Gnue Heu donde – Kolchosen in der Schweiz?

Soviel vorne weg: In ganz Europa wird die Landwirtschaft subventioniert. Der Spitzenreiter ist Finnland. 103.5% des Faktoreinkommens der landwirtschaftlichen Betriebe werden dort staatlich finanziert. Darin enthalten sind die Güter- und restlichen Subventionen. Offenbar gibt es in Finnland noch Kolchosen. Auch Luxembourg liegt mit 95.2% ganz vorne, gefolgt von Norwegen mit 82.9% und Schweden mit 70.7%. Doch dann kommt bereits an fünfter Stelle die Schweiz, welche mit 67.4% des Faktoreneinkommens schon fast Staatsbetriebe sind. Geradezu bescheiden das Schlusslicht Zypern mit 12.1% Staatsbeitrag. Quelle: BfS.

In der Wirtschaft werden normalerweise produzierte oder gehandelte Erzeugnisse zu Selbstkosten zuzüglich Margenaufschlag verkauft. Derjenige welche das günstigste Produkt zur bestmöglichen Qualität verkauft, der macht das Geschäft. Bei der Landwirtschaft scheint jedoch die Sache anders zu laufen. Die Website landwirtschaft.ch informiert:

Direktzahlungen (DZ) sind eines der zentralen Elemente der Schweizer Agrarpolitik. Sie ermöglichen eine Trennung der Preis- und Einkommenspolitik und gelten die von der Gesellschaft geforderten Leistungen ab. Bis 2014 wird zwischen allgemeinen und ökologischen Direktzahlungen unterschieden. Für die neue AP 14-17 sind dann 7 verschiedene Beitragstypen vorgesehen (siehe Agrarreform: AP 14-17). Im Jahr 2011 zahlte der Bund den Landwirten gut 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen (BLW). Neben den DZ haben der Bund und die Kantone noch andere Möglichkeiten, eine umweltgerechte und effiziente Nahrungsmittelproduktion zu fördern und zu unterstützen und um die Erfüllung der multifunktionellen Aufgaben sicherzustellen. Dabei spricht man von Massnahmen zur Grundlagenverbesserung.

Aha. Somit könnte man verstehen, dass der Preis der landwirtschaftlichen Güter in der Schweiz dank Subventionen unter dem Marktpreis liegt, dem Bauern aber dennoch ein lebenswertes Einkommen ermöglicht werden soll. So eine Art bedingungsloses landwirtschaftliches Grundeinkommen also. Nur frage ich mich, weshalb denn die Lebensmittelpreise beim Schweizer Grossverteiler über den Preisen der EU liegen. Die Website ergänzt:

Voraussetzung für alle Direktzahlungen ist die Erfüllung des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN).

Also sind denn unsere Landwirte alles Umweltschützer? Also versuche ich für mich mal die Sache aus drei Richtungen zu rechtfertigen, und stütze mich dabei auch auf die Erkenntnisse von Markus Schär und seinem Artikel „Mythenbauern“ in der Weltwoche vom 20. November 2013.

1. Die autonome Versorgungssicherheit
Der Berner Nationalrat Rudolf Joder argumentiert überzeugend: «Der internationale Warenverkehr wird immer komplexer und damit anfällig für Störungen. Die eigene Ernährungssicherheit ist deshalb wichtig für die Zukunft der Schweiz.» Der weltweite Wettlauf um die Ressourcen sei eine Gefahr für die Schweiz. Um hier die Sicherheit zu zementieren, plant er eine Initiative, welche einen „möglichst hohen Selbstversorgungsgrad“ in die Verfassung bringen möchte. Nun, heute liegt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz bei 60% (nach Kalorienbedarf), während in der Zeit der rationalisierten Lebensmittelabgabe des 2.WK bei erstaunlichen 70%, und das bei der „Anbauschlacht“. Allerdings lebten im Jahr 1940 etwas mehr als halb so viele Personen in der Schweiz. Ein weiteres Problem der Selbstversorgung ist der Import von Vorfabrikaten wie Dünger oder Futtermittel. Bis die Schweizer Erzeugnisse dann fertig sind, kosten sie oftmals bis zu 5x mehr als anderswo in der Welt. Und wie ist denn das genau mit der Autonomie? Müssen wir uns vorstellen, dass weltweit nichts mehr wächst, und wir das einzige Land sein werden, welches noch selbst für Essen auf dem Tisch sorgen kann? Will dann die Weltbevölkerung bei uns einwandern, oder droht sogar ein Besetzungskrieg? Wäre es nicht einfach besser, den Landwirten fürs Nichtstun etwas zu bezahlen, als überteuerte Esswaren in die Migrosgestelle zu liefern? Oder wäre es denn unmöglich, im Fall der Fälle der Superlebensmittelkrise die stillgelegte Landwirtschaft wieder hoch zu fahren? Fragen über Fragen. Auch darüber, was Herr Joder denn wirklich zementieren will.

2. Schutz des Kulturlandes
Gut, ein Argument könnte sein, dass wir mit der laufenden Landwirtschaftsmaschine unser Kulturland vor Überbauung schützen könnten. Doch gab es im Jahr 1999 total 60‘696 subventionierte Bauernbetriebe, welche zusammen 1‘021 Km2 Kulturland bewirtschafteten. Im Jahr 2012 waren es nur noch 49‘507 Betriebe, aber die Kulturfläche verringerte sich lediglich um 4 Km2 (minus 0.4%). Aha, somit arbeiten die Bauern nun rationeller und erhalten weniger Subvention! Doch halt, die Bundesausgaben für Subvention reduzierten sich in derselben Periode um faktisch nichts Quelle: BfS

3. Bessere Schweizer Qualität


In der fernen Vergangenheit meiner Kindheit erinnere ich mich an eine Bauernwelt, in welcher dieser alte Hürlimann Traktor aus der Coop Werbung tatsächlich umherfuhr. Der Bauer selbst machte aber immer einen sehr überarbeiteten, und höchst unzufriedenen Eindruck, und gepflegte Schauspielergesicher, welcher singend die Arbeit verrichteten, gab es schon gar nicht. Wenn wir mal eine Milchkanne verschütteten, dann gab es meistens eine Tracht Prügel, ausser wir konnten uns noch rechtzeitig verstecken. Auch die Kartoffelernte ohne Maschine werde ich niemals vergessen, als es darum ging, den ganzen Tag lang gebückt die Stauden auszureissen. Nein, das Märchen, welches dieses Video suggeriert, ist nicht die bäuerliche Realität. Und nur weil eine Karotte heute noch Dreck dran hat, ist sie bei weitem nicht gesünder. Als heutiger Vielreisender kann ich getrost bestätigen, dass weder Karotten noch Kartoffeln im ausländischen Regal schlechter sind als die von „aus der Region für die Region“. Allerdings sind sie erheblich günstiger. Und vom Fleisch möchte ich erst gar nicht anfangen.

Die Grüne Partei möchte allerdings nun mit einer Art Pouletinitiative bezwecken, dass importierte Lebensmittel den „Schweizer Standard“ erreichen sollen. Eine weitere Art Protektionismus oder einfach „meh Dräck“ am Rüebli? Landwirtschaft kombiniert mit der Bevölkerungsmenge lässt sich aber nur industrialisiert betreiben, ausser wir wollen eine „Boutique Landwirtschaft“ mit D&G Label an den Pilzen. Dass kann auch grösstmöglich ökologisch erfolgen. Wenn aber jeder Bauer nur 20 Ha zu bewirtschaften hat (1017 Km2 : 49‘507 Betriebe), dann können wir nicht wirklich von industrialisierter Landwirtschaft sprechen, sondern höchstens von Heimatschutz. Somit handelt es sich bei der sagenumwobenen „Schweizer Qualität“ bei hiesigen Landwirtschaftsprodukten um eine geniale Marketingkampagne, welche einzig zum Ziel hat, den exorbitant hohen Preis zu rechtfertigen.

Als liberal denkender Mensch erkenne ich bei der Dreipunktezusammenfassung keinen einzigen Grund, weshalb wir ein veraltetes Landwirtschaftssystem weiter subventionieren sollten. Eventuell wäre es sogar zweckmässig, auch die Landwirte dem Markt zu überlassen. Denn erst die Not macht erfinderisch, und Subventionen nur denkfaul.

Andererseits müssten auch folgende Fragen beantwortet werden:

  • Falls die Landwirtschaft auf sich gestellt in der Schweiz eingehen würde, welche Auswirkungen hätte dann der Güterimport auf die Schweiz? Gäbe es nicht massiv viel Mehrverkehr?
  • Hätte die EU in der Verhandlungstaktik nicht eine gute Karte in der Hand, uns einfach knapp zu halten? Welche Auswirkungen hätte eine Umweltkatastrophe auf die zentrale Landwirtschaftsproduktion im Vergleich zu einer dezentralen?
  • Wenn wir die Landwirtschaftsprodukte alle importieren, profitieren wir nicht bei der europäischen Subvention? „Der EU Bürger finanziert das Essen der Schweizer“ wäre eine passende Schlagzeile.
  • Wenn keine Landwirte mehr das Kulturland bestellen, wie würde es in Zukunft in unserem Land aussehen? Hätten wir Steppen oder Distelfelder, oder müssten wir für den Subventionsbeitrag von knapp vier Milliarden Franken dann Landschaftsgärtner beschäftigen?
  • Gäbe es nicht viel teurere Subventionsfässer, welche zuerst geschlossen werden müssten? Im Jahr 2001 gab der Bund 47 Milliarden Franken aus, im Jahr 2017 sollen es bereits 72.9 Milliarden sein. Und dass bei einer negativen Teuerung (Quelle: EFV).

Fazit: Ich bin der Meinung, dass wir die Landwirtschaft dem Markt überlassen sollten. Doch bevor wir das tun, sollten wir auch die restlichen Bundesbetriebe privatisieren, und die Bundesausgaben generell massiv zurückfahren. Denn eine Abschaffung nur in einem marginalen Bereich geht nicht wirklich ohne ideologische Grabenkämpfe. Denn ob nun der Bundesbeamte eine graue (Landwirt) oder blaue (Sozialarbeiter) Überhose an hat, spielt bei den steuerfinanzierten Ausgaben ja nicht so eine grosse Rolle

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