Wie schön ist doch das Nachtleben in der Stadt: Bars, Clubs, Läden …

Ich liebe Zürich. Unsere Wirtschaftshauptstadt bringt frischen Wind ins Land, aber auch Ambitionen und eine offene Gesinnung. Sie ist ein Zugpferd, das die Schweiz vom alten Staub der Konservativen befreit, um sie in eine zukunftsweisende und kreative Dynamik zu führen. Die Revolution wurde 1980 in Zürich in Gang gebracht, die Forderungen wurden aber erst Ende der 90er-Jahre mit der Liberalisierung von Clubs, Bars und anderen Orten des geselligen Austauschs umgesetzt. Das Ergebnis: ein entfesseltes Angebot … und Leben! Und somit eine umfassende Veränderung der Stadt, die der restlichen Schweiz als Beispiel dienen kann. Aber auch ein Paradox, denn die revolutionären Träume der 80er-Jahre sind mit der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes in Erfüllung gegangen! Oder anders gesagt: ein Gesellschaftsprojekt der Rechten in einer rot-grünen Stadt.

Nun erwartet Zürich im Zuge der Liberalisierung eine neue Etappe: die Öffnung der Läden rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche. Zürich, nach wie vor Vorreiterstadt in Sachen Lebensqualität freier und verantwortungsvoller Bürgerinnen und Bürger – und jetzt dies. Überall stellt sich die Linke quer. Sogar bei vielen Westschweizer Sozialisten ist die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten zu einer zentralen Debatte geworden. Somit wird diese rasch einmal von Hysterie geprägt. Der kürzlich in Bern behandelte Vorstoss von Christian Lüscher, der den Tankstellen nebst Treibstoff auch den Verkauf von Salaten rund um die Uhr erlaubt, brachte die SP in Rage. Sie droht bereits mit dem Referendum.

Dieser krampfhafte Wille, sich einem unaufhaltsamen Trend zu widersetzen, hat einen völlig altmodischen Beigeschmack, denn die Liberalisierung der Öffnungszeiten von Läden, Clubs und Restaurants ist in Zürich und anderswo der Beweis dafür, dass sie das Leben schöner, lebendiger und attraktiver macht.

Ich habe den Eindruck, dass die Linke heute mit letzter Kraft versucht, das Leben der arbeitenden Bevölkerung, die nach der Arbeit ausgeht oder einkaufen möchte, zu verderben. Unter welchem Vorwand? Zum Schutz der Arbeitsbedingungen. Das ist falsch, denn der Kampf um die Arbeitsbedingungen wird anderswo ausgetragen: Aushandlung von Gesamtarbeitsverträgen, Begrenzung der Arbeitsstunden, Bezug von Ferienwochen und Schutz der Rechte des Arbeitnehmers. Das ist verständlich. Das ist sogar notwendig. Aber jemanden daran hindern, in der Nacht oder am Sonntag zu arbeiten, gehört nicht zum Kampf im Sinne der Arbeitnehmenden. Tausende Menschen in unserem Land wollen in der Nacht oder am Sonntag arbeiten, aus verschiedensten Gründen, und das stellt für sie überhaupt kein Problem dar. Im Gegenteil, denn gewissen Leuten erleichtert es das Leben sogar. Warum mischt sich da die Linke ein? Die Antwort ist ganz einfach: Sie führt ihren Kampf nicht mehr für die Arbeitenden, sondern für die Partei. Das nennt sich Wahltaktik.

Das Thema der Ladenöffnungszeiten ist zentral, denn die Linke kann dabei die Waffe der Angst einsetzen – ein bekanntes Massenvernichtungsmittel in der Politik, das auf einer gefährlichen Vereinfachung beruht: «Die Arbeitgeber sind alle gleich, sie wollen uns nur ausnutzen.» Die Botschaft ist einfach: Wenn Sie für die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten stimmen, wird Ihr Arbeitgeber morgen von Ihnen alles Mögliche und Unmögliche verlangen. Wer will schon seinem Arbeitgeber das Signal in die Urne geben, dass er mit einem machen kann, was er will? Die politische Botschaft, die dahinter steckt: Die SP, die Partei, die Sie schützt.

Hinzu kommen Schuldgefühle, die mit den Kampagnen geweckt werden: kaufsüchtige Konsumentinnen und Konsumenten, die krank sind und das ewige Shoppen verherrlichen. In der Tat ein effizientes Pflaster bei Schuldgefühlen, denn wer sagt sich nicht: «Es stimmt, ich konsumiere zu viel.» Er wird zwar nicht damit aufhören und nach wie vor seine Milch im Laden um die Ecke um 21 Uhr einzukaufen, aber wenigstens wird er dies mit einem guten Gewissen tun.

Angst und Schuldgefühle, damit sich nichts ändert. Unter dem Vorwand, dass Veränderungen die Welt ins Verderben stürzen – und natürlich sind wir daran schuld. Aber die Welt ändert sich. Sie wird freier, demokratischer und angenehmer zum Leben. Zürich ändert sich. Die Schweiz ändert sich. Lausanne übrigens auch, aber ohne dass sich die Politik dessen wirklich bewusst wird. Dynamische Menschen aus verschiedensten Kreisen (Nachtleben, Wirtschaft, Hochschulen) haben das Leben in Lausanne verändert. Die Bevölkerung der wachsenden Universitätsstadt ist jünger geworden. Neue Clubs wurden eröffnet. Ein attraktives Nachtleben hat sich entwickelt. Ein grösseres Angebot hat zu einer höheren Nachfrage geführt. Die Politik verfolgte das Ganze mehr schlecht als recht und legte vor allem die Bremse ein, anstatt zu motivieren. Heute nun, vor dem Hintergrund mangelnder Weitsicht und ein paar Ausschreitungen, will die linke Stadtregierung (im Bündnis mit den Rechtskonservativen, der SVP) mit der Ladenschliessung und dem Verbot von Alkoholverkauf ein Verbotsklima schaffen. Auch wenn, nebenbei gesagt, eine Lösung, um Krawall in der Nacht zu vermeiden, eben gerade in der Liberalisierung der Öffnungszeiten der Clubs liegen würde. Man könnte verhindern, dass alle unersättlichen Nachtschwärmer gleichzeitig unterwegs sind.

In Zürich und in Lausanne ist die Linke in Bezug auf die Läden und Clubs die Rechte der 70er-Jahre geworden. Das Lager der «Alten», der Konservativen, die unsere Gesellschaft langsam aber sicher zum Erstarren bringen wollen. Man könnte sie auch die neukonservativen Linken nennen. Aber sie führen von vornherein einen verlorenen Kampf, weil sie sich gegen den Lauf der Geschichte stemmen. Die Revolutionäre der 80er-Jahre erreichten von Leben erfüllte Nächte. Jene aus dem Jahr 2010 werden das Recht erhalten, auszugehen und einzukaufen, wann immer sie wollen. Denn ein freies Volk wartet nicht darauf, dass man ihm sagt, wann es einkaufen, wann es sich vergnügen und wann es beten soll. Es will frei sein. Nichts auf dieser Welt wird dieses grundlegend menschliche Bedürfnis stoppen können – ganz egal, wie das Ergebnis am 17. Juni ausfallen wird.

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