Nach den Staatskindern die Herdprämie…

Während die Rechte bei der Bekämpfung des Familienartikels der CVP zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit der Zwangserziehung totalitärer Staaten aufwartete, kommt bei den Gegnern der Eigenbetreuungsinitiative eine Verächtlichkeit gegenüber der Familienarbeit zum Ausdruck, welche dieser Aufgabe alles andere als gerecht wird. Die in die Debatte eingeführte „Herdprämie“ ist ein Affront gegenüber jenen, welche ihre Kinder selbst betreuen und einen Haushalt managen. Jahrelang habe ich dies selbst getan. „Ha ghört, bisch dehei. Machsch denn nüüt meh?“, hat mich damals jemand gefragt. Als hätte ich tagelang in meine Kochtöpfe gestarrt und im Leeren gerührt.

Herdprämie! Ausgerechnet die Linke masst sich an, eine “Arbeit” spöttisch zu taxieren, ausgerechnet liberale Exponenten übernehmen die Diktion der Herdprämie und schreiben uns vor, wie eine “ideale Betätigung” zu sein hat. Wahl und Freiheit: Fremdwörter bei den Freiheitlichen! Einmal mehr ärgere ich mich über die Animositäten zwischen jenen, die „ausschliesslich“ Hausarbeit leisten, und jenen, die Familie und Erwerbsleben verbinden. Wir sollten nicht in diese Falle tappen und allen Familienmodellen Sorge tragen. Gerade wir Frauen. Aus liberalen Gründen. Sozialen. Familienpolitischen. Und auch im Sinne der Emanzipation. Wer seine Kinder selbst betreut, erbringt keine Arbeit zweiter Klasse. Im Gegenteil. Diskriminierend ist die Abwertung der Arbeit, und diskriminierend ist der Zweifel an der freien Entscheidung dieser Menschen, diese Arbeit zu leisten.

Damit auch dies gesagt ist: Ich habe die Ablehnung des Familienartikels bedauert. Die Integration von Eltern ins Erwerbsleben so beispiellos kompliziert zu gestalten, bildet einen Standortnachteil für die Schweiz, und die Frage sei erlaubt, wozu ein hervorragendes Bildungssystem dient, wenn seinen Absolventen danach nichts als Steine in den Weg gelegt werden. Den Volksentscheid habe ich jedoch so verstanden, dass die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwar gewünscht wird, jedoch kantonal geregelt werden soll. Und da stehen die Schulen im Fokus. Nach wie vor bilden deren Stundenpläne, anders als im Ausland, eine organisatorische Zumutung für alle Familien. Wer, ausser die Schule selbst, kann besser Abhilfe leisten mit anderen „Öffnungszeiten“ in den Mittags-und Randstunden und einem möglichst aufwandsneutralen Betreuungsmanagement für diejenigen Kinder, welche ein solches nötig haben. Die kantonale Politik ist gefordert, entsprechende Überlegungen anzustellen und ihre Schulgesetze anzupassen. (In meinen Zeiten als Lehrerin bot ich Kindern, welche tagsüber allein waren, jeweils an, doch bei mir im Schulzimmer zu bleiben. Mein ganzes Pensum am Arbeitsort zu verbringen, erschien mir für alle gewinnbringend. Weder meine Schüler noch ich trugen eine Mappe nach Hause…)

Dass ich die Initiative „Steuerabzüge auch für Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen“ trotz der„Staatskinderparanoia“ der SVP, mit welcher sie den Vereinbarkeitsartikel bekämpft hat, unterstütze, hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern damit, dass Eigenbetreuungsabzüge in verschiedenen Kantonen längst eingeführt sind. Überall initiiert von der CVP. Es ist gerecht, dass Eltern, welche selbst und ausschliesslich um die Erziehung ihrer Kinder besorgt sind, von einer Steuerentlastung profitieren können. Fiskalsystematische Skepsis hin oder her! Wie sonst soll man denn Familienarbeit entschädigen? Etwa indem der Staat einen Lohn zahlt?

Es steht für mich ausser Frage, dass wir die Hausarbeit höher bewerten sollten. Und sie muss so anerkannt werden, dass die Zeit, die jemand damit verbringt, nicht zur Biographielücke verkommt. Nach wie vor liest man in keiner Jobausschreibung: “Erfahrung im Management eines Haushaltes erwünscht”. Und in Ausbildungsgängen wird die Familienarbeit kaum angerechnet. Das müssen wir ändern. Frauen, welche unterdessen längst Entscheidungsträgerinnen sind in Wirtschaft und Politik, sind besonders gefordert.

Es geht bei dieser Initiative nicht um einen Rückschritt, sondern um die längst fällige Aufwertung einer für unsere Gesellschaft grundlegenden Arbeit. Analog zur Arbeit derjenigen, welche in der Familie behinderte oder ältere Menschen betreuen. Es geht nicht um die Konkurrenz der Familienmodelle, sondern um die Ideale unseres Staates: die Freiheit des Individuums. Es geht um Gleichberechtigung und Solidarität.

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