Die Inflationsfalle

Die enorme Ausweitung der Notenbankgeldmenge wird zu einer Teuerung führen – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber wann? Wer Vermögen besitzt, egal ob wenig oder viel, muss heikle Entscheide fällen – schon heute.

Kommt jetzt die Inflation? Oder doch nicht? Und wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn sie dann mal kommt: in welchem Ausmass? Fragen wie diese beschäftigen sowohl Sparer als auch Anleger schon seit Monaten. Noch befinden sich die Inflationsraten in Europa auf jahrzehntelangen Tiefstständen – in der Schweiz ist die Teuerung sogar negativ. Aber Experten halten bereits den Warnfinger hoch: Das könnte sich bald ändern. Grund dafür ist die anhaltend expansive Geldpolitik der Notenbanken.

Ein Blick zurück: Seit dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Notenbanken hauptsächlich eines gemacht, Geld gedruckt. Vor der Krise, anfangs 2007, befanden sich weltweit umgerechnet knapp 10 Billionen Dollar im Umlauf. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die weltweite Geldbasis auf 20 Billionen verdoppelt. Rund die Hälfte davon wurde in der westlichen Welt in Umlauf gebracht, sprich in den Krisenländern.

Mit Hilfe von Konjunkturprogrammen und Zinssenkungen versuchen Politiker und Notenbanker, die angeschlagene Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Nur funktioniert das in den Krisenländern nicht recht, weil die Finanzbranche das billige Geld nicht in Form von Krediten an Unternehmen und Konsumenten weiterreicht: Dort besteht aktuell zu wenig Nachfrage. «Wir durchschreiten aktuell die Talsohle. Noch ist die wirtschaftliche Dynamik in Europa schwach, daher droht auch keine Inflation. Jedoch rechnen wir in der zweiten Jahreshälfte mit einer Besserung der konjunkturellen Lage», sagt Thomas Della Casa, Leiter Vermögensverwaltung bei der Neuen Helvetischen Bank. Sobald aber die Wirtschaft wieder anzieht, droht Teuerung. Peter Bernholz, einer der renommiertesten Inflationsforscher, kennt weltweit keine Situation, in der eine Ausweitung der Notenbankgeldmenge nicht zu Inflation geführt hätte.

Warum? Inflation entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen Geld- und Gütermenge nicht mehr stimmt. Wenn mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt wird, ohne dass das Angebot an Gütern steigt, sind die Konsumenten bereit, mehr Geld für dieselbe Gütermenge auszugeben. In der Folge steigen die Preise auf breiter Front. Aktuell wird diese Entwicklung nur dadurch verhindert, dass das Geld bei den Konsumenten nicht ankommt.

Die Mission der Notenbanken

Um Teuerung zu verhindern, müssen die Notenbanken im richtigen Moment die Reissleine ziehen. Die amerikanische Notenbank Fed hat die geldpolitische Wende bereits angekündigt. Sofern sich die Wirtschaft wie erhofft entwickelt, wird gegen Ende des Jahres ein behutsamer Ausstieg aus den umfangreichen Anleihenkäufen beginnen, der im Sommer 2014 abgeschlossen sein soll. Die genaue Vorgehensweise sei jedoch auch von der Lage auf dem Arbeitsmarkt abhängig, sagte der Fed-Chef Ben Bernanke. Er plant eine sanfte Temporeduktion, keine Vollbremsung, wie er selbst betonte.

Von einem solchen Umschwenken ist die Europäische Zentralbank (EZB) weit entfernt, wegen der anhaltenden Euro-Krise will sie weiter an der lockeren Geldpolitik festhalten. Derzeit notiert der Leitzins auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. «Inflation ist tückisch. Lange Zeit sieht man sie nicht und dann kommt sie mit Riesenschritten», warnt Della Casa. Die Frage ist also nicht, ob die Inflation kommt, sondern wann sie kommt und wie heftig sie ausfallen wird.

Noch geben Prognosen keinen Anlass zur Sorge. Für die Schweiz erwartet die Nationalbank 2014 und 2015 eine Inflation von 0,2 beziehungsweise 0,7 Prozent. Die Europäische Zentralbank hingegen erwartet 2014 in der Euro-Zone eine Teuerungsrate von 1,3 Prozent. Dass eine Hyperinflation mit zweistelligen Teuerungsraten einsetzen könnte, erachten Experten jedoch für unwahrscheinlich. Ins selbe Horn bläst auch eine Untersuchung der Ökonomen Steve Hanke und Nicholas Krus von der John Hopkins Universität in Baltimore. Sie konnten zeigen, dass Hyperinflation historisch fast immer durch extreme politische Ereignisse wie Kriege oder den Zusammenbruch eines Staates ausgelöst wurde, nicht durch expansive Geldpolitik der Zentralbanken.

Sparer in der Niedrigzinsfalle

Die langsam steigende Inflationsrate ist für die Konsumenten im Alltag noch kaum spürbar. Bemerkbar macht sich die Teuerung schon heute bei der Energie: Strom, Benzin und Heizöl steigen im Preis. Aber auch bei Grundnahrungsmitteln wie Mais, Zucker und Weizen würden die Preise bei einer höheren Inflation merklich nach oben schnellen. «Wenn Preise steigen, leiden Sparer und Normalbürger am meisten», sagt Della Casa. «Wer nichts hat, hat auch nichts zu verlieren. Wer hingegen viel hat, hat viel zu verlieren» – eine Binsenweisheit, die sich in diesem Fall bewahrheitet. Denn Sparer, die das Geld auf ihrem Konto belassen, verlieren: Da die Zinsen schon heute niedriger als die Inflation sind, büsst das Vermögen real an Kaufkraft ein, es ist weniger wert. Mit solchen negativen Realzinsen haben gemäss Erhebungen der Weltbank derzeit 23 Länder zu kämpfen. Nach Berechnungen der Dekabank und des Instituts der Deutschen Wirtschaft verlieren Sparer dadurch weltweit mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Egal wo auf dieser Welt ein Sparer sich befindet, überall tappt er in die Niedrigzinsfalle. Beispiel Deutschland: Dort verliert ein Vermögen von 10 000 Euro auf einem Sparkonto in einem Jahrzehnt rund 1000 Euro an Wert. Dies geschieht, weil die Inflation mit 1,54 Prozent die Zinsen von nur 0,55 Prozent deutlich übersteigt. In der Schweiz, wo die Preise aktuell eher sinken, erzielt derselbe Sparer einen Gewinn von immerhin 600 Franken. Doch das gilt nur, solange die Inflation negativ bleibt. Nach den Prognosen der Nationalbank dürfte dies bald vorbei sein: Ab spätestens 2015 soll die Inflation über das Zinsniveau steigen – und dann werden auch Schweizer Sparer real Geld verlieren. Je höher die Inflation bei gleichbleibenden Zinsen steigt, desto grösser werden die Verluste ausfallen.

Von den Folgen der Inflation sind jedoch nicht nur Vermögende und Sparer betroffen, sondern auch private Altersvorsorgen, Pensionskassen und Lebensversicherungen. Da ihr Fokus in erster Linie bei der Sicherheit liegt, investieren sie die ihnen anvertrauten Gelder vorwiegend in festverzinsliche, sichere Anlagen. Deren niedrige Renditen werden ebenfalls von der Inflation «gefressen», die guten Erträge der letzten Jahre können also nicht gehalten werden. Dasselbe Schicksal droht auch Obligationenkäufern.

Die steigende Teuerung bringt aber auch Gewinner hervor. Es sind all jene, die Schulden aufgebaut haben.Denn so ähnlich wie Vermögen an Kaufkraft verlieren, verliert ihre Schuldenlast durch negative Realzinsen an Wert. Das gilt auch für hochverschuldete Länder. Deutschland beispielsweise hat zwischen 2009 und 2012 durch das niedrige Zinsniveau mehr als 60 Milliarden Euro eingespart, wie aus Kalkulationen des Instituts für deutsche Wirtschaft Köln hervorgeht.

Schutz durch Umschichten

Wie können sich Anleger und Sparer vor dem drohenden Kaufkraftverlust schützen? Als erstes fallen einem Realwerte ein, Gold zum Beispiel. Lange Zeit galt es als Inflationsschutz schlechthin, doch in der Vergangenheit konnte das Edelmetall seine vermeintliche Schutzfunktion nicht immer wahrnehmen. Beispielsweise in der Inflationsphase nach dem Börsencrash zwischen 1987 und 1990 verzeichnete Gold sogar Verluste. Prinzipiell würden steigende Inflationserwartungen den Goldpreis nach oben treiben, erklärt Della Casa. Das gelbe Metall profitiere vor allem von der Psychologie, weniger von harten Fakten. Experten sehen Gold denn auch eher als Kriseninstrument für unruhige Zeiten denn als reinen Inflationsschutz.

Der zweite bekannte Inflationsschutz sind Immobilien. Ihre Besitzer profitieren von hohen Inflationsraten nicht nur durch einen sinkenden Realwert ihrer Hypothekarschuld, sondern auch durch steigende Hauspreise. Dies gilt vor allem für Phasen konstant hoher Inflationsraten. Eine weitere Möglichkeit stellen Aktien dar, also Beteiligungspapiere an real existierenden Unternehmen. Gemäss Della Casa reagieren aber auch Aktien negativ auf einen Zinsanstieg. Er rät dazu, bei den ersten Zinserhöhungen Aktien zu halten und danach in Obligationen umzuschichten.

Darüber hinaus sollten Anleger bei der Auswahl der Unternehmenspapiere sehr selektiv vorgehen. Im Vorteil seien Unternehmen mit einer tiefen Kapitalbasis, weil sie die Preise anpassen könnten, erklärt der Experte. Firmen mit einer hohen Kapitalintensität dagegen bekunden damit Mühe: In Phasen steigender Inflation würden zu hohe Gewinne ausgewiesen, da die Abschreibungen zu niedrig sind und die in der Folge gestiegenen Reinvestitionskosten nicht abgedeckt werden können.

Bei der Umschichtung von Aktien zu Obligationen sollte laut Della Casa Unternehmensanleihen der Vorzug gegeben werden. Wichtig sei, dass diese Unternehmen einen hohen Free-Cashflow generieren. Die Kennzahl gibt den entnahmefähigen Zahlungsmittelüberschuss der Unternehmen an. Im Detail ist es jener Teil des gesamten Cash Flows, der für Zahlungen an die Eigen- und Fremdkapitalgeber verwendet werden kann.

Der Kauf von Staatsanleihen hingegen sei wenig ratsam. Die Zinsen befinden sich immer noch auf sehr tiefem Niveau. Die jährliche Rendite der zehnjährigen Bundesobligation etwa beträgt gerade einmal 1,11 Prozent. Obligationen werden nominal verzinst. Das heisst soviel wie: Ist die Inflationserwartung zum Kaufzeitpunkt tief, macht sich dies im Kurs und der Rendite bemerkbar. Erhöht sich die Inflation in der Folge, zieht die Rendite an und der Kurs fällt. Bei einer Veräusserung der Obligation ist ein Kursverlust die Folge, da neu aufgelegte Anleihen höhere Zinsen bieten. Besonders Obligationen mit langer Restlaufzeit sind von dieser Entwicklung betroffen.

«Einen universellen Inflationsschutz gibt es nicht. Wichtig ist es, rechtzeitig die richtigen Entscheide zu treffen», resümiert Della Casa. Einfacher gesagt als getan. Vor allem da niemand genau weiss, wann die Wirtschaft wieder in Gang kommt und damit die Gefahr der Teuerung steigt. So bleibt dem Sparer und Anleger nichts anderes übrig, als auf der Lauer zu liegen, die Zeichen richtig zu deuten und seine Vermögensallokation beim kleinsten Anzeichen einer steigenden Inflation anzupassen. Denn nur so kann er sein Geld vor der Vernichtung schützen.

Quelle

Inflation Schweiz - Verbraucherpreisindex (VPI)

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