Was für ein Fahrspass in die Autozukunft

Das erste Elektroauto, mit dem ich fuhr, bot Platz für eine Person, verfügte über eine Reichweite von knapp 50 Kilometern, erreichte 60 km/h, kostete 40’000 Franken und sah aus wie ein Ei. Das CityEL war ein Spass zum Fahren, aber für den Alltag unbrauchbar. Zumindest war dies die einhellige Meinung meines Freundes und mir, als wir gemeinsam im “Auto” von Teufen nach St.Gallen am Hang um die Kurven feilten und heilfroh waren, dass wir das Testfahrzeug nicht zu Schrott fuhren. Der Schwerpunkt…Das war 1990 und die Zukunft für die Elektroautos sollte Morgen beginnen. Zumindest so wie es einem die Anbieter seit 100 Jahren versprechen.

Kurz vor Weihnachten war wieder einmal eine Testfahrt mit einem Elektroauto angesagt. Der BMW i3. Milliarden steckten die Bayern in die Neuentwicklung dieses Autos und setzen konsequent darauf, dass sich die Autolandschaft so dramatisch verändern wird, wie die Musikindustrie, der Postschalter oder das Handygeschäft. BMW will kein Nokia werden, sondern auch in der Elektrozukunft mitmischen. Wenn ein grosser Anbieter sich mit aller Kraft für das Elektromobil einsetzt, stellt sich die Frage, kommt jetzt tatsächlich die Revolution, die einem seit 100 Jahren versprochen wird?

Die Testfahrt fand unter erschwerten Bedingungen statt. Mein Beifahrer hält nichts, aber auch rein gar nichts von meiner Begeisterung für Elektroautos. Er liebt seinen sportlichen Audi mit Turbolader, den er vor Kurzem Occasion erstand. Schnell muss ein Auto sein, antriebsstark und mit Power. So nahm er skeptisch und ich voller Vorfreude im BMW Platz. Das Auto wurde von Grund auf neu konzipiert. BMW investierte viel Geld in den Leichtbau und das merkt man dem Auto an. Trotzdem, dass es klein ist, findet man auch mit langen Beinen gut Platz darin. Das Cockpit ist futuristisch ausgestattet und braucht wenig Erklärung. Die “Zündung” ist mit einem Knopf gestartet und der Wagen bereit für die Testfahrt. Ich war darauf vorbereitet, dass der Wagen zügig anfahren wird. Eine Eigenschaft der meisten Elektroautos. Mein Sitznachbar staunte beim Start zum ersten Mal ungläubig und meinte dann, uhh, der Turbolader bei mir braucht länger. Der BMW i3 hielt, was ich mir versprochen habe.

Kurz darauf war dann aber auch ich paff. Wir fuhren eine enge Kurvenstrasse den Berg hoch. Ich erwartete, dass das Auto diese Strecke etwas ruhiger angeht. Weit gefehlt. Der Kleine schoss den Hang hinauf, als ob ihn nichts stoppen könnte. Wow - Freude am Fahren pur. Das Handling fantastisch, die Power überwältigend. So lässt man locker manch Benziner stehen. Oben angekommen drehten wir auf einem Parkplatz eine Runde. Der Einschlag des Autos ist unglaublich. Schon fast so wendig wie in einem Smart. Damit ging es auf die Autobahn. Endlich mal “Gas” geben, ohne bei 80 zu stoppen. Hinter uns ein 5er BMW. Die Anfahrt langsam nehmen und dann auf das Pedal drücken. Der i3 zieht wie ein verrückter an und beschleunigt auf 120 km/h. Von 0 auf 100 in 7,2 Sekunden. Der 5er weit abgeschlagen im Rückspiegel (je nach Ausführung und Modell).

Das Fahrerlebnis des i3 ist fantastisch. Er zieht wie ein Grosser an. Ist wendig wie ein Kleinwagen und leise wie ein Edelauto. Aber wie sieht es jetzt mit typischen Problemzonen eines Elektroautos aus: Preis und Reichweite?

Den i3 gibt es ab 40’000 Franken. Das ist richtig günstig, wenn man die Folgekosten einbezieht. Auf der Website von BMW kann man ausrechnen, wie viel man alleine bei den Benzinkosten pro Jahr spart. In meinem Fall wären es mit 35'000 Kilometern im Jahr 4’296 Franken. Dazu kommt, dass Elektroautos weit weniger reparaturanfällig sind. Keilriemen & Co. müssen weder ersetzt noch repariert werden. Es fehlen noch die Erfahrungswerte, dies könnte aber glatt die Batteriekosten ausgleichen. Mit Sicherheit kann man aber schon jetzt sagen, der i3 hat ein überraschend gutes Preis/Leistungsverhältnis.

Und die Reichweite? Nach Werksangaben fährt der i3 bis zu 190 Kilometer mit einer Ladung. Aufladen kann man in über Nacht an jeder Haussteckdose. Oder an einer Elektrotankstelle innerhalb von 20 Minuten für 100 Kilometer Reichweite. Elektrotankstellen sind besondere Ladegeräte, die man für rund 2’000 Franken kaufen kann und jeder bei sich aufstellen kann. Vielleicht werden Starbucks neben gratis WIFI schon bald auch gratis Auto aufladen anbieten.

Was, wenn Sie längere Strecken fahren müssen? Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Sie kaufen einen Range extender für knapp 10’000 Franken. Das ist ein kleiner Motor, der Strom produziert und die Reichweite auf fast 400 Kilometer erweitert. Das ist mehr als die Strecke Genf St.Gallen. Fahren Sie nicht schneller als 110 km/h, können Sie den 9 Liter Benzintank auffüllen und dann fahren Sie bis nach Spanien…Die zweite Möglichkeit ist, Sie buchen ein Mobility Abo für 290 Franken im Jahr und mieten sich für längere Strecken einen Benziner.

Damit zur Batterie. Wir kennen das, ein Notebook, ein Handy läuft super, bis die Batterien schwach werden und dann kann man das Gerät fortwerfen. Nicht so ist es beim i3. BMW gibt 8 Jahre Garantie auf die Batterie oder 100’000 Kilometer. Eine neue Batterie würde dann rund CHF 8’000 kosten. Das hört sich vernünftig an. Zumal es interessante Konzepte gibt. BMW denkt darüber nach, Batterien zurückzukaufen und sie dann als Stromspeicher für Wind- und Solarkraftwerke zu nutzen. Wir stehen am Anfang einer spannenden Entwicklung.

Und jetzt ein neues Atomkraftwerk?
Elektroautos sind um einiges Effizienter, als Autos, die mit Benzin oder Diesel angetrieben werden. Wenn Sie den Strom für ein Elektroauto mit Öl produzieren, benötigen Sie etwa die Hälfte von dem, was Sie bei einem Benziner benötigen. Wir könnten also von Benzinern auf Elektroautos umsteigen und den gesamten Stromverbrauch über ein Gas oder Ölkraftwerk produzieren. Wir würden damit den CO2 Verbrauch halbieren und nur noch die Hälfte der Franken an die Ölscheichs überweisen.

Sollten sich Elektroautos durchsetzen, wird dies einige politische Herausforderungen mit sich bringen. Offensichtlich ist die geringere Abhängigkeit von Ölimporten. Damit gibt es weniger Geld für die Ölscheichs. Zumindest vom Westen. Die Frage nach den Steuern wird gestellt. Der Benzinpreis ist heute so hoch, weil massig Steuern auf den Liter darauf geschlagen werden. Wie sieht dies beim Strom fürs Elektromobil aus, wenn es in grossen Massen auf den Strassen ist. Kommt dann das Road Pricing? Und wie sieht der Beruf des Automechanikers aus, wenn die Autos immer weniger reparaturanfällig werden. Diese und andere Fragen werden wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren beantworten müssen. Vorerst liegt aber der Entscheid für oder gegen ein Elektroauto beim Käufer.

Für mich ist klar, der BMW i3 ist das erste massentaugliche Elektrofahrzeug für den breiten Einsatz. Es fährt sich toll, es hat genügend Reichweite und macht richtig Spass. Eignet sich der BMW i3 für alle? Wer viel auf der Autobahn unterwegs ist und mehr als 20’000 Kilometer im Jahr fährt, sollte auf die nächste Generation warten. Der Stromverbrauch bei über 110km/h steigt deutlich an und damit fällt die Reichweite. Wer im Jahr rund 20’000 Kilometer oder weniger fährt, erhält dagegen eine richtig gute Alternative zum Benziner.

Ob das Auto für Sie geeignet ist? Keine Ahnung. Sollten Sie dieses Jahr an ein neues Auto denken, dann lege ich Ihnen eine Testfahrt ans Herz - und wenn sie nur zum Spass ist.

In diesem Sinn viel Spass in der Autozukunft und einen tollen Start ins 2014.

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