Laut BAG im März 2014 ist jedes fünfte Kind übergewichtig oder gar fettleibig. Seit Anfang 2014 werden deshalb Gruppentherapien zur Behandlung adipöser Kinder

Zunehmend leiden Kinder und Jugendliche unter Ess-Störungen und deren körperlicher und seelisch-geistiger Folgen. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) im März 2014 ist jedes fünfte Kind übergewichtig oder gar fettleibig. Seit Anfang 2014 werden deshalb Gruppentherapien zur Behandlung adipöser Kinder von der Grundversicherung der Krankenkassen definitiv übernommen. Das Angebot soll laut BAG aufgrund steigender Nachfrage in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden. Und zudem von den Krankenkassen bezahlt werden.
Dies wirft Fragen auf: In wessen Verantwortung liegt die gesunde Entwicklung des Kindes? Welche Rolle übernehmen Eltern und Erziehungsbehörden und welche Auswirkungen hat das gesellschaftliche Verhalten, die geltenden Normen, auf diese Entwicklung?
Wir leben in einer Zeit des Materialismus und des Konsums. Der Mensch soll effizient funktionieren, wirtschaftlich erträglich, umgänglich, freundlich und schön erscheinen. Wir investieren in Bildung und Gesundheit. Ein attraktives Äusseres trägt massgeblich zum Erfolg im Leben bei (dies belegen Studien). Ernährungsstudien und Diäten, sportliche Aktivitäten und Schönheitsoperationen haben unseren Alltag erobert.
Kinder werden in einer Welt gross, in welcher das Körperliche, dessen Form und Werte genormten und mit wissenschaftlichen Studien erhärteten Vorstellungen, entsprechen müssen. Doch das Streben nach dem Maximum endet des Öfteren im Minimum. Der Druck ist zu gross, das Perfekte unerreichbar, kausal erscheint die absolute Resignation und die Missachtung der Empfehlungen und Ängstigungen. Der Kampf gegen den Körper ist ein Zeichen unserer Zeit – begehrt sind die Schönen mit den richtigen Massen.
Die seelisch-geistige Entwicklung wird in dieser Denkweise kläglich vernachlässigt. Verkannt wird, dass der Hunger nach Leben nicht einzig mit physischer Nahrung zu stillen ist, der Mensch darbt nach seelisch-geistiger Erfüllung.
Ein gesundes Essverhalten, dass den gesamten Menschen nährt ist rhythmisch, vollwertig, möglichst naturbelassen, nachhaltig erzeugt, vielseitig und in ruhiger, angenehmer Atmosphäre. Dies widerspricht dem heutigen atemlosen Sein, dem Überangebot an Lebensmitteln, die allzeit verfügbar und bereit zum Verzehr sind. Zumindest ein Mittelweg wäre erstrebenswert.

Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung und Schutz, um ein gesundes Essverhalten zu entwickeln. Meines Erachtens stehen hier primär die Erziehungsberechtigten in der Verantwortung. Minderjährigen ein gesundes Umfeld zu bieten, in dem ein bewusster Umgang mit sich selbst, die Pflege und Hege des Seins im Körperlichen und im Seelisch-Geistigen gefördert wird, scheint Herausforderung, sollte jedoch stets oberstes Ziel sein.
Wenden wir uns den wahren Bedürfnissen zu und geben diesen Raum im Leben. Heute der Einkauf mit dem Fahrrad, morgen die Wanderung mit Apfel und Thermosflasche im Rucksack, ein wohl gedeckter Frühstückstisch mit frischem Vollkornbrot oder Müesli, ein Grillfest mit Gemüse, eine Arbeitswoche auf der Alp oder auf dem Biobauernhof – sind dies nicht Erlebnisse, die uns mit der Umwelt verbinden und bereichern? Auch ein Besuch im Schlachthof oder in den Industriebetrieben der Nahrungsmittelketten, den Einblick in eine Grossküche oder Grossbäckerei kann altersgerecht bewusstseinsbildend wirken.
Qualitativ hochwertige und gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und alltägliche Momente des Wohlbefindens, sind nicht primär eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, des Prioritäten setzens.
Dennoch sollten auch gesellschaftliche und politische Veränderungen ins Auge gefasst werden.
Wollen wir uns weiterhin auf Kalorieneinnahme und Kalorienverbrauch fixieren, einzelne Inhaltsstoffe isolieren und auf chemische Zusätze setzen, statt eine ganzheitliche Wirkung der Lebensmittel ins Auge zu fassen, die Nahrung als solche wieder dankbar wertschätzen und uns um deren Erwirtschaftung und Qualität kümmern?
Sollten wir unseren Kindern nicht selbst Vorbilder sein? Sie vermehrt für SchriftstellerInnen, MenschenrechtlerInnen und KünstlerInnen begeistern, statt sie hauptsächlich mit Popstars, Hollywood-SchauspielerInnen und ProfisportlerInnen, bei welchen stets einzig die körperliche Erscheinung und Leistung im Fokus ist, abzuspeisen?
Erachten wir die stets zum Verzehr verfügbaren Lebensmittel als förderlich für ein gesundes Essverhalten oder sollten wir uns Gedanken über die Notwendigkeit von unbeschränkten Öffnungszeiten des Lebensmittelhandels und der Fastfoodanbieter machen?
Weshalb lassen wir unsere Kinder im öffentlichen und privaten Raum von Werbung für ungesunde Lebensmittel überfluten, während wir ihnen diese verbieten möchten?
Das in der Einleitung erwähnte Programm lässt diese Aspekte ausser Acht. Dies scheint mir ein grosser Mangel. Auch priorisiere ich die individuelle Betreuung von Kindern mit schweren Ess-Störungen, die situationsabhängig therapiert, jedoch immer mit einem ganzheitlichen Ansatz ergänzt, die seelisch-geistige Entwicklung und das soziale Umfeld des Kindes integriert. Fördern und fordern wir unsere Kinder wieder. Lassen wir sie in Bewegung, in künstlerischen und handwerklichen Tätigkeiten den eigenen Körper positiv erleben. Stellen wir ihre Ressourcen in den Mittelpunkt, lassen wir sie entdecken und mitwirken!

38 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

1 weiterer Kommentar

Mehr zum Thema «Gesundheit»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production