Für mehr “Töffli-Frisierer” – ein Plädoyer für Technische Berufe

Qualifizierte Arbeitskräfte sind der Motor für die Innovations-, Wettbewerbs- und Wachstumsfähigkeit der Schweizer Volkswirtschaft!

Es herrscht jedoch ein Fachkräftemangel. Ein ausgesprochener Mangel besteht in technischen Berufen. Speziell bei KMU’s kreiert dies gravierende Probleme. Diese unbefriedigende Situation muss dringend angegangen werden. Mehr Jugendliche müssen zur Aufnahme einer Berufslaufbahn in technischen Berufen motiviert werden.

«Technikfremd» seien viele Jugendliche. «Heute kann kein Kind mehr ein Töffli frisieren», meinte Daniel Thommen von der FHNW-Hochschule für Technik in Brugg-Windisch. Dies war kürzlich an einer Diskussion in Solothurn zum grassierenden Fachkräftemangel zu hören. [1]

Die Schweiz ist – gemessen an der Industrieproduktion pro Kopf – das am meisten industrialisierte Land. Zudem stammen fast ein Viertel des Schweizerischen Bruttoinlandproduktes (BIP) aus der Industrie und dem Baugewerbe.

Der Fachkräftemangel bedroht die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Seit 2012 rutschte die Schweiz im alljährlich erhobenen Wettbewerbsindex des Weltwirtschaftsforums (WEF) vom 14. auf den 24. Platz bezüglich der Verfügbarkeit von Ingenieuren und Wissenschaftlern ab. [2]

Gerade der Kanton Bern, als grösster Industriestandort der Schweiz, ist von den Folgen des Fachkräftemangels besonders betroffen.

Es muss gehandelt werden, da dieser Mangel sich mit der (bis jetzt unklaren) Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative noch verschärfen wird.

Das Problem wurde teilweise verschlafen. Mit der ungehinderten Rekrutierung von Fachkräften im Ausland konnte die Ausbildungslücke bisher locker geschlossen werden.

Woran liegt es aber, dass sich nicht genügend Jugendliche für technische Berufe entscheiden?

  • Die hohe Maturitätsquote von etwa 20%, diese ist etwa doppelt so hoch wie vor 30 Jahren, hält viele geeignete Leute von der Berufslehre fern.

  • Die “Verakademisierung” ist ineffizient, wenn man bedenkt, dass etwa 25 Prozent aller Studien abgebrochen werden. Auch auf Hochschulstufe befinden sich übrigens die technischen Studien in der Minderzahl. Auf 44 000 Studierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften an den Universitäten kommen heute nur 24 000 in den exakten und Naturwissenschaften. [3]

  • Die Sprachlastigkeit unseres Bildungssystems scheint zum Technikverdruss der Jugendlichen beizutragen. Die Jugendlichen sind nicht mehr technisch interessiert. Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer werden oft vernachlässigt, entsprechende Begabungen oft weder erkannt noch gezielt gefördert.

  • Vielerorts herrscht ein veraltetes Bild von den verschiedenen technischen Berufen vor. Andere Berufsgattungen erscheinen attraktiver und geniessen höheres soziales Ansehen. Die technischen Lehrbetriebe betreiben wenig Eigenwerbung, um ihr Lehrlingsangebot in einem guten Licht darzustellen.

Die Lösungsansätze könnten folgendermassen aussehen:

  • Die Maturitätsquote ist zu senken – der duale Bildungsweg ist weiter zu stärken und mehr Berufsleute mit Berufsmatura auszubilden. In einer Zeit, in der offenbar immer mehr Junge den tertiären Weg anstreben, scheint es wichtig, auf die Vorzüge des dualen Systems und den Wert der Berufslehre hinzuweisen.

  • Ein guter Unterricht in technischen Fächern fördert nachweislich das Technikinteresse der angehenden Berufstätigen. Das heisst, die Lehrpläne müssen überdacht werden und die spezifische Ausbildung von Lehrpersonen aller Stufen muss zwingend verbessert werden. Auch gibt es Stimmen, die vermuten, dass der Mathematikunterricht durch die neueren Lehrmethoden nicht unbedingt an Qualität gewonnen hat.

  • Das mit Abstand wichtigste Informationsmittel für die Berufswahl stellt die Schnupperlehre bzw. das Praktikum dar: Drei Viertel der Jugendlichen stützen sich darauf, wenn sie sich für einen Beruf entscheiden. Lehrbetriebe müssen attraktive Schnupperlehrplätze anbieten und eine gute Betreuung der Jugendlichen sicherstellen.

  • Betriebe müssen einen Effort leisten, um sich den Jugendlichen als interessante und moderne Ausbildungsbetriebe zu präsentieren, in denen es auch «menschelt», da die Jugendlichen häufig die Arbeitsatmosphäre in Form des Verhältnisses mit Kollegen und Chef als wichtiges Entscheidungskriterium benennen. [4]

  • Wenn Schülerinnen befragt werden, können sich nur 27 Prozent vorstellen, einen technisch-handwerklichen Beruf zu ergreifen, im Gegensatz zu 72 Prozent bei den Schülern. Von jährlich 20’000 MINT-Lehrstellen werden nur 1000 von jungen Frauen besetzt. In keiner anderen Branche ist das Geschlechterverhältnis so verzerrt. Es besteht also dringender Bedarf, spezifische Massnahmen zu ergreifen, um die technischen Berufe Schülerinnen näher zu bringen. [4]

  • Als weitere Massnahme sind Workshops für Schüler und Eltern, Schnuppertage oder Projektwochen ins Auge zu fassen.

Die Schweizer Wirtschaft lebt von innovativen High-Tech-Unternehmungen. Diese brauchen dringend genügend gut ausgebildete, motivierte und fähige Berufsleute und Ingenieure.

MINT bedeutet Studium und Berufe in Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik.

[1] http://m.solothurnerzeitung.ch/solothurn/kanton-solothurn/viele-eltern-haben-veraltete-vorstellungen-ueber-industrieberufe-128555548
[2] http://www.aargauerzeitung.ch/wirtschaft/fachkraeftemangel-bedroht-die-hohe-wettbewerbsfaehigkeit-der-schweiz-128309567
[3] http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Was-ist-gegen-den-Fachkraeftemangel-zu-tun/story/19813491
[4] http://www.htwchur.ch/uploads/media/Bericht_Berufswahl_final_kl.pdf

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