Über die immanente Bedeutung von Geschichtskonstruktion in der helvetischen Erzählung

Wo Politik auf Geschichte trifft, können kuriose Erinnerungskulturen entstehen, die oft mehr mit einem Heldenepos zu tun haben, als mit der sich tatsächlich zugetragenen Vergangenheit.

Das ist keineswegs ein Novum – schon seit sich Menschen politisch organisieren, werden legitimierende Narrative gesucht, gefunden und erfunden. Denn eine gemeinsame Geschichte wirkt nicht nur politisch legitimierend, sondern schafft darüber hinaus auch ein kollektives Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Die Bedeutung von Narrativen in der Aufbauphase des modernen Bundesstaates

Von entscheidender Bedeutung sind Narrative vor allem in kulturell-heterogenen Gesellschaften, die durch ein verfassungspatriotisches[1] Selbstverständnis zusammengehalten werden.

Die Schweiz figuriert oft das Lehrbuchbeispiel eines solchen auf einem gemeinsamen Wille und einer gemeinsamen Geschichte begründetes Staatsverständnis.[2] Denn die kulturelle Heterogenität verunmöglichte die Berufung auf identitätsstiftende Elemente wie der Sprache, Traditionen, Kultur und/oder Religion. Es mussten also eigene Identifikationspole geschaffen werden, wie eben zum Beispiel die Genese einer gemeinsamen Geschichte, die ich im Folgenden skizzenhaft nachzuzeichnen versuche.

Die alte Eidgenossenschaft als sakrale Kriegergemeinschaft?

Überlieferte Quellen zeigen, dass die zahlreichen Schlachterfolge der alteidgenössischen Kriegerschaft nicht nur Ruhm einbrachten und sie zu begehrten Söldner für angrenzende Kriegsunternehmer machten, sondern auch den bündnisinternen Zusammenhalt stärkten.

Des Weiteren war man damals gar der festen Überzeugung, dass die Schlachtensiege Ausdruck des göttlichen Willens zugunsten der Eidgenossenschaft waren. Infolgedessen internalisierte sich alsbald die Überzeugung der eigenen «göttlichen Auserwähltheit».[3] Angesichts der damaligen Zeitumstände (15./16. Jahrhundert) mag es kaum erstaunen, dass frühhelvetische Narrative stark an theistische Deutungssysteme gebunden wurden.

Der «Homo alpinus» als höheres Geschöpf?

Rund 200 Jahre später bediente man sich, entsprechend dem aufklärerischen Zeitgeist, wissenschaftlicheren Methoden für den Nachweis des helvetischen Sonderfalles. Der Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer sollte seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zufolge erkannt haben, „dass die Schweizer allein wegen des niedrigen atmosphärischen Drucks in der Höhe sich von allen Völkern unterschieden und einen eigenen alpinen Menschenschlag bildeten, den Homo alpinus (…).“[4] Und sowieso vereinte der «Homo alpinus» alle erdenklichen Tugenden auf sich: Er war „bescheiden und massvoll, gesund und kräftig, arbeitsam und wirtschaftlich autark, redlich und gerecht, loyal, mutig, tapfer“[5] – die Liste sich durch eine Vielzahl weiterer Attribute ergänzen.

Das Volk der Eigenossen war folglich nicht bloss göttlich intendiert, sondern bildete dem damaligen Verständnis nach auch eine eigene biologische Kategorie.[6]

Historische Überhöhung des «Helvetischen»

Auf die religiöse und biologische Verklärung des «Helvetischen» folgte die historische Idealisierung des Sonderfalles.

Das moderne Staatsverständnis lässt sich grob auf die drei Staatsideologien Föderalismus, Souveränität und Neutralität reduzieren.[7] Auffallend dabei ist, dass alle drei staatstragenden Prinzipien eng an vermeintlich historische Ereignisse geknüpft wurden und werden.

Sei es der Rütlischwur von 1291, der Pfaffenbrief von 1370, der Sempacherbrief von 1393 oder die Mediationskarte von 1803 – der Föderalismus wird (auch heute noch) als eine urhelvetische Institution gefeiert.[8] Die Tatsache, dass fremdherrschaftliche Einwirkungen (in Form von Vermittlungen aber auch in Form direkter Interventionen) massgeblich an der Entwicklungsgeschichte des schweizerischen Föderalismus beteiligt waren, wird dabei völlig ausgeblendet.

Auch die Erzählung von der Entstehung der schweizerischen Souveränität wird als historisch hart erkämpfte Errungenschaft inszeniert: So sollte sich bei der noch bis heute nicht belegten Schlacht am Morgarten, deren 700 jährigem Jubiläum übrigens im kommenden Jahr gedacht wird, der helvetische Freiheitsdrang in Form eines antihabsburgischen Reflexes manifestiert haben. Ebenso wurde aus dem Schwabenkrieg von 1499 ein Freiheitskrieg der Eidgenossen, in dem sie sich von der Abhängigkeit des deutschen Reiches losgekämpft haben sollten. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, dass sich die Kantone auch nach 1499 noch bis 1559 ihre Reichsprivilegien von jedem Kaiser formell haben bestätigen lassen. Auch1648 war ein wichtiges Datum innerhalb der schweizerischen Souveränitätserzählung: Im Westfälischen Frieden sollte ihre formelle Souveränität und somit ihre faktische Unabhängigkeit erlangt haben. Dass das schweizerische Verhandlungsmandat jedoch in erster Linie gar nicht die Verhandlung der eigenen Souveränität beinhaltete, sondern die Zusage des Kaisers, keine Basler Kaufleute mehr vor Reichsgerichte zu zitieren, wird in der Erzählung völlig ausgeklammert. Die Idee, in den Friedensverhandlungen die eigene Souveränität zu fordern, entsprang erst aus der Empfehlung eines französischen Gesandten hin.

Auch die schweizerische Neutralitätserzählung unterliegt einer nationalpatriotischen Überhöhung. Dabei erleben wir im bevorstehenden Jahr gleich zwei Jubiläen, welche als Eckdaten dieser aussenpolitischen Maxime gehandelt werden: Erstens die Niederlage bei Marignano von 1515 und zweitens der Wiener Kongress von 1815.

Durch die allbekannte Niederlage bei Marignano sollten die Eidgenossen die Grenzen ihrer Macht erkannt haben und zur Einsicht gekommen sein/gedrängt worden sein, dass es besser wäre, sich aus der europäischen Grossmachtpolitik zurückzuziehen. Aus diesem Vernunftsakt entsprang der Wille zur Neutralität – so will es zumindest die geläufige Erzählung. Parallel zur stolzen Proklamation der eigenen Neutralität knüpften die Orte paradoxer Weise jedoch mit diversen europäischen Grossmächten zahlreiche Soldallianzen.

Just 300 Jahre nach der verlorenen Schlacht bei Marignano sollte der schweizerische Neutralitätsbegriff um eine Komponente erweitert werden: Auf dem Wiener Kongress von 1815 sollten die europäischen Grossmächte der Schweiz die «bewaffnete Neutralität» völkerrechtlich zugestanden haben. Was man als Zugeständnis auslegen mag, könnte man nüchtern auch als eine massive Einschränkung der aussenpolitischen Souveränität betrachten, die gleichzeitig die Voraussetzung für die weitere Existenz der Eigenossenschaft war.[9]

All die aufgeführten Beispiele zeigen, dass die Mythologisierung der eigenen Geschichte und die Betonung des Sonderfalles zentrale Elemente bei der Herausbildung der eigenen nationalen Identität waren, sind und wohl auch künftig sein werden. Über die Tatsache, dass viele der als «historische Wahrheiten» stilisierten Ereignisse bestenfalls als Halbwahrheiten durchgehen, wird gerne hinweggesehen.

Man soll mich nicht falsch verstehen – es war nie Ziel meiner Ausführungen, Landesverrat an den eigenen Staatsprinzipien zu begehen. Ich bin sogar der Auffassung, dass die drei Leitmaxime Föderalismus, Souveränität und Neutralität eine prominente Rolle im eigenen Geschichtsbewusstsein verdient haben. Man soll – und das ist mein Anliegen – diese Ideologien jedoch nicht in idealisierender Art und Weise aus ihren historischen Kontexten reissen und sie als ewige historische Wahrheiten zelebrieren.

Mein Schlusswort gebührt dem Zitat von Herbert Lüthi, das ich im Referenzbuch von André Holenstein gefunden habe:

„Es ist gefährlich, wenn Geschichtsbewusstsein und Geschichtswahrheit, und damit auch das Staatsbewusstsein und Staatswirklichkeit, so weit auseinanderrücken, dass wir von uns selbst nur noch in Mythen sprechen können. Wir haben uns eine Denkschablone des Eidgenössischen geschaffen, die weniger dazu dient, unsere Gegenwart zu gestalten, als uns vor ihr in Illusionen über uns selbst zu fürchten.“[10]

Sandro Lüscher


[1] Verfassungspatriotismus: Meint ein auf gemeinsamen Werten (und nicht auf einer Ethnie) begründetes Staatsverständnis.

[2] Tatsächlich ist die idealisierte und weitverbreitete Vorstellung einer auf „gemeinsamem Willen“ begründete Bundesstaatsgründung keineswegs das Resultat eines linearen und friedlich verlaufenden Integrationsprozesses, sondern die letzte Konsequenz aus sowohl zahlreichen fremdherrschaftlichen Interventionen (z.B. Napoleon Bonapartes zwischen 1769 bis 1821), als auch aus den nach dem Sonderbungskrieg eindeutig festgelegten Machtverhältnisse (Dominanz des Freisinns). So „gemeinsam“ und „freiwillig“ war der „gemeinsame Wille“ folglich vermutlich nicht.

[3] Vgl. Guy P. Marchal (2014): Ein einig Volk von Kriegern?, S. 7, in: Literarischer Monat (2014): Die Schweiz im Krieg. Das Undenkbare als literarische Wirklichkeit. Mit Beiträgen von Charles Lewinsky, Guy P. Marchal, Robert Walser, Urs Zürcher u.a., Ausgabe 19.

[4] Ebd. Guy P. Marchal (2014), S. 7f.

[5] Vgl. ebd. Guy P. Marchal (2014), S. 9.

[6] Solche rassenbiologische Gesellschaftstheorien waren zu jener Zeit in ganz Europa en vogue.

[7] Vgl. André Holenstein (2014): Mitten in Europa. Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte. Hier + Jetzt Verlag, Baden, S. 17ff.

[8] Diese (und weitere) Jahreszahlen sind am Ständeratssaal angebracht. Vgl. André Holenstein (2014): S.17.

[9] Vgl. ebd., André Holenstein (2014), S. 17ff.

[10] Ebd. André Holenstein (2014), S. 15, zitiert nach Herbert Lüthi (1964): Vom Geist und Ungeist des Föderalismus, in: Schweizer Monatshefte 44 (1964), neu in: ders., Gesammelte Werke (2004), BD IV, Zürich, S.84.

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