Ich bin enttäuscht von den GSoA, ich bin absolut gegen eine Armee, aber die Dienstpflich muss bleiben.

Das war ein schwieriges Thema. Die allererste Reaktion war natürlich "Abschaffen, sofort!". Da bin ich eben ganz SP. Das Militär, und das wofür es steht, ist meines Erachtens eines der grossen Übel dieser Welt.
So, nun kommt aber das Wichtigste als politisch Interessierter.

Die Analyse. Dabei habe ich einen Vorteil, ich habe die Rekrutenschule besucht und muss inzwischen nur noch einen WK absolvieren.
Starten wir also mit einer Auflistung der positiven und negativen Elementen der Wehrpflicht.

Negativ:

  • Die Waffe:
    Diese ist wie ein Fremdkörper in meiner Einheit. Als Richtstrahlpionier ("Telefönler") stört das Ding in jeder Situation. Da es ja ein gefährliches Objekt ist, muss man immer darauf aufpassen. Zudem ist es bei der Arbeit dauernd im Weg. Leider jedoch sorgt die dauernde Präsenz des Mordinstrumentes auch dafür, dass man sich daran gewöhnt und seine Gefährlichkeit aus den Augen verlieren kann.

  • Wirkung:
    Als ich noch in einem Block wohnte, bei welchem ich der einzige Schweizer war, schämte ich mich zudem jedes Mal dafür, in Militärkleidung vom obersten Stockwerk nach unten zu gehen. Ich stellte mir immer vor, welchen Schrecken ich wohl bei den Nachbarn auslösen könnte, wenn sie frühmorgens die Haustür öffnen und einen Militaristen im Treppenhaus vorfinden. Glücklicherweise bin ich nie jemandem begegnet bzw. habe ich es vermeiden können.
    Besonders ein Bericht vom damals noch Radio DRS3 hat mich hier sehr beschäftigt. Dabei ging es darum, wie gewisse Einwanderer mit psychischen Traumata in die Schweiz kommen. Ganz konkret am Beispiel eines Menschen, der nahe am Zusammenbruch stand, wenn er Menschen in militärischer oder Polizeiuniformen sah.

Positiv:

  • Persönliches Ausbrechen aus dem Alltag:
    Man sollte das nicht unterschätzen. Es ist sehr angenehm woanders zu sein, andere Menschen kennen zu lernen und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Weg vom Büroalltag, weg vom altbekannten hin zu etwas "Anderem". Es befreit den Kopf und erfordert Anpassungsfähigkeit, vor allem, da es eben nicht Ferien sind.

  • Die Schweiz erleben:
    Man kommt in Gegenden, in welche man vorher nie gekommen war und erlebt die Schweiz aus anderen Blickwinkeln.

Ihr werdet euch fragen, was an diesen Argumentationen nun ein gutes Votum für die Wehrpflicht sein soll. Da habt Ihr natürlich recht. Nun kommen die Überlegungen zum eigentlichen Thema.

Fragen:

  • Wer wird zukünftig die Karriere "Militär" wählen?
    Die Disziplinsüchtigen, die Waffenfans, die Bürger mit Wut im Bauch, solche ohne Perspektive. Tatsächlich kann das Militär derzeit die ungeeigneten noch abwimmeln. Bei meiner Rekrutierung hatte ich so ein Erlebnis bei einem Mitrekruten. Fragwürdig, wenn man seine Gedanken so hört. Tragisch, wenn man darüber nachdenkt und erleichternd, wenn er dann als untauglich gilt (beim Psychotest durchgefallen). Kann sich das Militär das nachher noch leisten oder müssen sie auf solche Personen zurückgreifen?

  • Würde nach der Abschaffung etwas fehlen?
    Ja. Diese Zeit ausserhalb des persönlichen Alltages ist sehr wertvoll, zudem steckt meiner Meinung nach eine Menge Potential in diesem verpflichtenden Ausbruch.

  • Wäre es jemals möglich, eine vergleichbare Verpflichtung zum Dienst an unserem Land wieder einzuführen?
    Nein. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich glaube nicht, dass wenn die Wehrpflicht einmal aufgehoben wurde, eine ähnliche Verpflichtung je wieder eingeführt werden könnte.

Ich möchte nun hier meine Vision verdeutlichen:

  • Was ist die Aufgabe der Armee?
    Offizielle Antwort: Schutz der Bevölkerung im Kriegsfall.
    Ernsthaft? Soweit ich kriegerische Auseinandersetzungen laut Tagesschaubildern im Kopf habe, bedeutet ein Krieg grundsätzlich die Zerstörung aller Infrastrukturen und der Tod von vielen Menschen.

  • Was könnte man alternativ machen, um das Volk zu schützen?
    Das Volk darin auszubilden, sich selbst zu schützen. Natürlich meine ich das jetzt nicht mit der Waffe, Gott bewahre.
    Ich meine die passive Rebellion. Sollte sich tatsächlich jemand dazu anschicken, die Schweiz erobern zu wollen, wäre eine Gegenwehr durch zerstörerische Waffen idiotisch. Ich bin der Meinung, dass wir deshalb eine Wehrpflicht haben sollten, damit wir in einer zukünftigen Abstimmung die Möglichkeit haben, das Militär mit dem Zivilschutz zu ersetzen.
    Der Grundgedanke des Zivilschutzes/-dienstes "für das Volk da zu sein", könnte meines Erachtens etwas weiter gedacht werden. Viele Teile des Militärs sind ja schon heute mehrheitlich passive, meist logistische Systeme, welche für die Organisation und Hilfe im Katastrophenfall eingesetzt werden können. Warum also diese Elemente nicht auch dem Zivilschutz übergeben? Es würden sich wohl zwei Dinge ändern. Diverse Einheiten würden keine Waffe mehr tragen müssen und könnten Szenarien trainieren, welche realistischer sind als ein Überfall durch andere Mächte.
    Die Waffen nutzenden Restbestände der Armee könnte man ganz gut durch eine Ausbildung der Bürger ersetzen. Wie funktionieren Gemeinde, Kantone und der Bund? Wie funktioniert die Polizeigewalt und wie Recht und Gesetz?
    Das klingt jetzt zwar erst mal nach üblicher Staatskunde, aber hier könnte man das Ganze nun auch trainieren. Vor allem dürfte wichtig sein, wie man vielleicht passiven Widerstand gegen eine Besatzermacht organisiert: wie man informiert, wenn klassische Medien ausfallen und wie man Aktionen startet, welche die Infrastruktur und das eigene Wirtschaftssystem nicht zerstören. Hier ist Griechenland ein gutes "schlechtes" Beispiel. Die Demonstrationen der Bevölkerung haben nur der eigenen Wirtschaft und dann vor allem derjenigen der Mittelschicht geschadet. Die Machthaber selbst waren wohl kaum betroffen.
    Das grosse Ziel sollte es sein, dass die Kontrolle des Volkes teurer wird als der angestrebte Gewinn aus derselben.

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