Geschäftsmodell Schweiz in Gefahr

Die Schweiz verdient ihr Geld mit Pharma, Uhren und Banken - und all diese Branchen stehen vor potenziell riesigen Umwälzungen. Schon Morgen könnte Swatch das nächste Nokia sein, Novartis aus der Schweiz abziehen und die UBS vom internationalen Riesen zum nationalen Zwerg schrumpfen. Technologie, gesellschaftliche Entwicklungen und verpasste Produkte stellen das Erfolgsmodell Schweiz infrage.

Swatch das nächste Nokia?
Nick Hayek liefert Jahr für Jahr beeindruckende Zahlen. Er und seine Schwester scheinen die Arbeit ihres Vaters hervorragend weiterzuführen. Als ich aber Nick Hayeks Interview im Blick zur digitalen Uhr der Smartwatch las, lief es mir eiskalt den Rücken runter. “Die Menschen kauften Uhren nicht wegen Funktionen, sondern wegen Emotionen.”, meinte er. Am liebsten hätte ich ihn 24 Stunden in einen Raum gesteckt, wo er sich dieses eine Video in der Dauerschlaufe anschauen muss:

Steve Ballmer, ehemaliger CEO von Microsoft lachte bei der Einführung über das iPhone, weil er keinen Grund für ein teures iPhone sah. So wie viele Uhrenmanager heute keinen Grund für eine digitale Uhr sehen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir, das iPhone wurde zum Riesenerfolg und Microsoft rutschte in die Bedeutungslosigkeit im Telefonmarkt ab. Später kaufte Ballmer Nokia, die den Trend zum Smartphone ebenfalls verschliefen. Nokia hat zwar wie die Swatch den neuen Markt genau beobachtet und experimentierte schon lange vor dem iPhone mit Smartphone Funktionen herum, nur verstanden sie es nicht, diese zum Erfolg zu bringen. In Finnland steht man heute vor einem Scherbenhaufen. Ob die Schweizer Uhrenindustrie über das Know-how verfügt, um aufzuholen, wenn eine Firma mit digital Know-how den richtigen Weg für die digitale Uhr gefunden hat? In der Schweiz stehen knapp 60’000 Stellen auf dem Spiel.

Wer braucht noch die UBS?
Die digitale Entwicklung hat schon manchen Riesen in die Knie gezwungen und Schwierigkeiten gemacht. Nehmen Sie nur die Briefpost. 1995 wurde ich von Pöstlern ausgelacht, als ich sagte, ihre Briefpost sei in Gefahr. 2004 beklagte sich die Post zum ersten Mal öffentlich, dass die transportierte Briefpost zurückging. 2007 kamen sie mit Studien, dass ein Brief werthaltiger sei, als eine E-Mail und merkten an, dass die Zahl der Sendungen bei 5.117 Milliarden liegt. Heute hat sich diese Zahlen auf etwas über 2.2 Milliarden halbiert und der Trend geht weiter. Die E-Mail macht aus dem Brief, was das Auto aus der Kutsche gemacht hat, ein “wertvolles Gut”, dass nur noch zu speziellen Anlässen gebucht wird.

Was, wenn es der UBS & Co. auch so ergeht? Bankenüberweisungen in der Schweiz dauern heute bis zu 24 Stunden. Mit digitalen Bezahldiensten wie Paypal dauert eine Überweisung keine 5 Sekunden und sie wird einfach per Mail ausgelöst. Wenn Geschäfte mittels Kreditkarten bezahlen, verdient die UBS womöglich Geld, weil ihr Konto als Mittelskonto genutzt wird. Nur wer braucht in Zukunft noch ein Mittelskonto oder eine Kreditkarte? In den USA sind heute viele Kreditkartenterminals mit Google Wallet ausgestattet, dem Zahlungsmittel von Google. Es braucht keine Bank und es braucht keine Kreditkarte. Verdienen tun heute Google, Paypal und auch Facebook hat schon eine Bankenlizenz. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn unsere Banken gegen dieses Trio antreten. Allein Facebook hat fast 1 Milliarde Kunden. Facebook kann mittels Big Data viel besser herausfinden, wer Kreditwürdig ist und wer nicht.

Der eine oder andere Banker mag jetzt sagen, wir verdienen unser Geld anderswo. Tja, zumindest bis heute, aber auch morgen? Crowdfunding übernimmt immer mehr die Unternehmensfinanzierung. Private Lender Clubs übernehmen die private Kreditvermittlung und digitale Software, wie der Warren, rechnen heute zuverlässiger als jeder Investmentbanker aus, welche Aktien in welchen Situationen steigen oder fallen. Sie können ihn zum Beispiel fragen: Die Aktien welcher Zementfirma steigen am meisten im Wert, wenn ein Hurrikan der Kategorie 3 auf Florida trifft? Digitale Helfer werden diese Branche auf den Kopf stellen, ob die Schweiz die nötigen Fähigkeiten hat, diese Entwicklung erfolgreich mitzumachen? Oder gehen da weitere Branchenriesen Pleite, so wie Kodak den Übergang zur digitalen Entwicklung nicht geschafft hatte?

Und dann die Pharma...
Ich könnte Ihnen von Geräten erzählen, die Medizin in naher Zukunft ähnlich einem Tintenstrahl-Drucker drucken - persönlich auf Ihre DNA abgestimmt. Sie könnten die neusten Medikamente ähnlich MP3 Musikfiles downloaden und selbst drucken. Selbstverständlich kommt der Einwand, dass Novartis & Co. viele Patente besitzen und dies nicht so einfach geht. Wir alle wissen, wie erfolgreich die Musikindustrie sich gegen den illegalen Musikdownload wehrte. Ein Preiszerfall ist unausweichlich. Stellen Sie sich dazu folgendes Szenario vor. Die Novartis kostet aktuell rund CHF 216 Milliarden an der Börse. In Indien oder China rechnet man aus, wie viel Geld in den nächsten 20 Jahren für Medizin in die Schweiz geliefert wird. Dann blickt man auf einen nationalen Pensionsfonds, der über riesige Vermögen verfügt und die Novartis kauft. Von da an können die Inder oder Chinesen mit Novartis machen, was sie wollen. Zum Beispiel sämtliche Patente freigeben oder die anderen Pharmariesen bedrohen, dass sie Medizin ab sofort günstiger abgeben, sonst werde man weiter investieren…

Swatch, Novartis und UBS könnten schon morgen vor dem Aus stehen. 100’000e Arbeitsplätze gehen in der Schweiz verloren, Steuereinnahmen brechen ein und das Land steht vor der grössten Depression.

Die Schweiz streitet leidenschaftlich über das Asylwesen, zofft sich inbrünstig um das Thema EU und verpasst, dass die grossen wirtschaftlichen Bedrohungen von wo ganz anders kommen. Wenn Sie als Stimmbürger den Ausländerthemen die höchste Priorität einräumen, werden sich die Politiker daran orientieren und auf Ihre Mühlen sprechen. Überlegen Sie sich, ob wir nicht andere, wichtigere Themen höher gewichten sollten.

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