Nicht nur Muslime, alle...

Schweizer Bischöfe wünschen sich von muslimischen Organisationen in der Schweiz eine klare Verurteilung der Verfolgung von Christen und anderen Minderheiten durch die IS-Terrormilizen in Syrien und im Irak. Die Forderung kommt bei Schweizer Musliminnen und Muslimen nicht überall gut an.

Die meisten der 400'000 Muslime in der Schweiz seien gar nicht religiös. Sie würden sich dagegen verwahren, dass irgendwelche Verbände in ihrem Namen sprächen, sie seien ebenso empört über die IS-Schandtaten wie ihre Mitbürger, sagt Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Die Islamwissenschafterin Rifa’at Lenzin fragt, wieso sie sich als Muslimin dauernd von etwas abgrenzen müsse, mit dem sie nichts zu tun habe.

Das ist verständlich. Einerseits.

Doch stellt sich andererseits schon die Frage, wer sich denn glaubhafter von diesen Schandtaten distanzieren kann als wichtige Exponenten jener Religion, in deren Namen die Verbrechen begangen werden. Der Berner Imam Mustafa Memeti begrüsst den Aufruf der Bischöfe. Sie hätten recht, wenn sie ein deutlicheres Engagement erwarteten. Tatsächlich ist die Verurteilung der IS-Terrormiliz durch islamische Organisationen auch nicht ausgeblieben. Die verabscheuungswürdigen Taten würden mit den Grundsätzen des Islam in keiner Weise übereinstimmen, sagt Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz. Von einer der höchsten Autoritäten im sunnitischen Islam, Scheich Abbas Abdullah Shuman in Kairo, ist zu lesen, dass die Besetzung eines Staates und die Tötung der halben Bevölkerung nichts mit einem islamischen Staat zu tun habe, sondern nur mit Terrorismus. Ein islamisches Kalifat könne niemals mit Gewalt hergestellt werden. Und Imen Gallala-Arndt, Referentin am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, kommt in einer Analyse zur Verträglichkeit des modernen Rechtsstaates mit dem Islam zur – hoffnungsvollen – Erkenntnis, dass der Islam liberale Ansichten nicht verbiete und Reformen sich mit der Religion vereinbaren liessen. Der Mythos der Unwandelbarkeit des islamischen Rechts halte einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.

Das beruhigt doch schon einmal ein bisschen. Wer befürchtet, die IS-Mörderbande könne ihre Legitimation aus dem Islam ziehen, kann sich daran aufrichten. Zumal die erwähnten Stimmen auf nationaler wie auf internationaler Ebene nicht die einzigen sind. Doch ich gehe einig mit den Bischöfen: es sollten noch viel mehr muslimische Verbände und Persönlichkeiten sein, die sich lautstark empören und distanzieren. Durch einen geeinten, aktiven und lauten Protest liessen sich die Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen, über welche sich die Muslime beklagen. Und auch die Ängste, die in der westlichen Gesellschaft unter anderem darin gründen, dass sich der Islam als einzige der drei monotheistischen Religionen der Aufklärung verweigert hat. Sich vom Fundamentalismus klar abzugrenzen, gehört zum Auftrag jener, welche Musliminnen und Muslime repräsentieren.

Doch der Aufstand sollte auch von christlicher Seite machtvoller sein, womit die ganze westliche Gesellschaft gemeint ist. Er kann sich nicht auf Bischöfe und christliche Organisationen beschränken. Es geschieht ein Genozid an Christen und anderen religiösen Minderheiten. Wenn man bedenkt, welche Proteste der Gazakonflikt in den letzten Monaten auslöste, fragt man sich schon wo die Empörung bleibt gegenüber dieser fanatischen Bande von Terroristen, die sich ins Mittelalter verirrt hat. Der Eindruck mag täuschen, aber in unserer säkularisierten westlichen Gesellschaft lösen die Worte Christen und Christenverfolgung manchenorts Unbehagen aus. Das lässt auf ein verkrampftes Verhältnis zu Religionen schliessen, zur eigenen, aber auch zu anderen. Dem gegenseitigen Vertrauen ist das nicht förderlich.

Ein starker gemeinsamer Auftritt der Spitzen aller Religionsgemeinschaften, welche in einer aufgeklärten Gesellschaft leben, könnte dieses Vertrauen herstellen. Die Botschaft basiert auf einem gemeinsamen Bekenntnis, nämlich demjenigen zur Religionsfreiheit und zugleich zum Vorrang des Rechtsstaates vor der Religion. Dieses gemeinsame Bekenntnis beinhaltet Toleranz, aber gleichzeitig auch Intoleranz gegen jeglichen Fundamentalismus. Es beinhaltet eine Kampfansage gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Namen der Religion. Und es schützt alle Religionen gleichermassen davor.

Die Botschaft wäre nicht zu überhören, im Sinne einer modernen Auslegung von Lessings Ringparabel, die die Religionen gleichsetzt, indem sie diese einer höheren Macht unterordnet, derjenigen der freien Demokratie.

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