Ja zur viersprachigen Schweiz – Ja zum Frühfranzösisch

In diversen Deutschschweizer Kantonen gibt es Bestrebungen das Frühfranzösisch in der Primarschule abzuschaffen. Im Weitesten fortgeschritten sind solche Bestrebungen im Kanton Thurgau, wo jüngst das Kantonsparlament bereits einer in diesem Sinne lautenden Motion zugestimmt hat. Diese Debatte gibt mir sehr zu denken. Warum?
Die Schweiz ist eine Willensnation. Wir haben keine uns einigende Sprache oder Kultur. Doch haben wir eine mittlerweile lange gemeinsame Geschichte. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass es noch nicht lange her ist, als der Konfessionsgraben noch schwere Konflikte auslöste. Was uns aber eint, ist der Wille zusammenleben zu wollen, gemäss den in unserer Verfassung verankerten Prinzipien wie Föderalismus, direkte Demokratie und Gewährleistung der Grundrechte.
Wer in einer Partnerschaft oder in einer Gemeinschaft zusammenleben will, muss sein Gegenüber verstehen. Das ist in der Familie nicht anders, wie in der Wirtschaft oder Politik. Die Gegner des Frühfranzösisch machen didaktische Gründe für Ihre Ablehnung geltend und monieren oft, es gelte lediglich sicherzustellen, dass man miteinander kommunizieren könne. Dies könne auch in englischer Sprache sein.
Wenn ich solche Aussagen höre, mache ich mir Sorgen um den nationalen Zusammenhalt. Sich gegenseitig zu verstehen, heisst nicht nur miteinander in irgendeiner Sprache kommunizieren zu können. Verstehen heisst, die Kultur, die Eigenheiten und Lebensumstände kennenlernen zu wollen und bereit zu sein, sich mit der anderen Sprachregion auseinanderzusetzen. Beim Frühfranzösisch geht es deswegen nicht nur um das Pauken eines Wortschatzes und das Lernen einer Grammatik. Es geht um kulturelles Verständnis, Wertevermittlung, Respekt und Wertschätzung.
Wer allen Ernstes meint, unser Land könne darauf verzichten und es sei wichtiger, möglichst früh aus rein wirtschaftlichen Gründen Englisch zu lernen, befindet sich auf dem Holzweg. Hier geht es um die einfache Frage: Welchen Wert hat der Erhalt einer friedlichen und lebendigen viersprachigen Schweiz? Wie kommt es, dass gewisse Kantone offenbar die französischsprachige Schweiz nicht einmal mehr soweit wertschätzen, dass sie die Sprache der jeweils anderen Sprachregion in der Primarschule erlernen lassen wollen? Und wie erst steht es um die Wertschätzung der italienischsprachigen und rätoromanischsprachigen Minderheiten, wenn sie nicht einmal gegenüber der französischsprachigen Minderheit gegeben ist?
Die Diskussion um das Frühfranzösisch zeigt mir, dass für viele Menschen der Zusammenhalt unseres Landes im besten Fall einfach gegeben, im schlimmsten Fall sogar unbedeutend ist. Ganz nach dem Motto: Die Schweiz ist wie sie ist und wird das auch noch in 50 Jahren sein. Das hoffe ich auch. Nur bin ich fest davon überzeugt, dass es dafür den Einsatz von uns allen braucht. Wir wollen nicht nebeneinander, sondern miteinander stark sein. Die grosse Stärke der Schweiz ist der sprachliche Frieden und der im Ausland bewunderte Umgang mit unseren vier Landessprachen. Tragen wir Sorge dazu, zur Einheit in der Vielfalt. Wir alle sind gefragt. Leisten wir vermehrt wieder unseren persönlichen Beitrag für die Willensnation Schweiz. Dieser beginnt bei der sprachlichen Bildung in der Primarschule.

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