Die Schweiz als „Batterie von Europa“ ?? Es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass die Schweiz einmal in der Lage sein wird die Rolle „einer Batterie“ inne

Die Schweiz als „Batterie von Europa“ ??

Es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass die Schweiz einmal in der Lage sein wird die Rolle „einer Batterie“ innerhalb des europäischen Stromnetzes zu übernehmen. Weder für Europa noch für Deutschland. Es wäre aber notwendig ständig wachsenden, stochastisch produzierten Oekostrom grosstechnisch in irgend einer Form effizient und kostengünstig speichern zu können um bei Versorgungsengpässen während einer begrenzten Dauer darauf zurückgreifen zu können.

In der Bevölkerung ist dieses Problems entweder weitgehend unbekannt oder aber es wird bewusst ignoriert. Dass an der praktischen Nichtlösbarkeit dieses Problems eine Energiewende durchaus scheitern kann scheint aber leider auch Entscheidungsträgern nicht wirklich bewusst zu sein.

Dazu eine kleine Geschichte am Rande, welche aber ziemlich aufschlussreich ist. Am letzten Freitag hat Bundesrätin Leuthard in Berlin Energiewende-Minister Gabriel getroffen, um die Chancen für das angestrebte Stromabkommen der Schweiz mit der EU auszuloten. In erster Linie aber sicher um sich um die Unterstützung der deutschen Regierung in dieser Frage zu bemühen. Man war ja angeblich schon nahe am Ziel. Dies war eine notwendige und sinnvolle Aktion angesichts der Tatsache, dass die EU die Schlussverhandlungen nun aufs Eis gelegt hat.

Die Schweizer Medien haben darüber noch am gleichen Abend kurz berichtet. Die BR hat bekräftigt, dass man von der deutschen Regierung Unterstützung erhalten werde. So weit so gut.

Allerdings hat der Reporter vom Fernsehen SRF mit dem folgenden Zitat Energie-Fachleute sicher sehr überrascht. Es lohnt sich daher dieses näher unter die Lupe zu nehmen. Eine wörtliche Aussage der BR wurde von ihm wie folgt wiedergegeben:

„11 % des gesamten EU-Stroms fliessen durch die Schweiz. Zudem ist die Schweiz Speicherplatz für deutsche Energie, welche Deutschland in stromknappen Zeiten zurückkauft".

Zwei kurze Sätze, von denen der zweite extrem unrealistisch ist aber in allfälligen Verhandlungen sicher dazu dienen soll angebliche Vorteile der Schweiz ins richtige Licht zu rücken. Dies zeigt aber meiner Meinung auch, dass die BR (noch) immer an eine „andere“ Physik glaubt, vermutlich, weil ihr ihre Berater dies seit langem so einreden. Man redet hier aber von einem ganz entscheidenden Aspekt. Es gilt daher diesen klarzustellen weil er bis heute leider in der Oeffentlichkeit kaum thematisiert worden ist.

Mit zunehmender und schlecht planbarer (stochastischer) Oekostromproduktion aus PV und Wind wird grosstechnische Speicherung von Strom im europäischen Verbundnetz immer mehr zu einem Faktor von überragender Bedeutung. Daran kann im Prinzip die Energiewende gar scheitern bzw. die Versorgungssicherheit würde nicht mehr gewährleistet sein. Die meisten Leute, vor allem die Politiker, diskutieren stets nur Dinge von denen sie glauben etwas zu verstehen. In erster Linie rein politische Aspekte. Dies reicht aber leider überhaupt nicht, wenn man nicht auch eine minimale Ahnung von der eingesetzten Technik hat bzw. davon wie Stromversorgung und europäisches Netz in der Realität funktionieren. So könnte es halt einmal zu ganz bösen Ueberraschungen kommen.

Fakt ist, dass man zwar Strom beispielsweise in Pumpspeicherkraftwerken (PSKW) in Form von hochgepumptem Wasser während einer gewissen Zeit "zwischenlagern" kann bevor man das Wasser bei Bedarf zeitversetzt mit Energieverlust (!) turbiniert. (Beispiel "altes" Geschäftsmodell BKW). Weitgehend unbekannt ist aber leider die brisante Schlussfolgerung, dass es dazu, sehr vereinfachend gesagt, immerhin einige Dutzend (!) PSKW von der Grösse von Linth Limmern zu ca. 2 Mia Fr. das Stück brauchen würde um beispielsweise deutschen Oekostrom "lagern" zu können, um diesen dann bei Stromknappheit, beispielsweise wegen einer tagelangen Windflaute in dieser Situation „zurück kaufen zu können“. Und nicht zu vergessen: Diese Speicherbecken müssen erst einmal und immer mit „überschüssigem“ Strom (mit Energieverlust) wieder gefüllt werden um ihre Aufgabe überhaupt erfolgreich zu erfüllen.

Was BR Leuthard da einmal mehr gesagt hat ist einfach die von ihr seit langem vertretene Idee, wonach die Schweiz "Batterie für Europa" spielen könnte, im vorliegenden Fall gemäss Aussage konkret für Deutschland. Falls sie dies in Verhandlungen zum Stromabkommen als grossen Pluspunkt einbringen sollte so dürfte sie von den Fachleuten vermutlich ausgelacht werden. Das Argument sticht einfach nicht. Deren Bau würde für die Schweiz nämlich zu exorbitanten Kosten in Höhe von Hunderten von Mia Fr. führen, falls man ernsthaft meint diese Rolle einmal übernehmen zu wollen (oder einige Alpenländer zusammen). Die Schweiz verfügt mit den paar heute bereits existierenden PSKW über eine Stromspeicherkapazität von weniger als 200 GWh, alle Alpenländer zusammen über etwas mehr. Diese Fakten sind weitgehend unbekannt. „Normale“ Speicherkraftwerke in den Alpen müssten erst umgebaut werden. Die Diskussion zum Thema wird also unter Verwendung von völlig falschen Annahmen geführt !

Die vorhandenen Kapazitäten stellen somit im besten Fall einen „Tropfen auf einem heissen Stein“ dar und reichen bei Bedarf nur für ein kleines Versorgungsgebiet und vor allem auch nur für eine sehr kurze Versorgungsdauer, kurz rein für „lokalen“ Einsatz. Das Bundesamt für Energie (BFE) müsste meines Erachtens die Bevölkerung in Sachen realistische Speichermöglichkeiten daher endlich einmal aufklären. Diese Forderung richtet sich im gleichen Masse auch an die Medien. Uebrigens werden weder der Staat noch Swissgrid enorm teure PSKW bauen, auch nicht die Elektrizitätsgesellschaften, da deren finanziellen Probleme als Folge von zuviel Oekostrom zur falschen Zeit leider immer grösser werden dürften. Uebrigens hat BR Leuthard ja genau diese Situation gegenüber den Deutschen noch vor nicht allzu langer Zeit scharf kritisiert !

Auf die 11% möchte ich gar nicht gross eingehen. Ich denke, dass diese Zahl gegenüber Gesprächspartnern vermutlich ebenfalls untermauern sollte wie wichtig die Schweiz als europäische Stromdrehscheibe für die EU ist (Stromtransit). Wegen ihrer zentralen Lage stimmt dies zwar (wenigstens solange wie sie aus politischen Gründen einmal nicht umgangen werden wird !). Nur ist die Funktion „Drehscheibe“ keinesfalls mit der Funktion „Batterie für Europa“ zu verwechseln. Wenn man weiss wie das europäische Stromnetz arbeitet (beispielsweise genau erklärt auf der sehr empfehlenswerten Webseite www.entsoe.net, zusammen mit allen zeitnahen Grafiken und Tabellen) so kann eigentlich niemand auf die Idee kommen einem solchen Wert zuviel technische Bedeutung zuzumessen.

Die bestehende Strominfrastruktur in Europa wird von allen Ländern genutzt. Es geht eher darum ob diese die weiter wachsenden Stromflüsse, wofür sie einst gar nicht ausgelegt worden sind, noch lange wird bewältigen können. Strom fliesst physikalisch immer zwischen zwei benachbarten Ländern, wobei aber gleichzeitig mit mehreren Ländern Import bzw. Export stattfinden kann. Der genannte Wert ist höchstens wichtig wenn es im Rahmen eines Abkommens um Vergütungen ausländischer Netzbenützer für die Benützung unserer Infrastruktur für den Stromtransit geht.

Wesentlich ist hingegen, dass in den detaillierten Statistiken der ENTSO-E zwischen je zwei Ländern die positiven bzw. negativen Saldi über eine gewählte Zeiteinheit ausgewiesen werden, was aber, vom Standpunkt der Versorgung her gesehen, sehr aufschlussreich ist, insbesondere die langjährigen Trends. Dabei ist in erster Linie von Interesse ob ein Land in einem bestimmten Jahr (oder im Sommer- bzw. im Winterhalbjahr) einen Export- oder einen Importüberschuss beim Strom aufweist. Man stellt dann nämlich fest, dass Italien seit vielen Jahren grösster Netto-Importeur von Strom ist, während Frankreich zu schätzungsweise 99 % Netto-Exporteur ist. Die Schweiz wird dabei je länger je mehr zum Netto-Importeur, vor allem im Winterhalbjahr.

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