"Fachkräftemangel" im Gesundheitswesen durch bessere Löhne und Arbeitsbedingungen entschärfen - ein Blick in Studien zum Thema

Im einfachen, klassischen ökonomischen Modell gibt es Mangel dann, wenn die Preise zu tief sind. In Bezug auf den "Fachkräftemangel" hiesse dies, dass die Löhne zu tief oder die Arbeitsbedingungen in einem Beruf zu schlecht sind, damit die Arbeitgeber die Stellen wie gewünscht besetzen können.

Heute hat das Seco einen Bericht zum Fachkräftemangel in einzelnen Berufen publiziert. Prominent aufgeführt ist das Gesundheitswesen bzw. die Pflegeberufe. Gemäss verschiedenen Studien ist dort eines der Probleme, dass die Pflegerinnen und Pfleger zu früh wieder aus dem Beruf aussteigen.

Gemäss einer Untersuchung der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau und Zug gaben 11 Prozent der Stellensuchenden mit Gesundheitsberufen an, den Ausstieg aus ihrem Beruf anzustreben. Begründet wurde der Ausstiegswunsch häufig durch eine Kombination aus gesundheitlichen Faktoren und schlechten Arbeitsbedingungen. Ein Viertel der Pflegefachpersonen beabsichtigt gemäss einer weiteren Studie einen Wechsel des Arbeitsplatzes (Schubert et al. 2005: 32) [1]. Die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen schlägt sich in einer geringen Verweildauer im Beruf nieder: In Graubünden beträgt die durchschnittliche Berufsverweildauer des Pflegepersonals gerade einmal 15 Jahre (Büro Bass 2010: 103) [2]. Gelänge es, das Gesundheitspersonal länger im Beruf zu halten, würde dies die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften massiv reduzieren: Gemäss GDK und OdASanté führt eine Verlängerung der mittleren Berufsverweildauer um ein Jahr zu einer Reduktion des jährlichen Nachwuchsbedarfs um 5 (bei einer mittleren Berufsverweildauer von 20 Jahren) bis 10 Prozent (bei einer Berufsverweildauer von 10 Jahren) (GDK/OdASanté 2009: 12). Ansatzpunkte zur Erhöhung der Berufsverweildauer sind die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie Massnahmen zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (z.B. planbare Arbeitszeiten sowie ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungsplätzen).

Der "Mangel" könnte somit - wie im klassischen Modell - durch eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen verringert werden.

[1] Schubert et al. (2005): RICH-Nursing Study. Rationing of Nursing Care in Switzerland. Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit, Basel.
[2] Büro BASS (2010): Pflegeausbildung und Pflegepersonalmangel im Kanton Graubünden. Empirische Analyse, ökonomische Bewertung und Schlussempfehlungen. Studie im Auftrag des Kantons Graubünden, Bern.

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