Lieber dummer Steuerzahler, …

… seit ich das Licht der Welt erblickt habe, kommst du für mich auf. Du bezahlst und bezahlst und bezahlst. Dafür möchte ich mich mit diesem Brief ganz herzlich bei dir bedanken.

Nicht, dass meine Eltern mich nur wegen des Kindergeldes gezeugt haben, doch es war sicher ein angenehmer Zustupf in die Familienkasse. Herzlichen Dank lieber dummer Steuerzahler.

Besonders viel habe ich ja in der Schule nicht gepaukt. Doch es war eine schöne Zeit. Ich habe viele nette Leute kennengelernt. Anstrengen musste ich mich nicht. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich zwei Jahre hätte wiederholen müssen. Doch wer sagt schon nein zur gratis Bildung. Auch der zusätzliche Legasthenie-Unterricht war wohl rückblickend sinnlos. Die verständnisvolle Frau Gasser war aber immer für mich da. Zwar hat auch sie mir gesagt, was ich niemals können werde, sie gab sich aber viel Mühe und suchte nach Alternativen, die sie mir dann unterbreitete.

Ja, lieber dummer Steuerzahler, in dem System, welches du finanzierst, werden die Weichen früh gestellt. Die Nichtsnutze werden schon zur Schulzeit aussortiert. Mit einem Lächeln auf den Lippen geben einem frustriere Lehrer mit: „Diesen Beruf wirst du nie ausüben können.“ Es hat auch sein Gutes, wenn man sich als junger Mensch auf dem Abstellgeleis wiederfindet: Man weiss, es wird nichts von dir erwartet und man kann vom Geld anderer Leute leben. Meine Schulkameraden waren damit zufrieden und ich natürlich auch.

Toll ist, lieber dummer Steuerzahler, auch während meiner Lehrzeit bist du für mich aufgekommen und hast mir die Berufsschule finanziert. Natürlich habe ich das nicht ausgenutzt. Nur einmal habe ich meine Lehre geschmissen. Danach erhielt ich Stipendien. Du errätst es, lieber dummer Steuerzahler: Dank dir konnte ich die Handelsschule besuchen. Der Staat sorgt dafür, dass einem die erste Ausbildung bezahlt wird. Ist das nicht wunderbar? Wirklich motiviert, mir in diesem Bereich eine Stelle zu suchen, war ich aber nicht. Ich entschied mich für eine neue Berufsausbildung. Nachdem ich meine Lehre erfolgreich abgeschlossen habe, arbeitete ich kurze Zeit auf dem Beruf. Schon bald aber entschloss ich mich eine Fachhochschule zu besuchen. Du weisst jetzt ja, wie der Hase läuft.

Ein Kränzlein binde ich dir für die sinnvolle Infrastruktur, welche du der Allgemeinheit ermöglichst. Für mich müsste ja nicht jede Turnhalle ein Prunkbau sein und von mir aus müsste nicht in jedes Loch all zehn Minuten ein leerer Luxusbus fahren, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Das absolut Beste an der Sache ist: Du stellst dieses System nicht in Frage, sondern du verteidigst die direkte Demokratie bis aus Blut. Dies ist echt gelebte Solidarität. Du hast immer für mich bezahlt und wirst es auch in Zukunft tun. Ich bedanke mich ganz artig.

Dein Nichtsnutz

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Dieser Artikel erschien auch in der «Zürcherin». Einem Online-Magazin mit einer klassisch liberalen, oder anders ausgedrückt, libertären Ausrichtung.

Lucien Looser ist gelernter Koch und studiert an der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern. 1982 hat er das Licht der Welt erblickt. Er kämpft für die Freiheit und gegen Windmühlen.

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