Ein politischer Massenmord

Eigentlich sagte Jens Stoltenberg kurz nach der Tat bereits alles: «Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität. (...) Niemand wird uns durch Bomben zum Schweigen bringen, niemand wird uns durch Schüsse zum Schweigen bringen.» Der sozialdemokratische Ministerpräsident Norwegens zeigte mit diesen Worten den Weg, den wir alle gemeinsam nach diesem Attentat gehen müssen.

Ich habe dann über Facebook doch noch etwas mehr gesagt und zwar folgendes: „68 junge Menschen sind tot, weil sie als junge Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine offene und tolerante Gesellschaft verteidigten, sich gegen Hass und Ausgrenzung stellten und die Welt mit demokratischen Mitteln verändern wollten. Ermordet wurden sie von einem Menschen, der eine Mission zu erfüllen glaubt und sich den anderen und dem Anderen überlegen fühlt. Diese "Ich-muss-die-Welt-retten-Haltung" fällt nicht vom Himmel. Sie wächst auf dem Boden des Fanatismus, in diesem Fall offenbar des christlichen Rechtspopulismus.“

Die ersten Reaktionen auf diesen Eintrag waren kritisch. Man dürfe aus dieser schrecklichen Tat keinen politischen Nutzen ziehen. Man solle die politische Diskussion jetzt sein lassen und einfach trauern. Tönt vernünftig. Doch wie tönt das in den Ohren der Verletzten und Verschonten des Massakers? Wie tönt das in den Ohren der Angehörigen der Opfer?

Sie können nicht darüber hinwegsehen, dass es eine politische Tat war. Ihre Freundin, ihre Tochter, ihre Enkelin musste streben, weil sie sich politisch engagiert hatte und zwar für Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz. Die Insel Utøya war Ort der Schreckenstat, weil sich dort seit Jahrzehnten jedes Jahr junge Menschen zu ihrem politischen Sommerlager treffen. Gerade aus Respekt vor den Opfern haben wir die Verantwortung zu anerkennen, dass der Tod ihrer Liebsten kein zufälliger, sondern ein gewollter und ein gewählter war.

Gewiss: Es wäre einfacher, von einem Irren, einem Wahnsinnigen, einem Durchgeknallten zu sprechen. Doch damit lügen wir uns selber etwas vor. Es war die Tat eines Fanatikers. Und Fanatiker sind nicht einfach Irre! Sie sind zutiefst von ihren Positionen überzeugt und verfechten sie bis zum bitteren Ende. Sie dulden nichts und niemanden neben sich, der die Sache anders sieht. Sie kennen für Andersdenkende nur Verachtung oder Hass. Sie glauben, Teil oder gar Anführer einer Mission zu sein und in der Geschichte eine besondere Rolle erfüllen zu müssen. Sie planen, wählen aus und setzen um. Er leben unter uns und sind meist unauffällig.

Der Boden für Fanatismus - egal ob er sich politisch oder religiös, ob er links oder rechts, christlich, jüdisch oder islamisch ist – wird dort gelegt, wo im Alltag, in Parteien oder Medien Andersdenkende ausgegrenzt, Toleranz als Gutmenschentum verhöhnt und Hass als politisches Handlungsmotiv salonfähig gemacht wird. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. Denn das Leben ist politisch und Fanatismus ist tödlich. Sich dem nicht bewusst zu sein, ist naiv. Und gerade vor der Naivität warnt uns der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg in dieser Stunde zurecht.

Schauen wir den Tatsachen ins Auge und nennen wir die Sache beim Namen. Was in Norwegen passiert ist, ist ein politischer Massenmord. Und als solcher fordert er uns heraus. Was ist unsere Antwort auf dieses Verbrechen? Jens Stoltenberg hat sie bereits gegeben und seit dem Unglückstag mehrmals wiederholt. „Kämpfen wir für noch mehr Demokratie, für noch mehr Menschlichkeit, für noch mehr Offenheit.“ Schliessen wir uns ihm an! Und zeigen wir allen die rote Karte, die unsere Freiheit mit mehr Unfreiheit verteidigen wollen! Wir brauchen keine zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen, sondern mehr Zivilcourage, wenn es um die Verteidigung von Freiheit, Gleichheit und Solidarität geht! Wir tragen gemeinsam - ob links oder rechts - die Verantwortung für den politischen Umgang und die Diskussionskultur in diesem Land. Setzen wir uns deshalb gemeinsam für ein gesellschaftliches Klima des Respekts ein! Und tun wir das überall: an der Bushaltestelle, im Sportverein, in den Medien und im Nationalratssaal.

76 Menschen verloren ihr Leben und ihre Zukunft. Unsere Gedanken sind bei ihnen, den Getöteten, bei den Verletzten, den Verschonten und den Angehörigen.

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