Die Skepsis gegenüber dem Fremden — ein urhelvetischer Abwehrreflex?

Die Schweiz befindet gegenwärtig inmitten einer gesellschaftsidentitären Krise; einer umfassenden Transitionsphase; einem gesellschaftspolitischen Scheideweg. Nichts macht das so deutlich wie die vergangene Annahme der Masseneinwanderungsinitiative und die gegenwärtigen Debatten rund um die Ecopop-Initiative und der Länder- vor Völkerrechts-Initiative. Allen Vorlagen ist gemein, dass sie das gegenwärtige Verhältnis der Schweiz zum Rest der Welt infrage stellen.

Die Angst vor dem Fremden als ständiger Begleiter?

«(…) die Angst vor dem Fremden [gehört] zu unserer DNA» schrieb Patrik Müller in einem Artikel der heutigen Ausgabe der Schweiz am Sonntag und meint damit, dass die reflexartige Ablehnung des Fremden Ausdruck eines helvetischen Urtriebes ist.

Die polemische Überspitztheit seiner Aussage soll nicht über deren wahren Kerngehalt hinwegtäuschen. Denn die Angst vor fremder Herrschaft und dem damit einhergehenden Verlust der eigenen territorialen Integrität bzw. Angriffe auf die politische Unabhängigkeit der alten Schweiz, waren, wie die zahlreichen Territorialkriege und fremdherrschaftlichen Einflüsse in der Entwicklungsgeschichte unseres Landes (Stichworte: Habsburgerkriege, Franzoseneinfall) gezeigt haben, keine her-schizophrenierten Ängste eines xenophoben Bergvolkes, sondern die gefühlte Realität.

Diese latente Angst hat sich wie ein Brenneisen in das kollektive Bewusstsein gebrannt und schlummert noch heute in so manchen Köpfen.

Tempora mutantur

Die bösen Habsburger von einst, die sich mit allen Mitteln unseres Staates bemächtigen wollen, sind Geschichte. Die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Bedrohungsfalles konvergiert gegen Null. Unter diesen neuen Vorzeichen ist die unreflektierte Ablehnungshaltung gegenüber Fremden und Fremdem nicht nur illegitim, sondern auch hinderlich in Bezug auf die nüchterne und sachbezogene Bewertung gesellschaftpolitisch-wegweisender Grundsatzentscheide.

Es wird Zeit, dass wir diese reaktionären Ängste überwinden — es steht schlicht zu viel auf dem Spiel.

Sandro Lüscher

28 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

1 weiterer Kommentar

Mehr zum Thema «Abstimmungskampf»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production