Von bösen Kapitalisten - oder wie ich nie meinen Laden eröffnet hätte

Wenn Gewerkschafter und Linke über menschenwürdige Löhne und böse Arbeitgeber berichten, machen sie das gut. Geschichten von malochenden Arbeitern, die zu Hause ums Überleben kämpfen, berühren. Sie machen betroffen und allzu gerne will man sagen: Ja ändern! Der Mindestlohn muss her.

Aber erzählen Ihnen die Linken die ganze Wahrheit?

Ich möchte Ihnen eine andere Geschichte anbieten. Besser gesagt meine. Vor 20 Jahren, im August 1993, eröffnete ich in Teufen meinen Videoladen Lollipop. Für Gewerkschafter muss dieser Laden der Horror gewesen sein. Wir hatten und haben kein straffes Ladenöffnungsgesetz in Appenzell Ausserrhoden und so war das Lollipop an 7 Tage in der Woche offen. Von Montag bis Samstag ging die Tür um 14:00 auf und schlossen erst um 22:00 Uhr. Am Sonntag mieteten die Kunden von 14:00 bis 18:00 Uhr ihre Videos. Die Öffnungszeiten waren mein grosser Vorteil, um gegen die starke Konkurrenz aus dem 15 Minuten entfernten St.Gallen zu bestehen. In St.Gallen war unter der Woche um 18:30 Schluss und Sonntags durfte sowieso kein Laden öffnen.

Damit ich selbst nicht die ganze Zeit im Laden stehen musste und zwischendurch ins Training gehen konnte, beschäftigte ich zwei Studenten. Der eine kam jeweils an zwei Abenden in der Woche für drei Stunden. Der andere löste mich zwischendurch am Sonntag ab. Inflationsbereinigt bin ich sicher, dass keiner von uns Dreien den Mindestlohn erhielt. Für mich war es o.k., weil ich daneben noch Software für KMUs entwickelte und eher bescheiden lebte und für die beiden Studenten war es eine gute Möglichkeit, an Randzeiten etwas dazu zu verdienen, dabei für die Schule zu lernen und gratis Videos zu gucken.

War ich ein böser Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter ausbeutete? Waren wir schlechte Menschen, die für so wenig Lohn arbeiteten? Hätte man unseren Laden schliessen müssen, weil er nicht genug Geld verdiente?

Das Leben ist vielfältiger, als es die Linken gerne hätten. Ein Unternehmen aufzubauen, ist herausfordernder, als es auf den ersten Blick erscheint. Ich war jung, 20 Jahre alt, unerfahren und der Aufgabe oft noch nicht wirklich gewachsen. Was ich hatte, war Energie, Zeit, Freude und den Willen etwas auf die Beine zu stellen. Je mehr Hürden und Steine man uns Unternehmern in den Weg legt, desto schwieriger wird es für uns, die ersten Schritte zu machen. Und auch Arbeitsplätze zu schaffen.

Ich habe vollstes Verständnis, dass man die Bedingungen für Tieflöhner verbessern will. Ich finde es ebenfalls schlecht, wenn das Arbeitsamt Leute für 12.50 Gemüse rüsten schickt. Um diese Situation zu verbessern, braucht es jedoch andere Massnahmen. In erster Linie müssen wir dort anpacken, wo die grossen Ausgabeposten sind. Sodass alle profitieren, bei denen es Ende Monat knapp wird. Die Tieflöhner, die AHV- und Sozialhilfebezüger.

Ich bin sicher, kein Linker hätte gewollt, dass ich meine ersten Schritte vor 20 Jahren nicht machen konnte. Aber er hätte sie wohl unbeabsichtigt verhindert. Gleichmacherei beim Lohn wird der Vielfalt des Lebens nicht gerecht. Darum nein zur Mindestlohninitiative.

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