Regionalisierung der Mindestlöhne - empirisch alles andere als zwingend

An der Mindestlohninitiative wird teilweise kritisiert, dass sie einen nationalen Mindestlohn von 22 Fr./h verlangt und den regionalen Unterschieden zu wenig Rechnung trägt. Doch ein Blick in die regionalen Strukturen und die Preise in der Schweiz zeigt, dass diese Kritik empirisch wenig stichhaltig ist. Vorab aber gleich: Die Mindestlohninitiative lässt regionale Unterschiede zu, indem den Kantonen ermöglicht wird, höhere Mindestlöhne einzuführen.

Die SchweizerInnen halten sich bei der Wahl ihres Arbeitsortes nicht an die Kantonsgrenzen. Sie sind ein Volk von Pendlern. Dabei fällt vor allem auf, dass die städtischen Zentren mit ihren höheren Löhnen (BS, ZH, ZG, GE und BE) mehr Zu- als Wegpendler haben. Die ländlichen Regionen mit tieferen Löhnen (BL, NW, SZ, UR usw.) haben hingegen mehr Weg- als Zupendler. Diese Pendler haben in ihrem Arbeitskanton einen höheren Bruttolohn als in ihrem Wohnkanton. Nach Abzug der Kosten fürs Pendeln bleibt ihnen wahrscheinlich mehr zum Leben (Steuern, Krankenkassenprämien usw.) nicht berücksichtigt.

Für viele Produkte werden in der Schweiz weitgehend einheitliche Preise verlangt. Das betrifft insbesondere den Detailhandel mit Waren des täglichen Bedarfs, Autos, Benzin, Möbel, Telefonabos, Medikamente, Briefmarken usw. Grob geschätzt dürfte gegen die Hälfte des Durchschnitts-Warenkorbes zu einem schweizweit fast gleichen Preis verkauft werden.

Auch die Renten der Sozialversicherungen AHV/IV sind nicht regional unterschiedlich, sondern national geregelt. Schliesslich stellt sich die Frage, wie man eine Region definiert. Die Differenzen bei den Mietpreisen zwischen dem Engadin und dem Bergell dürften beispielsweise höher sein als viele Unterschiede im Schweizer Mittelland. Das dürfte auch für die Gebiete im Kanton Tessin oder Wallis zutreffen. Auch hier kommt es stark darauf an, ob jemand in Lugano oder im Maggiatal lebt usw. Somit gibt es mindestens ebenso viele Argumente für wie gegen die Regionalisierung. Die Lösung der Mindestlohninitiative ist daher pragmatisch: National eine Untergrenze mit der Möglichkeit, regional Zuschläge zu machen.

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