Unser Schweizer Standpunkt - Was eine Rede aus dem Jahr 1914 von Carl Spitteler heute aussagt.

Auf tagesanzeiger.ch bin ich heute über folgenden Artikel gestolpert:

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Lieberherrs-Rede-war-die-einzige-mit-unmittelbarer-Wirkung/story/30161418

Durch diesen Artikel bin ich auf die Rede "Unser Schweizer Standpunkt" von Carl Spitteler aufmerksam geworden. Folgenden Auszug möchte ich gerne teilen, da die Aussagen überraschend gut zur aktuellen Lage nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative passen:

Zum Schluss eine Verhaltungsregel, die gegenüber sämtlichen fremden Mächten gleichmässig Anwendung findet: die Bescheidenheit. Mit der Bescheidenheit statten wir den Grossmächten den Höflichkeitsdank dafür ab, dass sie uns von ihren blutigen Händeln dispensieren. Mit der Bescheidenheit zollen wir dem todwunden Europa den Tribut, der dem Schmerz gebührt: die Ehrerbietung. Mit der Bescheidenheit endlich entschuldigen wir uns. «Entschuldigung? Wofür?» Wer jemals an einem Krankenbett gestanden, weiss wofür. Für einen fühlenden Menschen bedarf es der Entschuldigung, dass er sich des Wohlbefindens erfreut, während andere leiden. Vor allem nur ja keine Überlegenheitstöne! Keine Abkanzeleien! Dass wir als Unbeteiligte manches klarer sehen, richtiger beurteilen als die in Kampfleidenschaft Befangenen, versteht sich von selber. Das ist ein Vorteil der Stellung, nicht ein geistiger Vorzug. Ernste Behandlung erschütternder Ereignisse sollte sich eigentlich von selber einstellen, eine leidenschaftlich heftige, wüste Sprache sich von selber verbieten. Es hört sich nicht schön an, wenn irgendein Winkelblättchen aus der Sicherheit unserer Unverletzlichkeit heraus einen europäischen Grossstaat im Wirtshausstil anpöbelt, als handelte es sich um eine idyllische Stadtratswahl. Wenn da die Zensur mit einem Maulkorb beispringt, tut sie ein Werk des Anstandes. Die Tonart des Jubels und des Hohnes sollte bei uns unter keinen Umständen laut werden. Der Hohn ist an sich eine rohe Gemütserscheinung, wie er denn in den Reihen der Armeen kaum vorkommt. Einzig der Grimm entschuldigt den Hohn. Diese Entschuldigung geht uns ab. Den Jubel über eine triumphierende Nachricht mögen sich die Volksgenossen des Siegers erlauben, im Gefühl der Erlösung aus peinlicher Spannung. Wir bedürfen der Entspannung nicht. Beides, Hohn und Jubel, sind die denkbar lautesten Äusserungen der Parteilichkeit, schon darum auf neutralem Gebiet verwerflich. Überdies säen sie Zwietracht. Wenn zwei vor einer Siegesmeldung stehen und der eine darüber triumphiert, der andere darüber trauert, so schöpft der, der trauert, gegen den, der triumphiert, einen innigen, gründlichen Hass. Ich hatte lange gemeint, der Hohn wäre das Schlimmste. Es gibt aber etwas noch Schlimmeres: die boshaft kichernde Schadenfreude, die sich gelegentlich in hämischen redaktionellen Zwischenbemerkungen und Ausrufen Luft macht. Es gibt Stossgebete und Stossseufzer. Das sind Stossrülpser. Auch der übliche Spott über die lügenhaften Schlachtberichte enthält eigentlich eine Überhebung. Wer lügt in den Schlachtberichten? Nicht diese oder jene Nation, sondern jeweilen der Geschlagene. Der Sieger hat es leicht, bei der Wahrheit zu bleiben. Dass aber der Geschlagene klar und deutlich mit lauter Stimme seine Niederlage im ganzen Umfange ankündige, darf man billigerweise nicht fordern. Denn das geht über Menschenkraft. Auch wir, die Spötter, würden es nicht können.

Und da wir doch einmal von Bescheidenheit sprechen, eine schüchterne Bitte: Die patriotischen Phantasien von einer vorbildlichen (oder schiedsrichterlichen) Mission der Schweiz bitte möglichst leise. Ehe wir andern Völkern zum Vorbild dienen könnten, müss­ten wir erst unsere eigenen Aufgaben mustergültig lösen. Mir scheint aber, das jüngste Einigkeitsexamen haben wir nicht gerade sehr glänzend bestanden.

Nein, weder ist Europa heute im Krieg, noch läuft die Schweiz Gefahr, sich aufzuspalten. Nichtsdestotrotz: Es ist beeindruckend, welch klare Worte Carl Spitteler 1914 fand und wie gültig diese noch heute sind.

Die komplette Rede findet man übrigens hier:

http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=155

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