Topmanager = Konquistadoren? Wir = Indianer? Mal eine etwas andere Argumentationslinie drei provokative Thesen für die 1:12-Initiative

Liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger

Lohn- und Bonusexzesse erreichten in den letzten Jahren historische Höchststände. Deshalb haben Sie, liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, diesen Frühling die Abzocker-Initiative mit wuchtigen 70% angenommen und ein Zeichen der sozialen Verantwortung gesetzt. Die 1:12-Initiative ist die logische Fortsetzung, um Abzocker weiter zu stoppen: Wer als Topverdiener in einer Unternehmung angestellt ist, soll maximal in einem Monat so viel verdienen können, was die am wenigsten Verdienenden in einem Jahr! Das ist immer noch ein stattliches Salär. Sie haben sicher schon gelesen, wie die Gegnerschaft gegen dieses berechtigte Anliegen argumentiert und auch wie die Befürworter ihnen entgegen halten. Deshalb möchte ich mit drei zugegebermassen etwas provokativen Thesen darlegen, warum es gerade zum Erhalt unserer Volkswirtschaft notwendig ist, der 1:12-Initiative zu-zustimmen.

These Nr. 1: Die Selbstbedienungsmentalität heutiger Topmanager gleicht jener der Konquistadoren von damals.

Konquistadoren (z.B. Francisco Pizarro) segelten auf der Suche nach Reichtum über den ganzen Planeten und beuteten Kulturen schamlos aus. Dies geschah unter dem Vorwand Fortschritt und Zivilisation zu bringen. Sie denken, mit diesem Vergleich übertreibt er jetzt aber: Im Jahre 1984 verdienten Topmanager im Schnitt rund sechs Mal mehr als die am tiefsten bezahlten Mitarbeitenden derselben Firma (und damals sprach niemand vom real existierenden Kommunismus), 1993 war es bereits im Schnitt das Dreizehnfache und 2011 das Dreiundvierzigfache. In der Schweiz verdient heute ein Spitzenmanager im Durchschnitt 4 Millionen Franken oder das 56-fache eines Normaleinkommens (ca. 71‘000 Franken). Die Konquistadoren von damals behaupteten, den Indianern Fortschritt und „ewiges Heil“ zu bringen und drohten mit ewiger Verdammnis bei nichtkooperieren. Moderne Konquistadoren behaupten eine funktionierende Wirtschaft hänge von der Attraktivität ihrer Vergütungssysteme ab und sie drohen mit der Abwanderung von Firmen und Arbeitsplatzverlust bei Annahme der 1:12-Initiative.

These Nr. 2: Wir sind die neuen Indianer

Das frei verfügbare Einkommen im mittleren Einkommensbereich sank in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 300 Franken pro Jahr, während jenes der Spitzenverdiener Jährlich um 23‘700 Franken anstieg. Mit anderen Worten: Leute im Normaleinkommensbereich haben heute jährlich 3000 Franken weniger zur Verfügung, während sich die Spitzenverdiener selber jährlich 237‘000 Franken mehr zur Verfügung stellen – mehr als das Dreifache eines Jahres-Normaleinkommens! Und noch etwas anders ausgedrückt: 100 Normalverdiener bezahlen mit ihrem Verzicht den Zusatzverdienst eines Topverdieners – so baut das reichste Prozent der Bevölkerung seinen Wohlstand aus.
Diese zweite „Uhreinwohner-These“ wird durch den Fall UBS weiter gestützt: Vor wenigen Jahren haben wir dieser Grossbank mit sechs Milliarden Franken von unseren Steuergeldern unter die Arme gegriffen. Es wurde wenigen Leuten von der UBS ein sehr grosser Teil unseres Volksvermögens anvertraut, die weder unser Vertrauen noch dieses Geld „verdient“ haben. Trotz riesiger und vor allem: durch falsches Handeln erzielter Verluste, zahlten sich die UBS-Topmanager wenig später Boni in dieser Grössenordnung aus. Und sie bedienen sich immer wieder: Der Geschäftsabschluss der UBS zeigte letztes Jahr ein Defizit von 2,5 Milliarden Franken! Trotzdem zahlten sich die Manager Boni in der Höhe von 2,5 Milliarden Franken aus. Wenn sie dann genug für sich herausgeholt haben ziehen, die Top-Manager nach einem tiefen Griff in die Pensionskassen-Schatulle des Unternehmens wieder weiter (siehe auch Barnevik, Ex-CEO von ABB vor einigen Jahren).
Ich frage Sie, liebe Besitzerinnen und Besitzer einer KMU: würden Sie sich selber am Ende des Jahres einen Riesenbonus ausbezahlen, obwohl Sie einen Riesenverlust erwirtschaftet haben? Die Antwort lautet: „sicher nicht!“ Ich frage Sie weiter, ob Sie aus Ihrer Firma für sich solche Riesengehälter, z.B. das Fünfzigfache des tiefsten Lohnes, hinausziehen - die Antwort ist aus verschiedenen und sehr vernünftigen Gründen wieder: Nein! Wird die 1:12-Initiative angenommen, so ist kaum eine KMU in der Schweiz betroffen, weshalb sich ein Pro-Komitee bestehend aus Kleinunternehmern zusammen gefunden hat und die 1:12-Initiative unterstützt. Diese Leute wissen, warum es heute so viel schwieriger ist, von einer Grossbank einen Kredit zu bekommen, z.B. um sich eine neue Maschine anzuschaffen ....

These Nr. 3: Den modernen Konquistadoren sind die Menschen, das Land und die Kultur egal, die sie ausbeuten.

Topmanager identifizieren sich nicht mit dem Unternehmen für das sie arbeiten und sie kennen es kaum und auch nicht die Bedingungen und das Umfeld, in welche ihr momentanes Unternehmen eingebettet ist. Zwei, drei Jahre nach Stellenantritt sind sie meistens schon wieder weg – Beispiele dafür gibt es viele. Weiter kann niemand behaupten, dass man in dieser kurzen Zeit einen Konzern wie ABB, UBS oder eine andere grosse Firma tatsächlich kennt. Was für diese Leute zählt, ist die hierzulande hohe Fachkräftedichte, politische Stabilität und weltweit betrachtet, die absolut niedrigsten Steuern für Unternehmen und natürliche Personen. Dass sie die Nähe zur im Unternehmen geleisteten Arbeit und den Produkten nicht besitzen, wird an ihren Entscheidungen sichtbar: da ein, zwei Filialen schliessen und dort das eine oder andere wegrationalisieren – wichtig ist, wie sich das auf die Börse auswirkt. Und ja, in der Schweiz gibt es ein so gut funktionierendes Auffangnetz für die Arbeitslosen. Diese Manager werden von den Aktionären nur noch an Quartalszahlen gemessen und nicht am langfristigen Unternehmenserfolg. Woher dieses Geld kommt, das sich diese Leute selber als Vergütung zugestehen, ging offenbar in den letzten Jahren auf den Chefetagen zunehmend vergessen (siehe Lohnentwicklung bei These Nr. 1). Sie fühlen kaum mehr Verantwortung gegenüber dem Personal, Zulieferern und dem Staat, der die Bedingungen (Stabilität, Sicherheit, Bildung usw.) für eine funktionierende Wirtschaft schafft und das alles überhaupt erst ermöglicht hat. Sie haben keine Ahnung mehr, dass der kleine Mann in der Werkhalle mit seinen Ideen zum erfolgreichen Produkt Wesentliches beiträgt. Die einzige Verpflichtung, die sie fühlen, ist diejenige gegenüber dem Verwaltungsrat und der Aktionärsversammlung, welche ihre Vergütungen bei gutem Geschäftsgang, sprich: bei hoher Bewertung an der Börse, absegnet. Wenn sie genug für sich herausgeholt haben, segeln sie wieder weiter ….

Es verdienen heute ein paar Wenige unsäglich viel daran, wofür viele andere gearbeitet haben. Das was Investmentbanker an den Börsen verzocken, ist durch uns erarbeitet worden. Es hat nichts mit Neid zu tun, wenn man nicht will, dass die uns noch mehr wegnehmen! Man muss Konquistadoren nicht glauben, dass nur sie uns zum Heil führen können, wenn wir 'Büetzer' uns am Ende des Monats immer weniger leisten können und diese Leute immer mehr. Es ist an uns für Nachhaltigkeit zu sorgen, indem wir dieses Treiben mit einem Ja zur 1:12-Initiative endlich eindämmen. Und wenn die Gegnerschaft behauptet, dass bei einem Ja am 24. No-vember alles so weitergehe wie immer, weil es genügend Schlupflöcher gebe, dann führt sie damit die meisten ihrer Schreckargumente selber ad absurdum und beweist damit meine drei Thesen!

Darum sagen Sie ja zur 1:12-Initiative. Lassen sie damit die Konquistadoren an andere Küsten segeln und Platz machen für Leute mit volkswirtschaftlich langfristigen Motiven – das Land und die Firmen bleiben nämlich da und können das, was ihnen nicht mehr geplündert wird, nachhaltig einsetzen.

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