Die Unwirtlichkeit unserer Städte hat nicht abgenommen!

„Urban gardening“ ist der neueste Schrei der Stadtbewohner. Sie sehnen sich nach mehr „Grün“ in ihrer Umgebung und nach naturbelassenen Nahrungsmitteln. Immer mehr Stadtbewohner lehnen sich auf gegen die Zerstörung von urbanem Grünraum und das Wachsen von Baukränen, gegen das Asphaltieren von Gärten. Die Unwirtlichkeit unserer Städte hat in den letzten 50 Jahre nicht abgenommen. Das zeigt sich auch am Anteil der Kinder und Jugendlichen (0-19 Jahre) in den Städten, der 2012 immer noch deutlich tiefer liegt als im schweizerischen Durchschnitt (BS: 16,3%, ZH-Stadt: 15,9%, CH: 20,4%).

Welches sind die Defizite der heutigen urbanen Räume (Aus Alexander Mitscherlich: „Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 1965)
• „Es war niemals, bei aller städtischer Lebensfreude, besonders anziehend, unter vielen Menschen zu leben (S. 15). Die Stadt ist nach wie vor kein rational gesuchtes Gebilde. In ihr fliesst eine Menge zum Scheitern verurteilter irrationaler Hoffungen zusammen (S. 115). Die kontaktvermeidende Tendenz ist eine Verhaltenseigentümlichkeit vieler Städte. Ist dies eine Reaktion auf die drangvolle, monotonisierte Nähe zahlloser anonymer Mitmenschen? (S. 74-75). Die Verarmung an dauerhaften mitmenschlichen Beziehungen bei einer sehr grossen Zahl von Stadtbewohnern hat notwendigerweise eine Verflachung und Verarmung ihrer Fähigkeiten zur Anteilnahme überhaupt und damit eine Verarmung an „Lebenserfahrung“ zur Folge (S. 44). Wo keine affektive Anteilnahme an den Objekten des „Biotops Stadt“ besteht, wird sich kaum die Leidenschaft zur Gestaltung und damit kein auf Präzision dringendes Problembewusstsein ausbreiten (S. 41). Nicht bei der Gliederung der Baumasse, sondern bei einer funktionsfähigen Gliederung menschlicher Bezüge im Stadtraum muss die Einstellungsänderung beginnen (S. 38).
• Im Wohnquartier mit den fünfstöckigen Blocks, zeilenweise angeordnet, kann sich städtische Humanität wohl nur schwer entfalten (S. 29). Die städtische Enge zwingt uns zur Aufgabe individuellen Verhaltens. In der Überfüllung reagieren wir auf jedes Zeichen des Non-Konformismus mit gesteigerter Angst. Die Dimension der abweichenden Meinung droht in der verwalteten Massenwelt zu verschwinden; sie wird gewissermassen technisch unmöglich. Werden nicht neue Plätze, städtische Begegnungsorte geschaffen, in denen sich die Meinungsverschiedenheiten mit politischen Folgen kundgeben können, dann wird die Substanz der stadtgeborenen Freiheit erlöschen (S. 83)
• Eigenraum ist für das Kind unerlässlich. Es braucht Plätze, an denen es sich mit seinesgleichen treffen kann (S. 90). Solange das Kind in einer wenig bevölkerten Welt aufwuchs, war Spielraum eine ungefragte Selbstverständlichkeit, und im nächsten Wald begann das Abenteuer (S. 114). In der Stadt wird dem jungen Menschen zu wenig Bewegungsspielraum angeboten. Er wird in einer übervölkerten Umwelt allein gelassen. Wut auf das Bestehende bricht in grosser Wildheit durch (S. 106). Es ist natürlich lukrativer, ein Rasenstück an eine Versicherungsgesellschaft zu verkaufen, statt einen Spielplatz für Kinder daraus zu machen (S. 25).

Was ist zu tun?
Es sind insbesondere die Besitzverhältnisse an städtischem Grund und Boden, welche jede schöpferische, tiefgreifende Neugestaltung der Stadt unmöglich macht (S. 19). Die gestaltete Stadt kann „Heimat“ werden, die bloss agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierungen der Identität eines Orts (S. 15). Ohne Einschränkung des privaten Eigentumsrechts an städtischem Grund und Boden ist keine Freiheit für die Planung einer neuen Urbanität zu denken (S. 55).“

Wie soll ein solch politischer Denkwandel herbeigeführt werden in urbanen Verhältnissen, wo „die Berührung mit dem Nachbarn wie mit dem Staat zur Berührung mit etwas weithin Fremdem geworden ist? In Reaktionen auf die unüberschaubare Grösse der Institutionen hat sich ein „unpolitisches“ Verhältnis von „anspruchsvoller Gleichgültigkeit“ ( Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1962) hergestellt (S. 76). Zudem hält Gewohnheit das Denken besonders dort in Schach, wo durch Denken zunächst Unbehagen entstehen muss. Die sekundäre Ausbeutung dieser Trägheit durch Entwicklung von Tabus besorgt den Rest (S. 58). Die Auflockerung der Informationsmöglichkeiten macht es trotzdem schwer begreiflich, wie sklavisch Millionen an einmal angenommenen Einstellungen festhalten (S. 65).“

Es ist unseren Verdichtungseuphorikern viel Gestaltungs- und Durchhaltewillen zu wünschen, wenn sie bei den heutigen Bodenrechts- und Raumplanungsbedingungen Verdichtungen hinkriegen wollen, die eine hohe Lebensqualität im urbanen Raum für alle Bevölkerungsschichten ermöglichen.

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