Sommerloch 2014: regnerisch und knapp bekleidet. Von #Selfiegate- und weiteren Affären, Sommerlochtieren & -Körperteilen und verirrten Medien.

Für einmal die schlechte Nachricht zuerst: für die meisten von uns, geschätzte Damen und Herren, sind die Regen- bzw. Sommerferien nun definitiv vorbei, der Alltag hat uns wieder eingeholt. Und nun die gute Nachricht: Mit dem Ende der grossen Ferienzeit sollte nun auch für unsere Medienschaffenden die qualvolle Zeit des Sommerloches vorbei sein. Der Begriff meint die aufgrund des pausierenden Polit- und Sportbetriebs eher nachrichtenarme Zeit, in welcher die Medien teilweise Mühe bekunden, ihre Leser(innen), Zuhörer(innen) und Zuschauer(innen) mit relevanten Nachrichten zu versorgen. So viel sei schon gesagt: Diesen Sommer wurden wir weder von Regen noch von der Medien-Dürre verschont.

Zugegeben, nicht alle Medienkonsumenten sind von diesem Phänomen gleich stark betroffen. Mich persönlich, als ausgeprägten Medien-Junkie, der täglich mehrere Zeitungen, egal ob in gedruckter Form oder auf Online-Portalen liest, trifft diese Nachrichtendürre jeweils besonders hart. Andere sehen das weniger dramatisch. Nick Lüthi, Redaktor der „Medienwoche“, liess sich sogar dazu hinreissen, ein „Hoch auf das Sommerloch“ zu verfassen. Diese nachrichtenarmen Zeiten „bieten Journalismus, wie es ihn in den übrigen zehn Monaten des Jahres zu selten gibt; lange und hintergründige Formate, langsame und unaufgeregte Geschichten, die beim Publikum einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen als der hochtourige Hamsterradjournalismus“, schreibt Lüthi.

Nun, was ist davon zu halten? So viel vorneweg: nicht viel. Fairerweise muss gesagt sein, dass Lüthis Analyse aus dem Jahr 2012 stammt. Ich bezweifle, dass man über das Sommerloch 2014 ähnlich wohlwollende Worte finden wird. Eingeläutet wurde das diesjährige Loch mit ausgeprägter Berichterstattung über politisch-neurologisch angehauchte Vergleiche über angeblich verkehrte Hirnlappen, aufgestellt von einem Zürcher Politiker älteren Datums. Ein Kommentar darüber erübrigt sich. Den vorläufigen Höhepunkt und hoffentlich auch das Ende dieser Dürre markierte die sogenannte „Selfie-Gate“-Affäre. Angesichts des medialen Hypes müsste man von weltbewegenden und äusserst relevanten Vorkommnissen ausgehen, die sich in den letzten Tagen zugetragen haben sollen. Für alle diejenigen, welche sich in den Ferientagen eine Auszeit vom regelmässigen Medienkonsum gegönnt haben, hier eine kurze Zusammenfassung.

Gemäss diversen Zeitungen hatte eine Angestellte im Bundeshaus, genauer bei den Parlamentsdiensten (wie hartnäckige Recherchearbeiten zutage förderten), mehrere Nacktbilder von sich via der Social-Media-Plattform Twitter verbreitet und - halten Sie sich fest - in ihrer Freizeit auch hobbymässig in einschlägigen Filmen mitgespielt. Ein gefundenes Fressen also. Es geht um Sex, nackte Haut in Verbindung - wenigstens weit hergeholt - mit Politik. Die Boulevard-Medien sprangen sofort auf den Zug auf; aus der Angestellten wurde kurzerhand die „Porno-Sekretärin A.“, diverse Bildstrecken für die interessierte Leserschaft folgten. Soweit nichts Neues. Immerhin: das bekannte Phänomen der „Sommerlochtiere“ aus vergangenen Jahren, wie z.B. der Problembär oder das Ungeheuer von Loch Ness, wurde dieses Jahr um die relativ neue Gattung der Sommerlochkörperteile ergänzt.

Zu denken geben sollte lediglich, dass nicht nur die klassischen Boulevard-Medien ausgedehnt über die Bundeshaussekretärin mit speziellen Freizeitaktivitäten berichtet haben. Losgetreten wurde die Affäre von der „Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)“, Flaggschiff der Schweizer Printmedien und Inbegriff von Journalismus mit Substanz und Relevanz. Dennis Bühler, Inlandredaktor bei der „Südostschweiz“ monierte zu Recht: “Medien haben im Kampf um Aufmerksamkeit und Klicks ihren Kompass verloren. Sogar die NZZ.“

Zu hoffen bleibt, dass mit dem Ende der Saure-Gurken-Zeit wieder relevante Berichterstattung in den Fokus der Zeitungen gerät. Spektakuläre und wichtige Ereignisse gäbe es im In- und Ausland zuhauf. Und eine interessierte und dankbare Leserschaft sowieso.

Als Kolumne "Sommerloch 2014: regnerisch und knapp bekleidet" erschienen im Thuner Tagblatt, 16. August 2014

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