Mindestlohndiskussion wirft schlechtes Licht auf den Wissensstand der Schweizer Ökonomen

Die Diskussion über den Mindestlohn wirft ein schlechtes Licht auf den Wissenstand der Schweizer Ökonominnen und Ökonomen. Rund um den Vorschlag der Regierung Obama, den Mindestlohn zu erhöhen, gibt es eine Debatte auf hohem Niveau mit entsprechenden Analysen. In der Schweiz denkt die Mehrheit hingegen in banalsten Angebots- und Nachfragemodellen, in denen ein wirksamer Mindestlohn zu weniger Beschäftigung und höherer Arbeitslosigkeit führt. Als ich an der Uni St. Gallen (HSG) das Grundstudium absolvierte, musste einE StudentIn wissen, dass ein Mindestlohn unter Umständen sogar zu höherer Beschäftigung führen kann, wenn die Arbeitgeber eine gewisse Marktmacht haben und die Löhne drücken können (s. hier das Skript dazu). Offenbar hätte ein grosser Teil der Personen, welche sich zum Mindestlohn äussern, eine solche Frage an der Prüfung falsch beantwortet.
Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die Forschung in Bezug auf die Auswirkung von Mindestlöhnen rasant weiter entwickelt. Das banale Angebots- und Nachfragemodell hat schon lange ausgedient. Eine gute Übersicht gibt der CEPR-Ökonom John Schmitt. Interessant ist u.a. folgende Grafik in seinem Paper. Diese zeigt die Entwicklung der Beschäftigung bei einer einprozentigen Erhöhung des Mindestlohns (Elastizität). Jeder Punkt entspricht dem Ergebnis einer Studie. Je höher die Punkte auf der Linie abgebildet sind, desto präziser ist die Schätzung der Studie. Bemerkenswert ist, dass all diese Punkte um die Nulllinie herum angeordnet sind. Die Mehrheit der 64 ausgewerteten Studien hat somit keine oder kaum negative Beschäftigungseffekte gefunden.

Grafik: Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung

Für die Beschäftigungswirkungen eines Mindestlohnes sind viele Faktoren ausschlaggebend. Dazu gehören u.a. die Zahl der Betroffenen, die Erhöhung der Löhne, das Ausmass des Lohndrucks und der Lohndiskriminierung im Arbeitsmarkt. Die Höhe des Mindestlohnes an sich ist irrelevant. Das Mantra der Mindestlohngegner, mit 22 Fr./h würde die Schweiz den höchsten Mindestlohn einführen, ist ökonomisch eine Nullaussage. Relevant ist die Lohnstruktur: Weil der Tieflohnsektor in der Schweiz weniger gross ist als z.B. in den USA entsprechen die 22 Fr./h ungefähr den für die USA vorgeschlagenen 9$. Von beiden Erhöhungen wären ungefähr 9 Prozent der Beschäftigten betroffen. Doch während die Schweizer Regierung eine Besserstellung der Tieflohn-Betroffenen bekämpft, werden die 9$ in den USA von der Regierung vorgeschlagen. Die Studien dazu zeigen, dass dieser Mindestlohn ökonomisch und beschäftigungsmässig tragbar wäre. Dasselbe gilt auch für die Schweiz.

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