Genauere Analysen zur Eurokrise: zu hohe Löhne sind nicht das Problem - wenn schon, dann zu tiefe

Die wirtschaftliche Krise in den südlichen Euro-Staaten wird von einem grossen Teil der EU-Behörden und Ökonomen wesentlich auf eine zu geringe Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder zurückgeführt. Deshalb bräuchte es so genannte „Strukturreformen“. Damit sind oft Verschlechterungen beim Arbeitnehmerschutz oder Lohnsenkungen gemeint. Als Beleg für diese Kritik an der Wettbewerbsfähigkeit werden in der Regel Grafiken gezeigt, in denen die Lohnstückkosten in den südlichen Staaten stärker gestiegen sind als diejenigen in Deutschland.

Diese Analyse greift viel zu kurz. Aggregierte Lohnstückkosten sagen grundsätzlich gar nichts aus über die preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Hier nur ein Argument: Aggregierte Lohnstückkosten können auch steigen, wenn die Löhne im Binnensektor ansteigen, weil sie einen Rückstand auf die Löhne im hochproduktiven Exportsektor aufholen. Eine Reihe von Argumenten findet sich z.B. in diesem Paper.

Glücklicherweise geben sich nicht alle Akteure mit so einfachen Befunden zufrieden. In der EZB gibt es seit dem März 2012 ein Netzwerk von Forscherinnen und Forschern, welche die Fragen der Wettbewerbsfähigkeit eingehender untersucht. Denn die Fragestellung ist alles andere als simpel. Zunächst ist die Beschränkung auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu einfach. Denn wettbewerbsfähig sind insbesondere Firmen, welche Produkte herstellen, die keine andere Firma anbieten kann (Innovationen). Die Firma hat dann Preissetzungsmacht. Doch selbst in Bezug auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit sind die Fragestellungen alles andere als einfach. Das EZB-Forschungsnetzwerk greift dazu u.a. auf Firmendaten zurück. Dabei zeigen die Daten für Spanien, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit und die Produktivität der grossen spanischen Exportfirmen nicht auffällig von derjenigen der deutschen abweichen (S. 18). Auffällige Unterschiede gibt es hingegen bei den kleinen Firmen. Das erklärt, warum beispielsweise grosse Autohersteller ihre Produktionskapazitäten in Spanien ausgebaut haben. Spanien hätte somit nicht ein generelles Problem der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, welches mit generellen Massnahmen (Lohnsenkungen u.a.) gelöst werden müsste. Die oberflächliche Kritik der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit hat somit keine empirische Grundlage. Man kann gespannt sein auf die weiteren Forschungsergebnisse dieses Netzwerks.

Klar ist andererseits, dass die südlichen Euroländer ein massives Nachfrageproblem in Inland haben. Ein Vergleich zeigt, dass die Inlandnachfrage seit der Finanzkrise stark gesunken ist. Lohnsenkungen sind in dieser Konstellation Gift. Sie verstärken die Nachfrageprobleme weiter.

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