Ich mag die Innerrohder. Trotzdem.

Ich mag die Appenzell Innerrhoder. Der Grossvater meines Sohns war ein richtiger Innerrhoder Bauer. Ein liebenswerter Mensch. Gschaffig, grosszügig, bescheiden. Er hatte zwar nie die Landesgrenze überschritten, war aber trotzdem ein aufgeschlossener Mann. Auch habe ich einige Kunden aus dem Innerrhoden. So knorrig sie im ersten Moment rüberkommen, so experimentierfreudig können sie sein. Beispiel gefällig? Damit die Appenzeller nicht zu viel bei Zalando & Co. übers Internet kaufen, statteten wir vor Kurzem ein Modegeschäft mit iPads aus. Die Verkäuferinnen schiessen jetzt Fotos von ihren Kunden und die, die wollen, erscheinen auf der Homepage. Es gibt einen sprichwörtlicher “rün” in den Laden und alle Erwartungen wurden weit übertroffen. So etwas hätte ich in Zürich viel schwieriger verkaufen können. Innerrhoderer sind da entspannter.

Nur eines versuche ich, zu vermeiden. Ich politisiere nicht (mehr) mit Innerrhodern. Zwar ist Appenzell nur 15 Minuten von Teufen entfernt, politisch trennen uns aber Welten. Noch heute kann das Thema Frauenstimmrecht in explosive Diskussionen ausarten. Was sich die fremden Richter in Lausanne erlaubten, empört selbst die junge Generation Innerrhoder, die damals noch nicht einmal auf der Welt war. Vielleicht machte es auch darum so grossen Spass, mitten im Innerrhoden eine Männerversteigerung zu organisieren. Uh gab das Reaktionen. Wir erhielten Drohanrufe, so etwas mache man nicht. Ja, politisch sind die Innerrhoder mehrheitlich stockkonservativ. Aber trotzdem, 200 vor Freude kreischende Frauen und um 23:00 ein Parkplatz voller erwartungsvoller Innerrhoder Männer, die um Einlass begehrten...es hatten alle ihren Spass.

Appenzell Innerrhoden ist so konservativ, das es als einziger Kanton in der Schweiz Ja zur Abtreibungsinitiative sagte. Selbstverständlich sagten sie auch Ja zur Masseineinwanderungsinitiative. Mit 63.5% erreichten die Innerrhoder nach dem Tessin die höchste Zustimmung und dies, obwohl es nirgends in der Schweiz weniger Ausländer gibt. Nur 9.9% der Bevölkerung hat keinen Schweizer Pass. Die Arbeitslosenquote liegt bei 1.2% und pro km2 leben im ganzen Kanton nur 91 Einwohner. Im Vergleich dazu leben im Kanton Zürich pro km2 815 Einwohner. In Appenzell kann es also nicht der Dichtestress sein, nicht der Dönerladen, nicht der Stau auf der Autobahn oder die Platznot in einem SBB-Zug. Den in Appenzell gibt es weder eine Autobahn noch einen Schienenmeter SBB und einen Dönerladen habe ich gar nie gesucht.

Warum stimmten die Innerrhoder dann für die Initiative?

Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative war ein Nein zur Öffnung der Schweiz. So einfach ist das. Seit Jahrhunderten zoffen und balgen sich die konservativen und die liberalen Kräfte der Schweiz. Die einen wollen alles so behalten, wie es ist und die anderen möchten sich an die Spitze der Entwicklung setzen. Nachdem sich die weltoffene Schweiz seit 1992 5 Mal in Folge mit den Bilateralen durchsetzten, war letzten Sonntag wieder die konservative Seite dran. Hauchdünn zwar, aber hauchdünn ist auch gewonnen.

In der Schweizer Brust schlagen nun einmal zwei Herzen. Der Stopp, den wir jetzt einlegen, hat auch sein Gutes. Die konservativen Schweizer, denen alles viel zu schnell ging, fühlen sich wieder ernst genommen. Gut so. Es gibt eine Verschnaufpause. Europa wird womöglich selbst über das Thema diskutieren und irgendwie geht es schon wieder weiter. Müssig ist über den Entscheid zu lamentieren. Die Kontingente sollen nun umgesetzt werden. Mit der SVP in der Verantwortung. In der Zwischenzeit bereitet sich die weltoffene Schweiz darauf vor, beim nächsten Mal wieder den Sieg zu holen.

Bei aller Uneinigkeit sollten wir Schweizer nicht vergessen, die Meinungsverschiedenheit ist die Grundlage für die Vielfalt unseres Landes. Vielleicht ein wenig wie der Appenzeller Käse. Erst wenn er rezent ist, schmeckt er so richtig gut.

3 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.