Weshalb Heidi auch Nein zur SVP-Familieninitiative gesagt hätte

Pippi Langstrumpf und mit ihr viele anderen Figuren der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren haben das Bild von Kindern in Schweden geprägt. In Schweden gelten Kinder als eigene Persönlichkeiten mit Rechten und Bedürfnissen. Sie sind weder das Projekt frühförderversessenen Eltern noch Rechtfertigung für den Ausstieg aus dem Beruf. Leistungen wie Unterhaltszahlungen und Kinderzulagen werden dem Kind und nicht den Eltern gutgeschrieben, und ihr Recht auf einen Kita-Platz und eine gute Bildung ist selbstverständlich. Kinder gehören sich selber.

Doch stopp: Ist es nicht ein generelles Zeichen erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher? Selbständige, autonome, mutige Hauptfiguren wachsen oft ohne Eltern auf oder leben von ihnen getrennt. Harry Potter, die Rote Zora, das Fliegende Klassenzimmer und auch Heidi.

Klara, Tochter aus gutem Haus in Frankfurt, sitzt im Rollstuhl. Laufen kann sie erst, als sie von zuhause wegkommt und zu Heidi in die Berge kann, also erst wenn sie im übertragenen Sinn auf eigenen Beinen stehen darf. Weils gesellschaftlich besser passte, wurde die heilende Wirkung der frischen Alpenluft zugeschrieben. Wollte uns Johanna Spyri nicht eine ganz andere Geschichte erzählen? Ist das Heidi nicht die schweizerische Fassung von Pippi Langstrumpf?

Im vergangenen Frühling und am letzten Wochenende äusserte sich die Schweizer Stimmbevölkerung zur Frage, ob familienergänzende Kinderbetreuung gefördert werden soll. Zwei Mal sagte die Mehrheit Ja – wenngleich der Familienartikel, über den wir im März abgestimmt haben, am Ständemehr gescheitert ist. Diesen Entscheiden vorangegangen sind jeweils heftige Auseinandersetzungen über verschiedene Familienbilder. Beide Seiten argumentierten mit dem Wohl der Kinder. Doch ging es wirklich um das Wohl der Kinder?

Blättern wir 100 Jahre zurück: Wer es sich Anfang des 20. Jahrhunderts leisten konnte, genoss als Frau das gesellschaftliche Leben und machte lange Reisen. Die Kinder wurden den Kindermädchen anvertraut. Anders in Gewerbe- und Bauernhaushalten: Dort mussten die Kinder im Betrieb mithelfen und genossen daneben sehr viele Freiheiten. Niemand hatte Zeit für sie. In Arbeiterfamilien wiederum waren Kinder noch mehr sich selber überlassen. Ihre Mütter und Väter arbeiteten vom frühen Morgen bis spät abends in den Fabriken und dies in der Regel während sechs Tagen die Woche. Die Mutter erledigte in der Regel nebenher den Haushalt und pflegte einen kleinen Garten zur Selbstversorgung. Das Leben der Kinder war sozial sehr ungleich. Doch eines hatten sie gemeinsam: Ihre Mütter verbrachten wenig Zeit mit ihnen.

Nach den beiden Weltkriegen änderte sich die Situation in zweierlei Hinsicht. Das Hauspersonal im Grossbürgertum verschwand weitgehend. Die Frauen aus der Oberschicht übernahmen die Rolle des ehemaligen Kindermädchens und wurden ihr eigenes Dienstmädchen. Dieser Rollenwechsel kam einem harten sozialen Abstieg gleich. Die Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten schafften im Gegenzug den Aufstieg, weil sich in breiten Schichten der Ernährerlohn durchzusetzen begann. Sie waren nicht mehr für die Erwerbs- und für die Hausarbeit zuständig.

Damit hat sich die Familienorganisation über die sozialen Schichten vereinheitlicht. Die Rollen der Ehefrau, Kinderbetreuerin und Hausfrau wurde in der Person der Mutter vereinigt. Die Mütter aus der Oberschicht gaben der neuen Aufgabe einen hohen Stellenwert, um ihren sozialen Abstieg zu kaschieren. Die Frauen aus der Unterschicht zogen ideologisch gleich, erlaubte ihnen die neue Aufgabe doch, nicht mehr finanziell zum Familienbudget beitragen zu müssen. Der Muttermythos war geboren.

Zwei Jahrzehnte gingen ins Land. Und dann passierten zwei entscheidende Dinge: Erstens verbesserte sich die Ausbildung der Frauen massiv. Und zweites wurde die Pille erfunden. Die Mutterschaft wurde freiwillig und setze einen bewussten Entscheid voraus. Beide Entwicklungen waren eine grosse Befreiung für die Frauen. Erstmals standen sie vor einer echten Alternative, was ihren Lebensentwurf betraf. Sie hatten die Wahlfreiheit. Doch die Freude über diese neuen Perspektiven dauerte nicht lange. Mit der Wahlfreiheit kam auch die Konkurrenz der Lebensmuster. Wer als Frau Kinder habe, solle gefälligst die Verantwortung für diesen Entscheid übernehmen. Je mehr eine Mutter auf eigene Bedürfnisse und Interessen verzichtet, desto besser ist sie als Mutter. Kinder wurden zum Projekt, die Kontrolle über ihr Wohl zur Hauptaufgabe der Mütter. Wehe, wenn sich ein Kind vom rechten Weg abkam. Und so sind wir in der Gegenwart gelandet, in einer Zeit, in der erbittert über Familienrollen und richtiges Elternsein gestritten wird, mitten im schmerzlichen Übergang von der gesellschaftlichen Nachkriegsordnung in eine moderne offene Gesellschaft mit vielfältigen Lebensformen.

Der Zeitraffer zeigt eines: Es ging in all den Jahrzehnten nie um das Wohl der Kinder, sondern immer um ökonomische Interessen und um das Verhältnis von Mann und Frau.

Das war auch in den Abstimmungen dieses Jahres nicht anders. Doch etwas ist neu: Auch wenn die ökonomischen Interessen jeweils den Ausschlag gegeben haben: Als sehr erwünschter Nebeneffekt hat das Ja der Bevölkerung zu mehr familienergänzender Kinderbetreuung tatsächlich etwas mit dem Wohl der Kinder zu tun. Was jedes erfolgreiche Kinderbuch uns schon längst erzählt, wird für viele Kinder auch im Alltag möglich: Kinder sehnen sich nach Liebe und Geborgenheit. Aber sie sehnen sich ebenso fest nach Räumen und Momenten, wo ihre Eltern nicht sind.** Und genau das kann familienergänzende Betreuung bieten**. Pippi und Heidi hätten an den Resultaten zu den Familienvorlagen in diesem Jahr Freude. Und viele tausend Kinder in der Schweiz auch.

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