Zurück zum Erfolgsmodell Schweiz, wo alle am Reichtum teilhaben

Noch in den 80er Jahren verdienten die Chefs der grossen Schweizer Unternehmen im Schnitt 6-mal mehr als einfache Angestellte. Dann ist das Ganze aus dem Ruder gelaufen: Mit der Globalisierung ging die Lohnschere auf – ausländische Firmen und ausländische Manager brachten ein neues Lohnsystem in die Schweiz. 1998 bestand noch ein Verhältnis von tiefen und hohen Löhnen von 1:13. Heute haben wir ein Verhältnis von 1:43. Ein Brady Dougan, CEO der Credit Suisse, verdient gar 191-mal mehr. Dabei sank der Aktienkurs der Bank, seit er das Ruder übernommen hat, um über 70 Prozent. Das sind realkommunistische Verhältnisse: Das deutsche Magazin «Spiegel» errechnete, dass die Lohndifferenz zwischen Diktator Stalin und einem normalen Stahlarbeiter 1:50 betrug.

Übertriebene Löhne und tiefe Steuern für mässig erfolgreiche Manager (sei es eine Bank oder ein Staat), tiefe Löhne und hohe Kosten (Mieten, Krankenkasse, Ausbildung etc.) für die arbeitende Bevölkerung. Das empört viele Bürgerinnen und Bürger. Das traditionelle Erfolgsmodell Schweiz basiert darauf, dass alle am Reichtum teilhaben. Daran halten sich noch heute die KMU, denn dort besteht ein gesundes Verhältnis von 1:5. Die 1:12-Initiative will nichts anderes als zurück in eine für Gesellschaft und Wirtschaft gesunde Normalität von Lohn und Leistung. Traditionell zeigten Schweizer Unternehmer soziale Verantwortung und entwickelten eine langfristige Perspektive für ihre Firma. Heute nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Manager als elitäre Profiteure wahr, die hier das schnelle Geld machen und sich weder für die Schweiz noch das Wohlergehen der Firma interessieren.

Die 1:12-Initiative erscheint extrem? Nein – das Lohngefälle ist extrem. Und extreme Auswüchse benötigen angepasste Massnahmen. Wirtschaftsvertreter und -lobbyisten (FDP, Economiesuisse, SVP, Avenir Suisse etc.) erschreckt in Umfragen die hohe Zustimmung zur Initiative. Doch ihr langjähriges Ignorieren der Bedenken in der Bevölkerung hat erst dazu geführt, dass eine 1:12-Initiative plötzlich Chancen hat, ihr Heilmittel der «Selbstregulierung» hat versagt. Überhaupt ist es illusorisch, eine freie Wirtschaft ohne Regeln zu fordern. Das wäre wie keine Regeln im Strassenverkehr zu fordern und sich dann zu wundern, wieso Velofahrer plötzlich auf der Autobahn fahren oder Offroader auf dem Pausenplatz parkieren.

Es braucht Regeln. Die Frage ist: Wer stellt sie auf? Das Volk mittels Demokratie? Oder die Wirtschaftselite entsprechend ihren Bedürfnissen? Mir ist das Volk lieber, und ich verstehe nicht, wie eine SVP und Bürgerliche in der Kampagne schreiben können: «Lohndiktat vom Staat? Nein!».

Wer ist der Staat? Wir, Sie und ich. Die Bürgerinnen und Bürger, die über 1:12 abstimmen werden. Wohin das Lohndiktat der Wirtschaftselite führt, sehen wir ja (Vasella, Glasenberg, Dougan, Orcel etc.). Hellhörig machen Aussagen von Firmenchefs wie dem Deutschen Klaus-Michael Kühne. Er droht bei einem Ja mit seiner Firma Kühne + Nagel wegzuziehen und findet es unverständlich, dass über so etwas abgestimmt wird. Auf Erpressungen und mangelndes Demokratieverständnis reagieren wir Schweizerinnen und Schweizer aber sensibel. Bei uns sind Demokratie und Selbstbewusstsein noch so intakt, dass man sich gegen Ungerechtigkeiten mit demokratischen Mitteln wehren darf.

Was sind die Folgen eines Ja zu 1:12? Gegner reden den Welt-, zumindest aber Schweizuntergang herbei. Sie zitieren fleissig eine Studie der HSG in St. Gallen, die AHV-Ausfälle von 2,5 Milliarden Franken und Steuerausfälle von 1,5 Milliarden Franken jährlich prognostiziert. Das ist schlicht Propaganda, und die Medien fallen darauf rein. Diese HSG-Studie stellte mehrere Szenarien vor – das mit Ausfällen von vier Milliarden Franken bezeichnete der Mitautor Professor Christian Keuschnigg selbst als «unrealistisch». Zwei andere Szenarien der Studie gehen von Ausfällen von 190 bis 250 Millionen pro Jahr aus.

Die Zuger Regierung zeigt auf, dass sogar höhere Steuereinnahmen möglich wären und rechnet total mit geringfügigen Ausfällen. Denn tiefere Managerlöhne würden höhere Firmengewinne ergeben. Gewinne, die wieder in die Wirtschaft statt in Boni investiert werden könnten. Eine Studie des Think Tanks «Denknetz» rechnet je nach Szenario mit Steuerausfällen von 30 bis Steuermehreinnahmen von 50 Millionen Franken.

Die KMU sind von 1:12 nicht tangiert. Nur gerade 0,3 Prozent aller Unternehmen bzw. 12‘000 Manager wären von einem Ja betroffen. Und wenn das Nein-Komitee lamentiert, die KMU und Bevölkerung müssten die Steuer- und AHV-Ausfälle – die ja nicht so hoch sind, wie sie glauben machen wollen – auf andere Weise «bezahlen», dann bitte ich die Bürgerlichen, doch auch bei den Milliardenausfällen der Unternehmenssteuerreformen 2 und 3 sowie bei der SVP-Familieninitiative darauf hinzuweisen.

55 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

1 weiterer Kommentar
1 weiterer Kommentar

Mehr zum Thema «Wirtschaft»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production