führte, kamen die herrschenden Arbeitgeber zu der Überzeugung, dass eine kommunistische Revolution nur mittels tiefgreifenden, den Arbeitnehmer begünstigenden Reformen, zu verhindern war. Dies führte zu einer Verbesserung der Stellung der Arbeitnehmer, weshalb diese von der Forderung eines Systemwandels absahen. In diesem Beispiel ist ersichtlich, dass die Arbeitgeber sich an die russische kommunistische Revolution erinnerten, diese als grosses Risiko für ihre Herrschaft ansahen und somit beschlossen, das kleinere Übel zu wählen. Durch den Akt des Erinnerns und den folgenden Lerneneffekt konnte also ein vermutlich gewaltvoller Übergang und Systemwechsel erfolgreich verhindert werden. Somit konnten die Arbeitgeber mittels einer Erinnerung und des daraus folgenden Lerneffekts einen Vorteil ziehen, insofern ist es möglich, dass dieses Erinnern einen Beitrag zur Friedenssicherung und Friedensstiftung leisten kann, wodurch der Akt des Erinnerns seinen eigentlichen Sinn offenbart: Die Friedenssicherung. Ob allerdings wirklich dieser Zweck resultiert, hängt sehr stark von der Intention der beurteilenden Person ab.

Diese Friedenssicherung ist ein zentraler, aber nicht der einzige Aspekt des Erinnerns. Indem wir uns an vergangene Taten oder Ereignisse erinnern, anerkennen wir, dass in der Geschichte Begebenheiten stattgefunden haben, die die Ereignisse in unserem Leben in ihrer Bedeutung überragen. Dies ist vor allem in unserer heutigen, fast schon narzisstischen Gesellschaft, eine bedeutende Erkenntnis. In diesem Sinne übernimmt das Erinnern respektive die Historik eine weitere Funktion wahr: Das Bewusstmachen der relativen Unwichtigkeit der eigenen Existenz.

Wenn man also die wichtigsten der unzähligen Funktionen des Erinnerns zusammenfasst, kann man die Aussage treffen, dass man aus Erinnerungen oder allgemein aus dem betreiben der Geschichtswissenschaft versucht einen Vorteil herauszuschlagen. Dies ist möglich, da sich die Bedingungen in sozialen Systemen auch über längere Zeit kaum ändern und sich somit stark gleichen. Aufgrund dieser Umstände kann man aus Erinnerungen oder der Geschichte versuchen zukünftige Entwicklungen abzuleiten, vorauszusagen und ist gegebenenfalls in der Lage darauf zu reagieren, was in einer schnelllebigen Gesellschaft einen enormen Vorteil bedeutet. Dieses Prinzip des Experimentierens und Ableitens von zukünftig gültigen Aussagen nennt man das Prinzip des Empirismus. Christian Meiers Aussage stellt nun allerdings das gesamte wissenschaftliche System, das seit der Aufklärung etabliert wurde, in Frage, da es das Prinzip des Empirismus als Grundlage annimmt. Somit würde er auch seinen eigenen Beruf als empirischer Historiker in Frage stellen. Man sieht, es ist eine sehr heikle Angelegenheit, gegen das Erinnern zu plädieren, da in unserer Gesellschaft nun mal eine sehr stark ausgebildete und meiner Meinung nach unverzichtbare Erinnerungskultur existiert. Erinnern sorgt für Struktur, definiert den Rechtsstaat und hilft uns Taten in einen grösseren Kontext als den blossen Zeitraum unseres eigenen Lebens einzuordnen.

Bei all diesen Vorteile des Erinnerns drängt sich, da Christian Meier sicher ebenfalls einige Argumente in der Hinterhand hat, die Frage auf: Welchen Zweck erfüllt dann das Vergessen?

Auch diese Frage möchte ich zuerst auf einer individuellen, fast schon psychologischen Ebene beantworten. Wie die Fähigkeit des Erinnerns entstammt auch die Fähigkeit des Menschen, schrecklichste Taten zu vergessen, einem jahrtausende dauernden evolutionären Prozess. Schlimme Ereignisse zu vergessen ist ein elementarer Bestandteil der menschlichen Psyche und verhindert, dass die Vergangenheit die Gegenwart oder sogar die Zukunft verhindert oder beeinträchtigt. Somit leistet das Vergessen auf der simpleren, psychologischen und individuellen Ebene ebenfalls einen Beitrag zur „inneren Friedenssicherung.“ Damit ist der Frieden im eigenen Geiste, respektive die Ausgeglichenheit der menschlichen Psyche gemeint. Diese versimplifizierte Ansicht kann ebenfalls auf eine kollektive Ebene übertragen werden.

Auch im kollektiven Gedächtnis können Gräueltaten oder „Fehler“(Fehlverhalten)vergessen werden. Auch dieses kollektive Vergessen soll die Bildung eines „Traumas“, in der Form von Vorurteilen und Ressentiments gegenüber den Tätern oder „Begehern dieses Fehlers“, respektive deren Nachkommen, verhindern. Somit trägt auch der Akt des Vergessens die Funktion der Friedensstiftung. Diese Art der Friedensstiftung durch Vergessen, wurde in der Antike von den Griechen und den Römern praktiziert. Dazu gibt es diverse Beispiele, aber das folgende symbolisiert diese Politik der Amnesie und Amnestie am besten: Um das Jahr 44 gab es im römischen Reich einen ausgewachsenen Bürgerkrieg, dem schliesslich auch Julius Cäsar selbst, sowie sein Thron, zum Opfer fiel. Nach der Machtübernahme durch Cäsars Gegner wurde beschlossen, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und dadurch die zwei zerstrittenen, gegensätzlichen Bevölkerungsgruppen zu vereinen. Dieser Frieden wurde nur durch das gemeinsame Vergessen der beiden Gemeinschaften möglich. Nur durch diesen Prozess des Vergessens möglich, Vorurteile, Ressentiments, Ausgrenzungen sowie Feindschaften gegenüber der jeweils anderen Partei zu verhindern. Dieses Verhindern der Vorurteile ist vor allem bei Bürgerkriegen extrem wichtig, da bei dieser Art des Konflikts zwei Parteien beteiligt sind, die in der Friedenszeit gemeinsam im demokratischen Prozess partizipieren und somit eine gewisse Sympathie unabdingbar ist. Um diese, im Bürgerkrieg essentiell geschädigte gegenseitige Sympathie wiederherzustellen, ist eine Politik des Vergebens & Vergessens essentiell.

Diese Amnesie und Amnestie ist nicht nur bei Bürgerkriegen eine sinnvolle Alternative zur rücksichtslosen Verfolgung und Strafverfolgung der beteiligten Parteien, auch bei internationalen Krisen ist sie hilfreich. Bei internationalen Krisen sind die Konfliktparteien, namentlich die Bevölkerung der beteiligten Ländern, weniger stark verbandelt, als bei nationalen Krisen. Deshalb sind die zurückbleibenden Vorurteile, Ressentiments und Feindschaften zwischen den beteiligten Parteien um ein Vielfaches grösser. Aus diesem Grunde ist bei internationaler Konfliktbewältigung das Vergessen ein essentielles und wirkungsvolles Instrument. Diese Behauptung möchte ich ebenfalls mit einem historischen Beispiel untermauern.
Fast genau 2000 Jahre nach den alten Römern, genauer am 19.September 1946, trat ein gewisser Winston Churchill vor die Völker Europas und offenbarte ihnen seine Vision des zukünftigen Europas und wie mit dem deutschen Volk und ihren Verbrechen umgegangen werden soll. In seiner Rede forderte die europäische Bevölkerung zu einem segenreichen Akt des Vergessens auf: «Wenn Europa vor endlosem Elend und schliesslich vor seinem Untergang bewahrt werden soll, dann muss die europäische Völkerfamilie diesen Akt des Vertrauens und diesen Akt des Vergessens gegenüber den Verbrechen und Wahnsinnstaten der Vergangenheit vollziehen.» Diese Aussage ist in ihrer Brisanz einzigartig, da Grossbrittanien vier harte Kriegsjahre zuvor von deutschen Bombern angegriffen und zerbombt worden war, weshalb es für einen Grossteil der britischen Bürgern stossend gewesen sein muss, dass ihr Prime Minister für eine Amnesie & Amnestie gegenüber den deutschen Aggressoren eintrat. Was diesen, vor den Kopf gestossenen Bürgern, allerdings nicht klar war, ist die enorme Weitsicht, die Churchill mit dieser Aussage bewiesen hat. Ihm war klar, dass es für das politische Klima zwischen den ehemaligen europäischen Kriegsgegnern nur dann eine friedliche Zukunft geben würde, we