In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Unser Glarner Mitstreiter Marco Kistler ersann im Winter 2007 die politische Basisinnovation 1:12. Emsig machten wir uns daran, seine Idee in eine nationale Volksinitiative und Kampagne zu giessen. Doch wir hatten auch unsere Zweifel.

Unbestritten war nur, dass die Forderung nach einer gerechteren Verteilung ein zentrales Thema des beginnenden 21. Jahrhunderts werden musste. Zu empörend war schon vor der Finanzkrise die wirtschaftlich und kulturell inakzeptable Kluft zwischen den Superreichen und dem Rest der Gesellschaft. Doch war eine Initiative für gerechte Löhne das richtige Mittel? Würde die sympathische, aber politisch beispiellose Botschaft der Unternehmenslohnbandbreite in der vorsichtigen Schweiz ankommen? Würde die 1:12-Initiative von Gegnern, Verbündeten und der breiten Stimmbürgerschaft überhaupt ernst genommen?

Angesichts der aktuellen Umfrageergebnisse und der millionenschweren Gegenkampagne muten unsere damaligen Zweifel skurril an. Denn heute ist offensichtlich – 1:12 wird sehr ernst genommen! Leidenschaftliche Diskussionen in fast jedem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis prägen den schweizerischen Alltag. Tausende Menschen jeden Alters engagieren sich – oft zum ersten Mal oder seit langer Zeit wieder – für ein politisches Projekt. Dank 1:12, dieser handfesten Forderung nach Gerechtigkeit, haben viele Bürgerinnen und Bürger den Sinn und die Schönheit des politischen Engagements neu entdeckt. Aber 2007 war die Zukunft von 1:12 ungewiss. Wir wussten nur, dass wir mit diesem Projekt zünftig gegen den Strom schwimmen würden. Genau das hat 1:12 stark gemacht.

Unabhängig vom Abstimmungsergebnis am 24. November ist die 1:12-Initiative ein Geschenk für unsere Demokratie. Denn die Schweiz diskutiert wieder über Grundsätzliches. Über den Wert der Arbeit und das Mass von Leistung, über die Gründe schweizerischen Erfolgs, über die schiere Macht des Geldes, über demokratische Ideale und Vorstellungen von Gemeinwohl. Klar, in den Medien wird auch über wichtige Details gestritten. Über gekaufte und unabhängige Studien, über mehr oder weniger Steuersubstrat und AHV-Beiträge je nach Einkommensverteilung, über Rechtsumgehungen und Juristenfutter. Auch diese Diskussionen gehören zu unserem politischen System. Doch dank 1:12 wissen wir, dass es bei der Demokratie eigentlich um mehr geht.

Es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Es geht darum, als Bürgerinnen und Bürger den Mut und die Zuversicht zu schöpfen, demokratisch gegen Ungerechtigkeit aufzubegehren. Die 1:12-Initiative erinnert uns daran, dass die Errungenschaften der bürgerlichen (!) Demokratie – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – nur im Zusammenspiel funktionieren. Und sie legt die alte Tatsache offen, dass der Erfolg derjenigen zuoberst nur möglich ist, weil zuunterst für kargen Lohn hart gearbeitet wird. 1:12 macht uns bewusst, dass demokratische Entscheidungen nicht nur neue Regeln bestimmen, sondern durch den gemeinsamen Akt Identität und damit einen kulturellen Wert schaffen.

1:12 gibt uns die Möglichkeit, eine gerechtere Schweiz zu sein. Mit einem Ja zweigen wir der Welt, dass wir starke Demokratie und erfolgreiche Wirtschaft verbinden wollen. Dass wir als wahre Demokratinnen und Demokraten den Mut aufbringen, der Abzockerei einen Riegel zu schieben. Als Schweiz haben wir die historische Chance hier voranzugehen, eine weltweite Vorbildfunktion einzunehmen. Packen wir sie!

Dieser Text ist am 1. November als Gastkommentar im Bündner Tagblatt erschienen.

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