"Der Kantonsrat ist eine Theokratie"

Religion und Staat sollten getrennt sein. Vorbei die Zeit als der Klerus über Steuern, Moral und Sitten befand, vorbei die religiös motivierte staatliche Schwulenhatz, vorbei die Unterdrückung der Frau. Die Aufklärung liess Inquisition, Hexenverbrennung und Privilegien für Geistliche hinter sich. Die Emanzipationsbewegung und Sexualrevolution der 68er-Bewegung brachte den Frauen, Homosexuellen und Menschen aller Hautfarben gesellschaftliche Akzeptanz und letztlich auch die ihnen zustehenden Rechte, welche stets aus erzkonservativen, religiösen Kreisen bekämpft wurden. Die Schweiz behält indes leider noch ein Stück antiquierte religiöse Strukturen bei. Kein anderer Staat verbindet so gekonnt wie die Schweiz eine säkularisierte, liberale und pluralistische Bundesverfassung mit einer gottesfürchtigen Präambel und einer patriotisch-abendländischen Landeshymne. Während vermehrt politische Stimmen diese revidieren wollen, vergessen sie zuerst, vor der eigenen Haustür zu kehren. Am 13. Januar, lehnte der Zürcher Kantonsrat die «Kirchensteuer- Initiative» der Jungfreisinnigen deutlich ab, welche die Zwangs-Kirchensteuer für juristische Personen abschaffen möchte.

Nur 6 von 23 FDP-Kantonsräten haben die im Kern liberale Initiative ihrer Jungpartei unterstützt. Die Kraft der Freiheit entpuppt sich als Kraft der Etatisten und Konformen. Der Kanton Zürich soll demnach weiterhin theokratische Allüren ausstrahlen. Unternehmen sollen folglich weiterhin gezwungen werden, Absolution über ihre Brieftasche zu erlangen. Unternehmen können weder getauft noch beerdigt werden – trotzdem dürfen sie nicht nach Belieben aus der christlichen Gemeinschaft aus- und eintreten. Die Gegner der Initiative rechtfertigen den Kirchensteuerzwang damit, dass Kirchen gemeinnützige Leistungen für die Allgemeinheit im Wert von rund 265 Millionen Franken erbringen. Nun, diese Leistungen könnten karitative Vereine auch erbringen. Altruismus würde auch ohne staatlich-christlichen Zwang funktionieren.

Zurzeit leidet die Landeskirche unter massivem Mitgliederschwund. Vielleicht würde sie wieder an Zuspruch gewinnen, wenn sie sich wegen fehlender Einnahmen modernisieren müsste. Die Marktwirtschaft zwingt zum zivilisatorischen Fortschritt und zur friedlichen Koexistenz sowie zur Akzeptanz von Minderheiten. Keine Gruppe hat dies besser verstanden als die LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans, d. Red.). Egal ob russischen Vodka oder Barilla-Pasta, was nicht LGBT freundlich ist, kommt nicht in den Warenkorb. Die CS bietet neuerdings auch einen LGBT-Index an. Die LGBT-Community verfolgt die marktwirtschaftliche Strategie seit Jahrzehnten erfolgreich. Schon der LGBT- Aktivist Harvey Milk machte homophoben Lokalen das Leben schwer, indem er zu Boykotten aufrief. Ein bisschen Markt würde der mittelalterlichen Kirche bestimmt nicht schaden. Bleibt noch die Hoffnung auf ein Ja vom Volk zur Initiative.

Für die Freiheit,
Jeremy K. Grob

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