Dann reden wir doch einmal über Neid

Wäre ich ein JUSO, ich fände 1:12 einfach nur endgeil. Kurz nachdem man sich noch mit Vasella wegen einem Nacktplakat zoffte, erhält die JUSO die Chance, das Gehalt der Bonzen zu deckeln. Wow, was für ein Erfolg. Ich persönlich muss gestehen, da sehe ich null neid, einfach nur eine "coole" Aktion. Von deren Erfolg die JUSOS wohl selbst am meisten überrascht ist.

Warum dann immer das Neid-Argument? Was ist überhaupt Neid. Neid kann ein starker Treiber sein. Einige der grossartigsten Geschichten der Literatur leben davon, dass Menschen neidisch sind. Allein Wiliam Shakespeare lässt seine Figuren in Othello, Hamlet und König Lear intrigieren, morden und andere schreckliche Dinge aus Neid tun. Parul Sehgal zeigt in ihrem TED Talk auf, welch grossartige Kreativität Neid auslösen kann. Dennoch möchte niemand mit Neid in Verbindung gebracht werden. Ist Neid doch ein Zeichen von Schwäche, ein unschöner Zug. Wer will sich schon eine Schwäche oder gar ein unschöner Zug zugestehen.

Dabei ist Neid womöglich gar nicht so schlimm. Laut Wikipedia ist Neid:

Neid an sich, bedeutet nur dass man gerne die gleichen oder ähnliche Besitztümer, Gesundheit, Attraktivität, Redegewandtheit, Führungsqualität, diverse Begabungen oder gute Beziehungen zu anderen Menschen, Privilege u.v.a.m. hätte - also eine Art Begehrlichkeit.

Anders sieht es mit der Missgunst aus. Diese bedeutet:

jemandem etwas, aufgrund von gefühltem Neid, beschädigen, zerstören oder wegnehmen zu wollen. Oder, dort wo diese gefühlte Ungerechtigkeit nicht auf materiellen Vorzügen fusst, den Missgönnten auf andere weise schaden zu wollen.

Was haben wir bei 1:12?

Es gibt einige Experimente und Erfahrungen aus der Verhaltensökonomik, die ziemlich gut herausfanden, wie Menschen funktionieren. Gerechtigkeit ist dabei ein wichtiger Treiber. Die Forschung geht davon aus, dass Fairness wichtig war, damit wir Menschen überhaupt lernten zusammenzuarbeiten. Selbst Affen können sehr sensibel reagieren, wenn sie finden, sie werden ungerecht behandelt. In einem Experiment isst ein kleiner Affe genüsslich Gurkenstücke, die ihm von einer Forscherin im Gegenzug für kleine Steine gereicht werden. Alles scheint bei diesem Tauschgeschäft friedlich und gut - bis das Tier bemerkt, dass ein Artgenosse im Nachbarkäfig statt mit Gurken mit leckeren Trauben gefüttert wird. Jetzt geht das kleine Äffchen durch ein Wechselbad allzu bekannter menschlicher Gefühle: Unverständnis, Selbstzweifel, Weltschmerz, Neid, Ärger, Trauer, blanke Wut.

"Was bekomme ich im Verhältnis zu den anderen?" Diese Frage ist Teil unseres Primatenerbes. Es geht also nicht um Gleichverteilung. Aber Menschen achten bewusst oder unbewusst extrem sorgfältig darauf, dass sie subjektiv und im Verhältnis zu anderen fair behandelt werden. Schon 8-jährige Kinder können dem anderen einen “ungerechten” Gewinn missgönnen. In einem Experiment wurden die Kinder vor eine Wahl gestellt. Entweder sie bekamen ein Bonbon und ein anderes Kind bekam ebenfalls ein Bonbon oder, sie bekamen ein Bonbon und das andere Kind bekam zwei Bonbons. Bei beiden Varianten erhielten die Kinder für sich selbst immer nur ein Bonbon. Bei der zweiten Variante bekam das andere Kind jedoch eines mehr. Die Kinder wählten zu 80% die erste Variante. Das andere Kind bekam also kein “ungerechtfertigtes” zweites Bonbon.

Wenn ich mir die Argumente der Befürworter von 1:12 anhöre, will ich nicht sagen, dass sie neidisch sind. Aber ich bin ziemlich sicher, dass viele zu den 80% der Kinder gehören, die dem zweiten Kind kein Bonbon gegeben hätten. Den es ist ja unfair. Hat der Manager doch kein zweites Bonbon verdient.

Ob das nun schlecht oder gut ist, wenn man auf Fairness achtet und wie man Fairness definiert, muss jeder für sich entscheiden. Was mir aber Sorgen macht, ist dieses Experiment aus Oxford. Die Teilnehmer sassen anonym vor dem PC und erhielten echtes Geld. In der Regel zehn Pfund, manchmal aber deutlich mehr, sodass der Reichtum ungleich verteilt war. Anschliessend konnten die Teilnehmer die Gewinne der anderen vernichten, indem sie bis zu 25 Pence bezahlten, um jemand anderem, den sie nicht kannten, Geld wegzunehmen. Quasi Gerechtigkeit herzustellen. 62 Prozent der Teilnehmer war es Wert, eigenes Geld zu vernichten, damit sie in einer gefühlt gerechteren Gesellschaft lebten. Leider stellte sich in diesem Experiment auch heraus, dass diejenigen, die mehr bekamen, ihren Status ebenfalls hemmungslos verteidigten und es sogar jenen Missgönnten, die weniger als sie bekamen.

Eine schreckliche Vorstellung. Die Manager sind zu blöd, um zu sehen, dass die Zeit für mehr Bescheidenheit geschlagen hat und die normal verdienenden sind auch zum eigenen Schaden bereit, "Gerechtigkeit" herzustellen.

Wenn es dumm geht, schaden wir Schweizer uns am 24. November gegenseitig selbst.

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