Sicherheit in Zeiten von Snowden & Co.

Crossposting aus meiner Kolumne im SwissITMagazine.

Dies müsste eigentlich die einfachste Kolumne sein, die ich je geschrieben habe. Die Snowden-Enthüllungen liefern mehr Stoff, als Hollywood in den nächsten 200 Jahren verarbeiten kann. Zum Beispiel könnte ich darüber schreiben, dass Ueli Maurer mit der besten Armee der Welt vielleicht doch nicht so daneben lag. Als im Mai 2012 ein Mitarbeiter des Nachrichtendienstes des Bundes (NBD) mit einer Harddisk voll gestohlenem Geheimdienstmaterial aus dem Bundeshaus schlich, konnte eine Weiterverbreitung der Daten nämlich verhindert werden. Die Amis haben dies nicht zustande gebracht. Snowden sammelte und kopierte Geheimdienstdokumente en masse und liess sie veröffentlichen.

Ein anderes Thema für diese Kolumne wäre, das Psychoprofil eines Hackers zu beschreiben. Was motiviert ihn, zu hacken? Ist es Geld, Anerkennung oder geht es um Zivilcourage? Von allem ein wenig. Und manchmal ist es auch einfach nur der Spass an der Sache.

Vielleicht sollte ich eine Empörungskolumne tippen. Über die Amerikaner und mit welcher Dreistigkeit sie ans Werk gingen. Aber wer die veröffentlichten Dokumente zur CIA im Kalten Krieg liest, muss ernüchtert feststellen: Business as usual. Bei den Geheimdiensten hat und hatte man nie Hemmungen, wenn es um die Privatsphäre geht. Irgendwie hat denen niemand gesagt, dass der Kalte Krieg beendet ist. In der Welt der Schlapphüte ist dies aber wohl eine naive Träumerei von Zivilisten und man redet in der Ukraine bereits den nächsten Konflikt hoch. Also eine Kolumne darüber, dass ich eh schon immer alles gewusst habe? Nein, ich hätte nicht in meinen kühnsten Träumen geglaubt, dass die Geheimdienste so schamlos frech sind und sich über sämtliche vorhandenen Gesetze hinwegsetzen. Ich war nicht vermutlich zu naiv, ich war ganz sicher zu naiv.

Nicht naiv will man dagegen in Bern sein. Der Ständerat hat soeben sein OK für den «Bundestrojaner» gegeben. Es heisst vermutlich bald NBD inside. Dabei ignorieren unsere Parlamentarier offenbar die Erfahrungen aus Deutschland, wo der Bundestrojaner in Rekordzeit vom Chaos Computer Club entdeckt wurde. Und wie sich herausgestellt hat, kann das durch den Trojaner entstandene Sicherheitsloch von Kriminellen für deren Zwecke missbraucht werden. Was soll man dazu sagen?

Apropos Dunkelkammer: Dem Silicon Valley passt diese Schnüffelei gar nicht. Ist das Vertrauen weg, vermiest das die Geschäftszahlen. Marc Zuckerberg telefonierte mit Obama, Google verschlüsselt Server und alle beten herunter, dass die Geschäfte nur laufen, wenn die Kunden wieder Vertrauen gewinnen. Alles nur gut gemachte PR? Gespielte Aufregung, um den Rest der Welt zu beschwichtigen? Auch das wäre ein Thema: Beschwichtigungstaktik. Die NSA sagt monatelang lapidar «Wir sammeln nur Meta-Daten von Telefonnummern». Aha. Um zwei Ecken herum erfahren wir dann, dass die NSA sämtliche Telefonate in einem ganzen Land abhören kann. Dabei sind Meta-Daten alleine schon informativ genug. Wer zum Beispiel regelmässig die Hotline der Anonymen Alkoholiker anruft, ist schon geoutet.

Sie sehen, so einfach die Kolumne sein könnte, so schwierig ist es, das richtige Thema zu wählen. Deshalb höre ich auf mein Bauchgefühl und bringe auf den Punkt, wie ich zur gesamten Sache seit den Snowden-Enthüllungen stehe: Ich bin fassungslos.

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