Das Geschäftsmodell Lohnunterbietung eliminieren – wie ein Mindestlohn die Innovation fördert

Es gibt in der Wirtschaftspolitik wahrscheinlich kein Thema, welches mehr von Ideologie geprägt ist wie der Mindestlohn. Für die Befürworter wird er für klassenkämpferische Parolen missbraucht, den Gegnern ist er ein stacheliger Dorn in ihrem neoliberalen Gewand. Wirtschaftsprofessoren übertrumpfen sich mit Horrorszenarien und es gibt wohl kein VWL-Dozent, der sich nicht negativ bis abschätzig über einen Mindestlohn äussert. Die in den Hörsälen verbreitete Theorie, dass ein staatlicher Mindestlohn zu mehr Arbeitslosigkeit führt, wird munter gepredigt.

Die Debatte in unserem Land hat mit der Abstimmung vom 18. Mai über die Einführung eines nationalen Mindestlohns einen neuen Höhepunkt erreicht. Wie so oft ist ein wissenschaftlicher Betrachtungspunkt der Initiative bitter nötig. Während der Gewerkschaftsbund mit einer 1. August-mässigen, schweizerisch angehauchten Kampagne mögliche Befürworter aus der rechten Ecke zu gewinnen versucht, schreitet der Gewerbeverband mit dem altbekannten Lied „Vernichtet Arbeitsplätze“ in den Abstimmungskampf.

Auch bei mir löste die Vorstellung eines staatlichen Mindestlohns zwiespältige Gefühle aus. Geblendet von der Beräucherung im VWL Unterricht, zweifelte ich zunächst an der gewünschten Wirkung eines Mindestlohns. Nachdem ich mich intensiv mit modernen Studien zum Thema befasste und die Lohnsystematik in der Schweiz untersuchte, kam ich aber zum Schluss, dass ein Mindestlohn nicht nur Lohnungleichheiten beseitigen, sondern auch die Innovation in den Unternehmungen unseres Landes fördern kann.

Das Märchen der perfekten Märkte

Wir alle kennen sie, die beiden Achsen aus dem VWL Unterricht. Angebot, Nachfrage und Marktgleichgewicht waren ständiger Begleiter einer jeder Basiswirtschaftlichen Ausbildung. Der perfekte Arbeitsmarkt sieht dabei wie folgt aus:

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Die vertikale Achse zeigt die Höhe des Lohns, die horizontale Achse die Menge der vorhandenen Arbeit. Die Achse „Arbeitsnachfrage“ zeigt, zu welchem Lohn welche Menge an Arbeit nachgefragt wird. Die Achse „Arbeitsangebot“ hingegen führt auf, zu welchem Lohn welche Menge an Arbeit angeboten wird. Es ist klar zu erkennen, dass je höher der angebotene Lohn ist, desto mehr steigt die Arbeitsnachfrage. Umgekehrt gilt, je höher das Arbeitsangebot, umso tiefer der angebotene Lohn. Der Schnittpunkt der beiden Achsen symbolisiert dabei den perfekten Marktgleichgewichtslohn. Arbeitslosigkeit, wie wir sie in der Realität kennen, existiert in einem solchen Modell nicht.

Arbeitslosigkeit wird in der VWL als Angebotsüberhang bezeichnet. Das heisst: Das Angebot auf dem Markt ist grösser als die Nachfrage. Dieser kann z.B. entstehen, wenn der Staat einen Lohn festlegt, der über dem Marktlohn liegt. Dies illustriert die nächste Abbildung:

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Diese Gegebenheit führen praktische alle Gegner des Mindestlohns ins Feld ihrer Argumentation. Der Mindestlohn liegt in ihren Augen zwingend über dem Marktlohn und führt daher unmittelbar zu Arbeitslosigkeit. Dies impliziert, dass mit einem steigenden Lohn (L1 zu L2) die Menge der angebotenen Arbeit automatisch abnimmt (M1 zu M2).

An dieser Theorie gibt es nichts zu rütteln. Was aber eine viel interessantere Überlegung wert ist: Was wäre, wenn der heute gezahlte Lohn nicht dem Marktlohn entspricht?

Die Theorie argumentiert, dass dieser Fall nicht eintreffen kann, da die Märkte „perfekt“ sind und alle Lohn- oder Arbeitsbewegungen sofort abbilden. Doch leider sind die Märkte in der Realität nicht perfekt. Jede Wirtschafts- und Finanzkrise, welche wir erlebt haben, würde in einem perfekten Markt gar nicht passieren. Auch hohe Arbeitslosenraten und Angebots- oder Nachfragemonopole sind in einem perfekten Markt undenkbar. Ein perfekter Markt, auf welchem diese Modelle aufbauen, erfüllt in der Theorie verschiedene Voraussetzungen. Zwei davon sind die sogenannte Informationstheorie (alle Marktteilnehmer verfügen über den gleichen Wissensstand) und die Marktmacht (alle Marktteilnehmer verfügen über gleich viel Macht).

Die Praxis zeigt uns aber, dass dies ganz klar nicht der Fall ist. Die Marktteilnehmer verfügen über asymmetrische (d.h. ungleiche) Informationsstände. Ein bekanntes Beispiel dafür sind Börsenkurse: Obwohl der Börsenplatz auf Grund der vielen Teilnehmer und der effizienten Informationsübermittlung einem perfekten Markt sehr nahe, beinhalten Börsenkurse bereits Informationen, die nicht allen Marktteilnehmern bekannt sein können. Bei einer Gewinnwarnung ist zu beobachten, dass der Börsenkurs kurz vor der Vorankündigung entsprechend reagiert. Selbst der durch und durch liberale Economist stellte fest: „Anders als in den Theoriebüchern sind die realen Arbeitsmärkte niemals von einem perfekten Wettbewerb bestimmt. (…) Ein Mindestlohn kann, falls er nicht zu hoch angesetzt ist, die Löhne erhöhen, ohne Arbeitsplätze zu vernichten.“

Auch die Marktmacht ist nicht gleich verteilt. Die Schweiz verfügt über ein lasches Wettbewerbsrecht und daher ist es kein Wunder, dass Marktmonopole entstehen, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. In der Telekommunikationsbranche hat die Wettbewerbskommission, kurz WEKO, zwar die Fusion zwischen Orange und Sunrise (richtigerweise) verboten, dennoch zahlen Schweizerinnen und Schweizer nach wie vor massiv zu viel im Bereich der Telekommunikation.

Markteilnehmer mit hoher Machtkonzentration sind zum Beispiel auch in der Lage, das Preisniveau (d.h. das Lohnniveau) zu drücken. In einem krassen Fall kann daher die Verteilung so aussehen:

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Die Angebotskurve ist dabei völlig unelastisch (also horizontal). D.h. die Arbeitgeber bezahlen immer den gleichen Lohn, egal wie hoch der Anteil der benötigten Arbeit tatsächlich ist. Natürlich ist dieses Modell nicht direkt und auch nicht auf jede Branche innerhalb der schweizerischen Volkswirtschaft zu übertragen. Es ist aber davon auszugehen, dass gerade in Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag (GAV), die Machtverhältnisse zu Gunsten der Arbeitgeber liegen, werden doch in diesen Branchen durchs Band hinweg Tiefstlöhne bezahlt.

Eine Beispielbranche, die immer wieder gerne genannt wird, ist der Detailhandel. Diese Branche verfügt über keinen flächendeckenden GAV. Das Resultat sind viele verschiedene regionale und sogar betriebs-spezifische GAVs. Zwar sind die Grossen der Branchen (Coop, LIDL, etc.) nach Ankündigung der Mindestlohninitiative aufgeschreckt und haben flugs Löhne um die 4’000 Franken versprochen (so viel zum Thema es wäre nicht machbar), dennoch gibt es unzählige Betriebe, welche Tiefstlöhne zahlen. Dies ist darauf zurück zu führen, dass die Marktteilnehmer ihre Macht konzentrieren, die Arbeitnehmer schlecht organisiert sind und die Typologie der Arbeitnehmer mehrheitlich aus jüngeren Frauen besteht, die zwingend auf den Job angewiesen sind und sich daher schlecht wehren können. Des Weiteren führen insbesondere Segmentierung und Intransparenz in einem spezifischen Arbeitsmarkt zu einem dürftigen Angebot an relevanten Jobs. In solch ausgedünnten Segmenten können selbst kleinere Unternehmen über sehr viel Marktmacht verfügen.

Es wäre also möglich, dass gewisse Löhne, welche in der Schweiz bezahlt werden, unter dem Marktlohn liegen. Ein Mindestlohn würde zu einer Korrektur dieses Marktfehlers führen, wie aus der nächsten Abbildung zu entnehmen ist:

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Mindestlöhne als absolutes Minimum verankern

Die Höhe eines gerechten Lohnes zu bestimmen, ist extrem schwierig. Die OECD definiert aber einen Niedriglohn als 2/3 des Medianlohns. In der Schweiz, mit einem nationalen Medianlohn von knapp 6’000 Franken, würde ein Niedriglohn daher 4’000 Franken betragen und genau dies ist die zentrale Forderung der Initiative. Die Zahl ist also absolut nicht aus der Luft gegriffen! Doch ist sie im internationalen Wettbewerb nicht zu hoch?

Zuerst muss man die Kaufkraft der einzelnen Länder vergleichen. Denn mit einer Einheit der Währung kann man sich in einem Land mehr leisten, als in einem anderen. Die Schweiz hätte in diesem Vergleich tatsächlich einen hohen Mindestlohn. Dies wäre aber keine absolute Neuerung, da wir ja bereits jetzt im weltweiten Vergleich sehr hohe Löhne bezahlen (und auch über entsprechend hohe Preise verfügen). Die richtige Frage ist vielmehr, wie viele Arbeitnehmer wären betroffen?

Hier ist ein Vergleich zwischen der Schweiz und Deutschland, wo momentan auch über die Einführung eines Mindestlohns debattiert wird, interessant. In der Schweiz wären knapp 10 % der Arbeitnehmer vom Mindestlohn betroffen, sie würden also mehr verdienen. In Deutschland ist diese Zahl aber doppelt so hoch! Das heisst, für die Schweizer Volkswirtschaft wäre dieser „Lohnschock“ verkraftbarer als für Deutschland und würde nicht zu einer massiven Zuwanderung führen. Denn diejenigen, welche auf Grund der hohen Löhne in die Schweiz möchten, haben diesen Schritt bereits gewagt.

Zudem: Während der Jahrtausendwende kämpften die Gewerkschaften erfolgreich für ein Anheben aller Löhne unter 3'000 Franken. Die Gegenargumente waren damals dieselben wie heute. Gibt es heute noch Jobs unter 3'000 Franken? Nein! Hat die Beschäftigung auf Grund dieser Massnahme signifikant abgenommen? Nein!

Das altbackene Killerargument

Die Gegner eines Mindestlohns werden nicht müde, das absolute Killerargument herunterzubeten: Der Mindestlohn vernichtet Arbeitsplätze! Jobkiller! Mehr Verlagerung ins Ausland!

Dieses Argument ist genau so altbacken wie Herr Biglers Frisur: Es gibt zahlreiche moderne Wissenschaftliche Studien, die keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einem Mindestlohn und sinkenden Jobzahlen nachweisen konnten. Hier (http://www.theatlantic.com/business/archive/2014/02/raising-the-minimum-wage-a-mcdonalds-killer-not-a-mcjobs-killer/283638/) kann man zum Beispiel die gut dokumentierte Studie von Mc Donald’s Filialen in den USA nachlesen. Ein besseres Beispiel liefert die deutsche Vergleichsstudie der Friedrich-Erbert Studie, die Mindestlöhne und Arbeitsplatzangebot in acht verschiedenen Branchen verglich und dabei zu einem eindeutigen Schluss kam: „Es lässt sich festhalten, dass die Mindestlohnregelung in keiner der acht Branchen (…), statistisch signifikante negative Wirkungen auf die Beschäftigung hatte.“

Auch die Möglichkeit der Auslagerungen von Jobs ist kalter Kaffee: Der Mindestlohn betrifft vor allem Jobs, welche sich in der Binnenwirtschaft orientieren, also Coiffeur oder Gastgewerbe. Solche Tätigkeiten lassen sich nicht ins Ausland auslagern und sind daher nicht von der Abwanderung betroffen.

In einem Punkt gebe ich den Kritikern des Mindestlohns recht: Der Mindestlohn wird sehr wahrscheinlich zu einem (leichten) Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Doch ist das schlimm? Nein, denn die Arbeitnehmer, welche entlassen werden, sind zum grossen Teil bereits heute teilweise vom Staat abhängig und sind oftmals gezwungen, ergänzend zu ihrem Lohn Sozialhilfe zu beziehen, um über die Runden kommen. Werden sie entlassen, kommen sie quasi in die „totale“ Obhut des Staates. Dieser kann mit seinen Instrumenten die Umschulung, Weiterbildung oder Reintegration des Arbeitnehmers im Arbeitsmarkt sicherstellen, damit dieser schlussendlich von einem Mindestlohn selbstständig leben kann. Ansonsten würde der Arbeitnehmer wohl das Leben lang auf einen ergänzenden Lohnzuschuss des Staates angewiesen sein. Sozialhilfe ist gut und wichtig, sollte aber keine Ergänzungsleistung für Vollzeitarbeitende Menschen sein.

Das Joghurt Experiment

Wie eingangs beschrieben, bin ich der Überzeugung, dass ein Mindestlohn die Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen fördern würde. Warum?

Einerseits würde ein Mindestlohn für gleich lange Spiesse im Markt sorgen. Die meisten Unternehmen zahlen heute Mindestlöhne. Die Schwarzen Schafe im Markt, welche sich nicht daran halten (müssen), profitieren von diesem Umstand und offerieren ihre Produkte und Dienstleistungen zu verzerrten Preisen. Dies führt zu einem Lohnunterbietungswettbewerb, in welchem es schlussendlich nicht um die Qualität, sondern um den Preis geht. Viele Unternehmungen verlieren daher Aufträge und müssen im schlimmsten Fall Arbeitnehmer entlassen. Ein Mindestlohn würde hier klare Voraussetzungen schaffen und die Unternehmen könnten sich wieder auf ihre Kernkompetenzen, die Innovationsfähigkeit, konzentrieren.

Abschliessend möchte ich meinen Beitrag mit einer witzigen Episode, welche Nationalrätin Jacqueline Badran anlässlich eines Podiumsgesprächs zum Thema Mindestlohn aufzeigte. Als in der Schweiz zur Jahrtausendwende die Einführung einer leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) diskutiert wurde, schreckten die Gewerbler und Transportler auf: Ja nicht, sonst werden die Produkte teurer und am Schluss müssen wir Arbeitsplätze abbauen! Diese Leier kommt uns ja bekannt vor. Die LSVA wurde trotzdem eingeführt und was passierte? Die Preise für Produkte sanken! Als beliebtes Beispiel wurden dabei die Joghurtpreise genannt. Was war passiert? Im Nachgang zur Einführung der LSVA merkten viele Transportunternehmen, dass über 80% aller Rückfahrten tatsächlich Leerfahrten waren! Ein betriebsökonomischer Unsinn, welcher auf Grund höherer Abgaben überhaupt erst zum Vorschein kam!

Es zeigt sich also, wenn Unternehmen gezwungen werden, gewisse Vorgaben einzuhalten, dann steigt die Effizienz. Daher ist ein Mindestlohn ein weiterer Schritt zu einer innovativeren und moderneren Schweiz. Es braucht keine Quersubventionen von Wirtschaftszweigen, die nur dank Lohndumping überhaupt noch existieren. Der Markt wird sich für neue und profitablere Branchen öffnen, der technologische Fortschritt lässt sich ohnehin nicht aufhalten und mit einem Mindestlohn können wir sicherstellen, dass alle Arbeitnehmer zukünftig selbstständig und in Würde leben können!

Quellen

Bosch, G., Weinkopf, C., Kalina, T. (2009): “Mindestlöhne in Deutschland”, Friedrich Ebert Stiftung

http://www.bloomberg.com/news/2014-03-05/washington-shows-highest-minimum-wage-state-beats-u-s-with-jobs.html

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/karriere/Der-Mindestlohn-wird-salonfaehig/story/10568860

http://www.tageswoche.ch/de/2014_16/basel/655994/

http://www.theatlantic.com/business/archive/2014/02/raising-the-minimum-wage-a-mcdonalds-killer-not-a-mcjobs-killer/283638/

http://www.unia.ch/GAV-Service.3578.0.html

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/04/blank/key/lohnstruktur/nach_taetigkeiten.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Niedriglohn

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