Wer hat Angst vor einem fairen Mindestlohn?

Eigentlich finde ich es empörend, was die Gegner der Mindestlohn-Initiative derzeit veranstalten. Die Herren Nein-Sager verdienen deutlich mehr, oft ein Vielfaches vom Lohn, den sie als Untergrenze so vehement bekämpfen. Dabei bin ich überzeugt: Müssten sie auch nur einen Monat lang mit weniger als 4’000 Franken auskommen, würden sie sich ebenso vehement für ein Ja einsetzen.
Die Gegner tun so, als ob bei einer Annahme der Initiative das halbe Land unterginge. Dabei geht es um eine bescheidene Erhöhung der Schweizer Lohnsumme um 0,5 Prozent – verteilt auf drei Jahre! Eine wirtschaftlich absolut tragbare Erhöhung, die für die Betroffenen jedoch enorm wichtig ist und viel bewirkt.

Bei den 330’000 Menschen, die täglich hart arbeiten und bei Vollzeit nicht einmal auf einen Lohn von 4’000 Franken kommen, handelt es sich nicht einfach um ein paar Junge und Unqualifizierte, wie oft behauptet wird. Über ein Drittel hat eine Berufslehre abgeschlossen, über drei Viertel sind älter als 25. Und vor allem sind über 70 Prozent der Betroffenen Frauen. Ein Mindestlohn sorgt deshalb nicht nur für etwas gerechtere Löhne. Er leistet auch einen ganz direkten und seit langem fälligen Beitrag zur Lohngleichheit.

Aber es ist immer das Gleiche. Immer, wenn es sie etwas kostet, malen die Vertreter der Wirtschaft dramatische Schreckensszenarien an die Wand, warnen vor Arbeitsplatzabbau und Gefährdung der Wirtschaft. Wohl ausgestattet mit Millionen von Franken, ziehen sie durchs Land und kämpfen mit Angstmacherei für ein Nein.

Schon als die Gewerkschaften Ende der 1990er Jahre einen Mindestlohn von 3’000 Franken verlangten, prophezeiten sie eine Explosion der Arbeitslosigkeit. Wie haltlos dies war, zeigen nicht nur zahlreiche Studien, sondern auch ganz konkret das Beispiel Gastgewerbe. Dort sind die Mindestlöhne in den letzten 12 Jahren um 1’000 Franken im Monat gestiegen. Trotzdem hat die Arbeitslosigkeit nicht zugenommen: Der Anteil des Gastgewerbes an der Gesamtarbeitslosigkeit ist im gleichen Zeitraum sogar gesunken! Heute verdient nur noch jeder und jede Fünfte im Gastgewerbe weniger als 12mal 4’000 Franken im Jahr, wie es die Initiative verlangt. Um auch ihre Löhne zu erhöhen, müssten die betroffenen Betriebe in den nächsten Jahren den Kaffeepreis um maximal 10 Rappen erhöhen. Jeder Kunde bezahlt das gerne, wenn er weiss, dass das Personal dafür fair entlöhnt wird!

Auch beim Coiffeur werden, rechnet man seriös nach, die Preise höchstens um 2 Prozent steigen. Und der Floristenverband hat kürzlich seine Mitglieder aufgefordert, in den nächsten Jahren alle Löhne auf 4’000 Franken zu erhöhen – auch dort ist die Forderung der Initiative also umsetzbar.

Als Vertreterin der Arbeitnehmenden weiss ich, dass das «Erfolgsmodell Schweiz» weder den tiefen Steuern für Multis noch fehlenden Mindestlöhnen zu verdanken ist. Vielmehr sind es die über 4 Millionen Menschen, die tagtäglich zur Arbeit gehen, die unseren Wohlstand möglich machen. Sie alle haben das Anrecht auf einen Lohn, der zumindest halbwegs für ein anständiges Leben reicht.

Im Ernst, meine Herren Nein-Sager: Wollen sie mir wirklich erklären, dass ein Mindestlohn nicht verkraftbar ist, der die Gesamtwirtschaft nicht einmal halb so viel kostet, wie die UBS dieses Jahr an Boni ausschüttet? Dann fehlt ihnen ganz klar das Vertrauen in alle Leute, die in der Schweiz Tag für Tag arbeiten.

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