Energiepolitik: Wunsch und Wirklichkeit

Unsere Kernkraftwerke produzieren heute beinahe 40 Prozent der gesamten Elektrizität in der Schweiz. Gemäss der bundesrätlichen Energiestrategie jedoch nicht mehr lange. Der komplette Verzicht auf nukleare Stromproduktion soll spätestens um das Jahr 2045 vollzogen sein. Der Strom soll gemäss dieser «Strategie» grösstenteils durch neue erneuerbare Energien wie Solar, Wind, Biomasse und Geothermie ersetzt sowie teilweise durch Energieeffizienz eingespart werden.

Ein fragwürdiges Unterfangen auch hinsichtlich des Stromkonsums. Bedenkt man die Ziele der Energiestrategie 2050, so soll die prognostizierte Nachfrage in der Schweiz innert 40 Jahren auf das Niveau des Jahres 2000 gesenkt werden. Allein zwischen 2000 und 2012 ist jedoch der Stromverbrauch in unserem Land um 12,7 Prozent gestiegen. Ob die staatlich verordnete Energie-Diät jemals wirken wird? Ein Blick rund um den Globus lässt auf Gegenteiliges schliessen. Wie die aktuellen Neubauprojekte der Kernenergie zeigen, ist der Energiehunger in weiten Teilen der Welt noch lange nicht gestillt: Weltweit befinden sich nämlich 73 Kernkraftwerke im Bau und 175 in Planung. Vor wenigen Wochen hat der britische Premierminister David Cameron im Hinblick auf den Investitionsvertrag für neue Kernkraftwerke von einer neuen Generation zukunftsweisender Nukleartechnik gesprochen. Damit soll in Grossbritannien ein Beitrag zur Versorgungssicherheit geleistet werden. Aber auch die Verringerung der CO2-Emissionen sowie die Senkung der Energiekosten für die Konsumenten werden als Hauptargumente der britischen Regierung angeführt – mit dem Zuspruch der oppositionellen Labour-Partei sowie der Gewerkschaften. Grossbritannien verfolgt also im Vergleich zur Schweiz und zu Deutschland eine diametral entgegengesetzte energiepolitische Strategie.

Der kürzlich verkündete Stilllegungstermin des KKW Mühleberg wurde von Schweizer Kernkraftgegnern freudig als «Einstieg in den Ausstieg» begrüsst. Eine genaue Betrachtung der Folgen dieser Stilllegung dürfte jedoch ernüchternd wirken. So produziert das vergleichsweise kleine Mühleberg jährlich rund 3 Terawattstunden Strom und deckt damit den Elektrizitätsbedarf von etwa 400‘000 Menschen. Die Dimensionen lassen sich anhand folgender Relationen aufzeigen: Um allein diese Stromproduktion zu ersetzen, wären über 700 Windturbinen wie jene auf dem Mont Crosin oder rund 2500 Solaranlagen wie auf dem Stade de Suisse in Bern oder 20 Laufwasserkraftwerke wie jenes in Mühleberg an der Aare nötig – und zwar bereits ab 2019!

Ab 2019 werden wir daher noch stärker auf Strom aus dem Ausland angewiesen sein, der vor allem von französischen Kernkraftwerken und deutschen Braunkohlekraftwerken für den hiesigen Verbrauch produziert werden muss. Damit werden wegen des deutschen Beitrags nicht nur Umwelt und Klima unnötig belastet, sondern auch die Auslandabhängigkeit erhöht und damit die sichere Stromversorgung der Schweiz gefährdet.

Die Debatte über die Energiepolitik in der Schweiz ist geprägt von ideologischen Argumenten, subventionierten Luftschlössern und staatlicher Bevormundung. Das ist weder ökologisch klug, noch ökonomisch sinnvoll, noch ordnungspolitisch richtig. Das Volk sollte aufgrund der weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen über die Ausrichtung der Energiepolitik abstimmen können. Doch das ist in der bundesrätlichen Energiestrategie nicht vorgesehen. Wieso eigentlich nicht, Frau Leuthard?

44 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.