Die „Masseneinwanderung“ einmal ganz anders betrachtet

Die Abstimmungskampagnen für und gegen die Masseneinwanderungsinitiative werden praktisch ausschliesslich mit wirtschaftlichen Argumenten geführt. Initianten und Gegner werfen einander Zahlen und Statistiken zu BIP-Wachstum, Pro-Kopf-Vermögen und Arbeitslosenquoten um den Kopf. Das ist alles gut und recht, bloss: Das Volk wird nicht wegen dieser Zahlen ihr Votum für oder gegen die Initiative abgeben. Es wird viel unpolitischer, emotionaler entscheiden. Ich wage deshalb den Versuch, ebenso unpolitisch auf diese Abstimmung zu blicken. Befassen wir uns doch mal mit der Psyche unserer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger.

In der Tagesschau vom 5. Januar verkündete SVP-Nationalrat Lukas Reimann in einer Bar sitzend, er wisse schon, wie die Jugend ticke. Die Jugend spüre die Masseneinwanderung und habe genug von ihr. Das ist populistisches Gefasel. Es mag wohl sein, dass die Schweizer Jugend die ausländische Jugend spürt. Aber spürt sie deshalb die Masseneinwanderung? Haben die Schweizer Jugendlichen Angst, ihren Job wegen der Personenfreizügigkeit zu verlieren? Leiden sie unter den überfüllten Zügen? Oder fürchten sie um einen Anstieg der Mietkosten?

Mitnichten. Wenn die Jugend die Initiative annimmt, dann tut dies eher wegen des subjektiven Sicherheitsempfindens. Wegen der mühsamen Typen im Ausgang. Wegen der Söhne und Töchter entweder von Flüchtlingen aus den Jugoslawienkriegen oder von einstigen Saisonniers, welche ihre Familie nachgezogen haben. Wegen der Angst, dass die eigene, die schweizerische Kultur, ins Hintertreffen gerät gegenüber der Kultur der Parallelgesellschaft. Mit der aktuellen Masseneinwanderung hat das absolut nichts zu tun. Entsprechend wird das Abstimmungsverhalten nicht mit den vielbeschriebenen wirtschaftlichen Faktoren zu tun haben. Es ist eine kulturelle Frage.

Die Situation ist perfid: Die Initianten dürften genau in jenen Regionen die Abstimmung gewinnen, in denen die Probleme, welche sie hochreden, nicht existieren. Ich wage zu prognostizieren, dass die Abstimmung dort angenommen wird, wo eben nicht diese Probleme real existieren, sondern dort, wo die Gesellschaftsstruktur noch sehr ursprünglich ist, die Kultur schweizerisch.

Auch meine Gemeinde befindet sich in einer dieser Regionen. Die Bevölkerungszahl ist seit Jahren leicht rückläufig, neues Bauland musste seit Jahrzehnten nicht eingezont werden und der Bus ist bloss dann überfüllt, wenn die Schüler in die Oberstufenschulhäuser gekarrt werden. Ich könnte es mir auch einfach machen und in der Beiz proleten: „Ja, ich verstehe euch und ich werde deshalb gegen diese Masseneinwanderung kämpfen.“ Ich würde damit aber als Gemeindepräsident gegen die Interessen meiner Gemeinde handeln. Denn meine Gemeinde hat ein Interesse daran, dass die Nachbarregionen weiter prosperieren, dass Leute hier sind, welche die Dienstleistungen vor Ort erhalten und – ja, ich geb’s zu – dass weiter munter Deutsche in unsere Gemeinde ziehen, um die fehlenden Geburten zu kompensieren.

Ich sage klar Ja zur Personenfreizügigkeit mit der EU und deshalb Nein zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Ich sage aber trotzdem: Man muss das Unbehagen in der Bevölkerung ernst nehmen. Die wirtschaftspolitischen Instrumente, welche jetzt ausgepackt werden, sind hier aber unnütz. Dem Unbehagen gegenüber der fremden Kultur kann man nur mit der Stärkung der eigenen Kultur begegnen. Man kann das mit dem Hype um das Eidgenössische Schwingfest tun. Man kann das aber auch mehr an der Wurzel anpacken. Ich tue das aktiv in der Gemeinde, der ich vorstehe. Ich kämpfe für den Dorfladen, für die Gestaltung des Dorfkerns, für die Dorfvereine. Täglich.

Wer unserer Bevölkerung Halt geben will, muss nicht gegen die Masseneinwanderung kämpfen oder, um im Wortlaut der Befürworter zu reden, die Einwanderung steuern. Das ist völlig unnütz, befördert den Staatsapparat, schadet der Wirtschaft und den Beziehungen zu unseren Nachbarn. Wer der Bevölkerung in Zeiten der Migration Halt geben will, muss die Schweizer Eigenart leben und so die Eingewanderten zu Schweizern machen. Das ist nicht nur eine politische Aufgabe. Eben.

43 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

20 weitere Kommentare

Mehr zum Thema «Migration»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production