Annäherung zwischen Deutschland und Schweiz

Glasklar, Deutschland hat die beste Regierung seit mindestens acht Jahren. Da liegt Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel schon irgendwie richtig mit ihrer Behauptung. Niemand auf der ganzen Welt kann das besser beurteilen als wir Schweizer, denn wir verfügen nicht nur über die für eine gültige Analyse notwendige Distanz, sondern sind – anders als die meisten europäischen Länder - auch der in Deutschland gepflegten Sprache mehr oder minder mächtig. Zudem schaut ein Grossteil der schweizerischen Bevölkerung infolge des eklatanten Mittelmasses der eigenen Fernsehsender lieber die deutschen Stationen. Die traditionelle Zuwanderung aus Deutschland, die zurzeit einem neuen Höhepunkt zustrebt, tut ein Übriges. Wir sind also bestens informiert über Deutschland.

Wenn man die acht vergangenen Jahre von Frau Merkel unter die Lupe nimmt, wird evident, warum sie so erfolgreich war: Sie hat alles so gemacht, wie wir Schweizer es schon seit Jahrzehnten, um nicht zu sagen Jahrhunderten, tun: pragmatisch, konsequent visionslos und immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Probleme werden ausgesessen, bis sie sich entweder von selbst erledigen oder aber man passt sich in allerletzter Sekunde innerem oder äusserem Druck an. Es scheint, als habe Frau Merkel nicht nur der deutschen Opposition die Ideen geklaut, sondern auch kräftig beim schweizerischen Regierungswesen abgekupfert. Wie sind wir doch froh, dass sich der schweizerische Einfluss, zwar nicht weltweit, aber immerhin bei unseren nördlichen Nachbarn subtil bemerkbar macht!

In den vier Jahren der auslaufenden Regierungsperiode ist Frau Merkel jedoch zumindest in einer Hinsicht vom Pfad der Tugend abgewichen. Die Aufgabe der «Grossen Koalition» zwischen CDU/CSU und der SPD im Jahr 2009 muss aus helvetischer Perspektive als sträflicher Unsinn bezeichnet werden. In der Schweiz pflegen wir bereits seit 1959 die «ganz grosse Koalition». Bei uns heisst diese «Konkordanz» und die parteiliche Zusammensetzung der Minister (Bundesräte) ist - bis auf ein paar kleine Änderungen - seit über einem halben Jahrhundert unverändert und alle vier grossen Parteien sowie ein Splittergrüppchen dürfen bei uns mitmachen. Mit diesem staatstragenden System, das in der Schweiz als «Zauberformel» bezeichnet wird und anders als unzählige Nebensächlichkeiten nicht in der Verfassung verankert ist, sind haben wir meht recht als schlecht überlebt. Auf Deutschland übertragen könnten man sich also eine Zauberformel mit CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP vorstellen. Um das Gaudi erfolgreich auf die Spitze zu treiben, könnte man sogar noch eine Beteiligung der Linken in Erwägung ziehen. Es bleibt also zu hoffen, dass sich alle deutschen Parteien Stefan Raabs Ratschlag «Das ist doch keine Haltung, zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich 'King of Kotelett' bin» hinter die Ohren schreiben. Raab hat nämlich vollkommen recht, es reicht auch, wenn man – wie das eidgenössische Vorbild zeigt - ein Würstchen unter anderen bleibt.

Selbstverständlich können auch wir Schweizer von den Deutschen lernen. Vor allem was die sprachliche Eloquenz, Prägnanz und Schlagfertigkeit betrifft. Dass wir lernfähig sind, beweist am besten unser Kriegsminister und Vorsitzender des Bundeswurstrates Ueli Maurer. Mit seiner Definition des Internet-Kürzels «www» als «Wurzel, Werte, Weitblick» hat auch er sich, wie bereits Angel Merkel, auf ebenso geniale Weise ins Neuland vorgewagt und ihr sozusagen seine persönlich-schweizerische Sicht verklickert. Nachdem er bereits mehrmals auf legere Weise seine Freude an seinem Job und insbesondere Auslandreisen betont hat, hat er auch seine generelle Arbeitsmoral auf präzise und gleichzeitig volksverständliche Art kundgetan. «Wenn ich etwas erledige, das ich ungern tue, stinkt es mir,» sinnierte er tiefsinnig und doppelte gestern nach: «Mir stinkt es eigentlich, etwas zu sagen.» Für einen Politiker ist das witzig und zugleich für einen Nichtssagenden kommunikativ überaus brillant, hat er sich doch mit diesen olefaktorisch indignierten Statements einmal mehr im Land weitblickend werthaltig verwurzelt. Dass er gestern auch noch einen Kameramann des Schweizer Fernsehens als «Aff» bezeichnet hat, macht ihn angesichts der Qualität der schweizerischen TV-Programme - darf man es sagen? - sympathisch. Gleichzeitig stellen sich damit aber auch schwerwiegende Fragen hinsichtlich der neuen magistralen Umgangsformen. Darf man «Aff» auch zu einem Bundesrat sagen und, wenn ja, muss man dabei das formelle „Sie Aff» wahren oder darf es beim volkstümlichen «Du Aff» bleiben?

Die dazu passende Illustration wie immer auf Okay-K.O.

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