«Dieses Massaker hat mit dem Islam zu tun!»

von D. Pomper - Die Attentate islamischer Extremisten hätten nichts mit dem Islam zu tun, behaupten muslimische Organisationen. Arabische Intellektuelle widersprechen und fordern eine Reform des Islam.

Muslimische Extremisten haben in Paris ein Attentat auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» verübt, der Islamische Staat IS verfolgt in Syrien und im Irak Christen und Jesiden auf grausame Art und Weise, die islamistische Terrororganisation Boko Haram hat in Nigeria Hunderte Mädchen entführt und Blutbäder in einzelnen Städten angerichtet, die Terrormiliz Al-Shabaab wütet in Somalia: Weltweit morden muslimische Radikale im Namen Allahs.

Diese Gräueltaten aber hätten nichts mit dem Islam zu tun, bekräftigen muslimische Organisationen und westliche Politiker immer wieder.

«Das sind keine islamischen Taten. Der Islam verurteilt Mord und ruft zum Frieden auf», sagte etwa Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachverbände, der grössten Vereinigung der Muslime in der Schweiz. Es handle sich bei den Attentätern nicht um religiöse Menschen, sondern um politische Fanatiker, die die Religion missbrauchten.

Der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung»: «Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun.» Die Regierungen von Jordanien, Marokko und Saudi-Arabien wiesen darauf hin, dass «der wahre Islam terroristische Gewalttaten» ablehne. «Das passt nicht zur wahren Identität des Islam. Das hat in unserer Religion keinen Platz», sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Nicht länger die Augen verschliessen

Nun aber werden Gegenstimmen laut. «Doch, dieses Massaker hat mit dem Islam zu tun!», schreibt die niederländisch-US-amerikanische Politikerin, Frauenrechtlerin und Islamkritikerin mit somalischen Wurzeln Ayaan Hirsi Ali in der «Welt».

Nach jeder Attacke von Islamisten heisse es, sie dürfe nicht in Verbindung gebracht werden mit dem Islam, der eine Religion des Friedens sei. Diese Beschwichtigung müsse endlich aufhören. «Wir müssen erkennen, dass die heutigen Islamisten von einer politischen Ideologie angetrieben werden, einer Ideologie, die in den grundlegenden Texten des Islam eingebettet ist. Wir können nicht länger so tun, als sei es möglich, die Taten zu trennen von den Idealen, die sie inspiriert haben.» Im Koran stünden zahlreiche Aufrufe zu einem gewaltsamen Dschihad. Das müsse der Ausgangspunkt sein für den Westen, der auf die dschihadistische Gewalt zu oft mit Appeasement geantwortet habe.

«Wir brauchen eine religiöse Revolution»

Auch der ägyptische Präsident Abdel Fattah el-Sisi plädierte in seiner Neujahrsansprache für eine Neuinterpretation des Islam und appellierte an die religiösen Führer: «Wir brauchen eine religiöse Revolution. Und die Imame sind dafür verantwortlich. Die gesamte Welt wartet auf ihren nächsten Schritt.» Das Werk der islamischen Texte und Ideen, die sie über die Jahrhunderte als heilig erklärt hätten, erzürne die ganze Welt. Es sei unfassbar, dass das, was die Muslime als ihr religiöses und heiliges Erbe betrachteten, für sie selbst und den «Rest der Welt als Quelle der Angst, der Gefahr des Mordens und der Zerstörung wahrgenommen wird».

Der ägyptische Menschenrechtsaktivist Ahmed Harqan stellte gar die Frage: «Was hat der IS getan, was Mohammed nicht gemacht hat?» Das Gewaltproblem sei unmittelbar mit dem Islam verbunden.

Islamismus-Experte Ahmad Mansour plädiert ebenfalls für eine Reformation des Islam. Die Gräueltaten der Extremisten könnten eine Chance für eine Modernisierung des Islam sein: «Das ist ein Kampf zwischen den Modernisierern und jenen, die dazu nicht bereit sind», sagte er zu 20 Minuten. Das Individuum müsse im Zentrum stehen. Das sei der einzige Weg, gegen Radikalismus anzukämpfen. «Das ist eine humanistische Forderung, die für alle gilt.» Doch leider arbeiteten fast alle europäischen Staaten mit muslimischen Verbänden und Organisationen zusammen, die nicht zu Erneuerungen bereit seien. Solange die Politik diesen Menschen die Macht gebe, den Islam in Europa zu repräsentieren, haben andere, die Reformen anbieten, keine Plattform.

«Wir Muslime müssen uns selber reformieren

Muslimische Verantwortungsträger in der Schweiz sehen im Moment keinen Reformbedarf des Islam: «Der Islam braucht keine Reform», sagt Mustafa Memeti, Imam und Leiter des muslimischen Vereins Bern. Stattdessen brauche es «Anpassungen, die an Ort und Zeit gebunden sind». Das heisst: «Imame und muslimische Vereine sollen Verantwortung übernehmen und mit einer offenen Haltung auf ihre Mitmenschen zugehen.» Muslime sollten mit Andersdenkenden toleranter sein und den säkularen Staat anerkennen. «Nicht der Islam muss reformiert werden, sondern wir Muslime müssen uns selbst reformieren», sagt Memeti.

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/-Dieses-Massaker-hat-mit-dem-Islam-zu-tun---14406040

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