Der Bundesbeschluss über die medizinische Grundversorgung löst das Problem nicht

Hausarztmangel und fehlende Fachkräfte in der Alterspflege sind keine neuen Erkenntnisse. Aufgrund der demografischen Entwicklung, d.h. Überalterung der Gesellschaft, wird der Druck künftig auf alle Akteure stark zunehmen. Selbstverständlich muss die medizinische Grundversorgung jederzeit gewährleistet sein. Dafür braucht es aber keinen Bundesbeschluss.

Generell hat es in der Schweiz nicht zu wenig Ärzte und zur Zeit auch nicht zu wenig Hausärzte. Die Berechnungen sind sofern korrekt, dass wir künftig ein Versorgungsengpass vorfinden werden. Ein Grund dafür ist die Überalterung der Gesellschaft. Je nach Szenario sieht die zukünftige demografische Entwicklung der Schweiz unterschiedlich aus. Konservativste Szenarios zeichnen ein düsteres Bild. Im Jahr 2060 besitzt die Schweiz 3.5 Millionen junge alte (65-79) und alte (+80) Menschen. Diese werden einen grossen Betreuungsbedarf haben. Geschätzte 540‘000 Spitex Patienten werden von 56‘000 Spitex-Mitarbeitern betreut werden müssen. In den Pflegeheimen müssen hingegen 273‘000 Personen 24 Stunden betreut werden. Das entspricht 235‘000 Pflegemitarbeitern. Im Vergleich, im Jahr 2010 waren 114‘000 Arbeiter in der Pflege tätig.

Das Interesse von junge Mediziner den Hausarztberuf zu wählen, stösst auf abnehmendes Interesse. Das hat verschiedene Gründe: geringere Sozialprestige gegenüber Fachärzten, hohe zeitliche Präsenz und ungünstige Work – Life Balance. Dazu kommt, dass vorwiegende Beschäftigung mit Bagatellfällen und chronische Erkrankungen weniger spannend sind. Schlussendlich ist es auch eine Karriere Sackgasse. Die hohen Investitionskosten für die eigene Praxis, sowie das mögliche arbeiten in der Peripherie, sind weitere Negativpunkte. Die Hausärzte selber reden seit Jahren nur schlecht über ihren Beruf:
da will keiner mehr hin!

Ob jetzt ein Bundesbeschluss, welcher eine angemessene Abgeltung der Leistungen der Hausarztmedizin in Aussicht stellt das Problem löst, gilt es zu hinterfragen. Das heutige durchschnittliche Hausarzteinkommen beläuft sich auf CHF 200‘000. Welche Facharztgruppen kommen dann als nächste in den Genuss einer staatlichen Lohngarantie? Die Psychiatrie und Psychotherapie (Durchschnittseinkommen CHF 130‘000), Kinder – und Jugendmedizin (Durchschnittseinkommen CHF 173‘000) oder andere Facharztgruppen? Quelle: Einkommen der Ärzteschaft in freier Praxis: Auswertung der Medisuisse-Daten 2009. Die weiteren Akteure wie Pflegefachleute, Hebammen, Apothekerinnen, Ergo- und Physiotherapeuten (erhalten bereits mehr Lohn rückwirkend auf anfangs April 2014), Ernährungsberater und medizinische Praxisassistentinnen möchte dann mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ein höheres Einkommen erzielen, denn sie leisten auch einen Beitrag an die Grundversorgung.

Durch die staatliche Lohngarantie wird sich das Gesundheitswesen weiter verteuern. Wer soll und kann das bezahlen? Heute erhalten bereits mehr als 30% der Schweizer Bevölkerung eine Prämienverbilligung, weil sich diese die Krankenkassenprämie nicht mehr leisten können.

Um die Attraktivität dieses Berufes zu steigern braucht es innovative Konzepte. So könnten zum Beispiel in ländliche Regionen kleinere Förderungsprogramme zum Tragen kommen. Ein mögliches Förderungsprogramm kann die Investition in eine neue oder zu übernehmende Arztpraxis unterstützen oder gar subventionieren. Weiter sind mobile Arztpraxen ein Teil einer möglichen Lösung. Fachärzte könnten ebenfalls einen Teil der Grundversorgung übernehmen.

Solche Lösungen sind gefragt. Hierfür braucht es keinen Bundesbeschluss, der die rechtliche Grundlage für die medizinische Grundversorgung schafft. Der Bundesbeschluss geht in Richtung Planwirtschaft. Das europäische Ausland hat uns diesbezüglich genügend schlechte Beispiele geliefert. Vielmehr sollen die Gemeinden, Kantone und der Bund auf strategischer Ebene zusammenarbeiten und realistische Projekte ausarbeiten, welche auch umsetzbar sind. Eine angemessene Abgeltung für Hausärzte löst dieses Problem nicht

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