Berlin, Bornholmer Strasse

Was wie eine harmlose Adresse klingt, hat es in Wirklichkeit in sich.

Heute vor 25 Jahren wurde dort der eiserne Vorhang zwischen Ost und West eingerissen, resp. beerdigt.

Die SED-Führung musste sich aufgrund immer höher schwellenden Proteste einige Gedanken machen und verfasste einen Plan zur Erleichterung der Ausreise für DDR-Bürger nach dem Westen. In der Panik ging da aber eine genaue Zeitangabe vergessen, was Genosse Schabowski zu einer folgenschweren (Falsch?-) Aussage veranlasste:

Darauf hin staute sich das Volk an den Grenzübergangsstellen. Die DDR-Bürger bezogen sich auf die Informationen der "Aktuellen Kamera" und pochten auf ihre plötzlich neu gewonnene Freiheit. Sie stellten aber durchaus auch klar: "Wir kommen wieder!"

Dieses "Wir kommen wieder" beschäftigt mich. Die DDR war gewiss nicht alles, aber sie war auch Heimat und bot Sicherheit.

Diese Aussage soll bitte nicht dieses Regime verharmlosen. Menschen ohne Grund einzusperren, das ist wohl etwas vom Verwerflichsten was man tun kann.

Dieser Grenzbeamte, der an der Bornholmer Strasse als erster überhaupt den Schlagbaum für alle öffnete, er bewies grossen Mut, denn dieser Schritt war von "oben" keineswegs abgesegnet. Menschlichkeit braucht ab und an etwas Mut, sie macht uns aber auch alle erst zu Menschen.

Hätte auch ich diesen Mut gehabt? Ich weiss es nicht, wohl eher nicht, oder dann nur ab einem gewissen Alkoholpegel. Wie hätte ich gelebt, wenn ich in der DDR aufgewachsen wäre? Wäre wirklich alles viel schlechter gewesen? Vermutlich hätte ich ab und an Ärger mit den Behörden bekommen, weil ich im Suff Dinge geäussert hätte, die man nicht sagen sollte. Zu einer Verhaftung hätte es wohl nie geführt, denn ich hätte mich mit den Grundideen dieses "Arbeiter- und Bauernstaates" durchaus identifizieren können.

Die DDR, Geschichte und vergessen? Ich bin oft in den sog. neuen Bundesländern unterwegs und ich erkenne dort bei den Einheimischen eine gewisse Wehmut ja fast Heimweh, nach der guten alten Zeit. Ja, die Reise- und Meinungsfreiheit weiss man durchaus zu schätzen. Aber davon ist auch nicht gegessen. Früher in der DDR gab es zwar nur selten Bananen (aus Kuba), aber die Grundnahrungsmittel waren immer da und sehr billig. Heute sind sie fast nicht mehr zu bezahlen.

Den meisten ehemaligen DDR-Bürgern geht es materiell eher schlechter als vor der Wende.

Aber sie sind frei! Zynisch?

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