Wer übernimmt Ihren Job, wenn Sie in Rente gehen?

Wenn Sie nächstes Jahr Ihren 50 Geburtstag feiern, dürfen Sie 2030 in Rente gehen. Frauen erreichen das AHV-Alter ein Jahr früher. Um es einfach zu halten, tue ich in diesem Text so, als ob alle mit 65 in Rente gehen. Sie sind dann eine von rund 135’000 Personen in Ihrem Jahrgang, die in der Schweiz 65 werden. 135’000 Personen, die potenziell einer Arbeit nachgehen könnten, verschwinden von heute auf Morgen aus dem Arbeitsmarkt. Wie viele Personen kommen dafür nach? Man muss für diese Zahl kein Prophet sein, es genügt zu schauen, wie viele Kinder im nächsten Jahr 5 Jahre alt werden. Diese feiern nämlich dann im Jahr 2030 ihren 20. Geburtstag und dürfen Ihren Job übernehmen. Nächstes Jahr werden rund 83’000 Kinder 5 Jahre alt. 135’000 gehen in Rente, 83’000 kommen in den Arbeitsmarkt. Das bedeutet, uns fehlen 51’000 Personen, die bestehende Stellen besetzen können.

Wir wissen schon heute, dass im Jahr 2030 dem Arbeitsmarkt aus nur einem Jahrgang 51’000 Personen fehlen werden.

Uns fehlen schon jetzt mögliche Arbeitnehmer. Ab diesem Jahr gehen jedes Jahr mehr Leute in Rente, als junge arbeitsfähige Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten (ohne Migration). Nächstes Jahr fehlen knapp 800 Personen. Das Jahr darauf fehlen 7’000. In 5 Jahren fehlen schon 26’000 pro Jahrgang. Innerhalb von 15 Jahren werden rund eine halbe Million Menschen in Rente gehen und keine jungen Nachfolger haben.

Diese Zahl spricht aber noch nicht die gesamte Wahrheit. Wenn unsere Wirtschaft auch in Zukunft wachsen soll. Also erfolgreiche Unternehmen hier Fabriken bauen und Arbeitsplätze schaffen sollen, dann werden wir ein noch grösseres Minus haben.

Was tun? Wir verfügen über mehrere Stellschrauben, uns auf diese Situation vorzubereiten.

Mehr Frauen in den Arbeitsmarkt
Bringen wir mehr Frauen dazu, länger im Arbeitsmarkt zu bleiben.

Länger arbeiten
Eine weitere Stellschraube ist das Rentenalter in kleinen Schritten zu erhöhen. Oder die Firmen bringen die Leute dazu, freiwillig nach der Pension weiter zu arbeiten.

Optimieren
Wo immer möglich, sollten wir schauen, wie wir effektiver werden. Mit weniger Leuten, mehr Arbeit erledigen, führt zu weniger bedarf an Arbeitskräften.

Die richtigen Arbeitsplätze
Noch besser als eine Arbeit schneller zu erledigen, ist zu fragen, ob eine Arbeit in diesem Land verrichtet werden muss. Einst hatten wir beinahe 100% Bauern in der Schweiz. Diese Zahl fiel auf unter 4% und uns geht es besser den je. Diese Zahl musste fallen, damit es Bäcker, Ärzte, Fahrlehrer, Uhrenbauer usw. geben konnte. Wenn eine Initiative an die Urne kommt, die eine höhere Selbstversorgung will, müssen wir uns überlegen, wollen wir tatsächlich mehr Arbeitskräfte in der Landwirtschaft einsetzen und dann fehlen sie an anderen Orten?

Der Staat als Arbeitgeber
Den Politikern und dem Staat kommt eine besonders wichtige Rolle zu. Während Firmen, die im freien Wettbewerb stehen, durch den Markt zu einer möglichst schlanken Struktur getrieben werden, sieht dies beim Staat anders aus. Heute ist er der grösste Arbeitgeber und schafft am meisten Stellen. Politiker und die Verwaltung müssen sich in Zukunft ernsthaft fragen, müssen wir diese oder jene Aufgabe erledigen und brauchen wir dafür mehr Personal? Bringt diese Arbeit einen echten Mehrwert, dass man mit gutem Gewissen diese Arbeitskraft der freien Wirtschaft entziehen kann?

“Hoffen”, dass es weniger Arbeitnehmer braucht
Diverse Leute singen schon den Abgesang auf 100’000e von Jobs. Ja, es werden viele Jobs verschwinden, so wie es heute keine Aschenmänner, Lohnkutscher oder Lavendelweiber mehr gibt werden vermutlich Jobs wie Automechaniker, Lokrangierführer oder Verkaufspersonal an der Kasse verschwinden. Gleichzeitig entstehen aber ganz neue Jobs. Was glauben Sie, hätte sich 1930 jemand vorstellen können, dass Leute dafür bezahlt werden, in einen Bildschirm zu gucken und auf einer Tastatur zu tippen? Der Ökonom Maynard Keynes prophezeite 1930, dass seine Grosskinder dereinst 3 Stunden pro Tag arbeiten - aber nur, wenn sie wollen. Man darf wohl von einer fehlgeschlagenen Prognose sprechen.

Migration
Bis jetzt hat die Schweiz ihr Defizit auf dem Arbeitsmarkt über das Ausland aufgefangen. Insbesondere Stellen mit hoher Wertschöpfung konnten in den letzten Jahren so besetzt werden. In Zukunft wird dies massiv schwieriger werden. Nicht wegen der Kontingente der MEI, vielmehr stehen unsere Nachbarn vor demselben Problem wie wir. Deutschland und Italien, die Länder, von denen die meisten Migranten hier leben, laufen in ein noch grösseres Defizit, weil sie im Vergleich zur Schweiz in den letzten Jahren weniger Migration und eine tiefere Geburtenrate hatten. Deutsche Firmen werden in Zukunft vieles tun, um ihre Landsleute vom Auswandern abzuhalten. Diese Personen werden uns fehlen.

Höhere Geburtenrate
Ist keine Lösung. Weil, wer nächstes Jahr gezeugt wird, erst in 21 Jahren ins Arbeitsfähige alter kommen wird. Damit können Sie keine halbe Million potenzielle Arbeitnehmer auffangen.

Negative Wirtschaftsentwicklung
Eine weitere Möglichkeit ist es, auf Wirtschaftswachstum zu verzichten. Sich der Situation zu ergeben und zuschauen, wie die Firmen abwandern. Der Binnenmarkt schrumpft. Die Immobilienpreise fallen. Die PK-Gelder schwinden. Der Wohlstand allgemein zurück geht. Die medizinische Versorgung sich verschlechtert und die Lebenserwartung abnimmt.

Es wird nicht eine Lösung geben, die uns aus der Misere herausholt. Es braucht eine breite Diskussion und die Offenheit, Lösungen für die Zukunft zu finden. Auch solche Lösungen, die schmerzen. Politiker tendieren dazu, an die nächsten Wahlen zu denken. Wir als Bevölkerung haben in der Schweiz die Möglichkeit über diesen Horizont hinaus zu blicken. Den diese Entwicklung betrifft uns alle.

Wir dürfen mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Die Schweiz ist in einer einmaligen Position. Ja, es ist eine grosse Herausforderung, die auf uns zukommt. Es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem. Die Schweiz hat aber grosses Glück. Dank Schuldenbremse verfügen wir über solide Finanzen. Die Unternehmen in diesem Land wirtschaften erfolgreich. Unser Ausbildungssystem ist Top. Wir leben in einem schönen Land, das für viele Menschen attraktiv ist. Die Schweiz verfügt über sämtliche Vorteile, um diese Situation zu meistern - aber nur, wenn wir uns der Herausforderung stellen. Ich persönlich habe vertrauen in das Schweizer Volk.

Egal, ob Sie nächstes Jahr 50, 22 oder 78 alt werden. Ob Sie von der SP, SVP, der FDP sind oder keiner Partei zugehören. Ob Schweizer oder Ausländer. Ihnen allen einen tollen Rutsch in ein erfolgreiches 2015!

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