Die partizipative Demokratie auf Talfahrt? Eine Pulsfühlung

Die gestern vom GFS-Bern veröffentlichte VOX-Analyse lässt die politischen Seismographen wild ausschlagen: Gerade mal 17% der 18-29 jährigen Stimmbürger haben an den Volksabstimmungen vom 9. Februar 2014 teilgenommen. Als Angehöriger dieser Alterskohorte fühle ich mich von dieser Schockzahl ziemlich betroffen, beschämt und zugleich zutiefst besorgt. Ich möchte mit meiner Kurzanalyse vor allem der gereifteren Leserschaft einige Erklärungsansätze aus meinem persönlichen Beobachtungsfeld bieten und gleichzeitig auch denjenigen zuvorkommen, die mit ihrem unsachlichen Drauflos-Moralisieren eher zur Intensivierung als zur Diminuierung des Problems beitragen.

Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, kein natürlicher Gleichgewichtszustand oder sonst irgendein vom Menschen unabhängig funktionierendes Konstrukt. Nein, sie ist eine der bedeutungsvollsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation - die unbestritten legitimste und respektabelste Form der Herrschaftsausübung. Einer solchen hart umkämpften und historisch herangewachsenen Errungenschaft gilt es Sorge zu tragen. Warum sage ich das?

Ich sage es aus dem Grund, weil vielen meiner Altersgenossen genau dieses Bewusstsein fehlt. Sie begreifen nicht, dass es ein einzigartiges Privileg ist, an der politischen Ausgestaltung des Landes mitwirken zu dürfen. Sie verstehen nicht, dass sie in Zukunft der wichtigste Baustein für eine funktionierende Demokratie sein werden. Die Frage stellt sich folglich, wie man das erodierende Bewusstsein der Jungen gegenüber den staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten zurückgewinnen kann? Wie kann man sie von der genialen Idee der Demokratie, wenn schon nicht begeistern, dann zumindest überzeugen?

Aus Gesprächen mit nicht-akademischen Freunden habe ich gemerkt, dass der Wille zur Beteiligung da wäre. Doch sie fühlen sich von der politischen Elite und der politischen Agenda überhaupt nicht vertreten bzw. angesprochen. Zudem sind sind die Wahlunterlagen (und auch die Abstimmungsparolen) viel zu kompliziert, was einen Bekannten von mir zur folgenden absolut nachvollziehbaren Aussage veranlasst hat:

"Die Sprache in den Abstimmungsbroschüren richtet sich schon an ein spezifisches Publikum. Doch Demokratie ist die Herrschaft von allen über alle. Deswegen sollten die Abstimmungsunterlagen doch allgemeinverständlicher Natur sein, sodass sie auch noch der grösste Dummkopf versteht, oder?"

Auch wenn es um konkrete Vorschläge geht, fehlt es nicht an Ideenreichtum. Sie finden, dass man die Jungen dort abholen sollte, wo sie aktiv sind: Bei den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Aber auch Apps hätten ein grosses Mobilisierungspotenzial:

"Es muss halt einfach Spass machen, sich politisch zu beteiligen, abstimmen zu gehen."

Für mich persönlich ist klar, dass die Politik nur auf eine spielerische und unterhaltende Annäherungsweise bei den Jungen eine Chance hat (ja, bei den Jungen hat sich ein Wertewandel vollzogen).

Ich bin durchaus zuversichtlich, dass wenn die Politik den Anschluss an unsere Zeit findet, die Jungen intensiver involviert (auch themenpolitisch), das Potenzial der sozialen Plattformen besser ausschöpft und ihre unnötig komplexe Fachsprache aufs Verständliche reduziert, auch bei den Jungen wieder Anklang findet.

Sandro Lüscher

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