Schluss mit 'short'! - droht nun doch kein Verbot der hochspekulativen Leerverkäufe?

Das Handelsblatt berichtete heute, dass ein Verbotsantrag der europäischen Börsenaufsicht ESMA auf sogenannte 'Leerverkäufe' voraussichtlich zurückgepfiffen werden wird. Der Generalanwalt Niilo Jääskinen sagte in seinem Schlussantrag, dass die EU-Rechtsgrundlage unzureichend sei. Dabei wäre ein Verbot wegweisend für die internationale Finanzmarktpolitik und damit auch den Finanzplatz Schweiz gewesen.

Was sind Leerverkäufe?
Bei Leerverkäufen - oder wenn man im Börsen-Jargon short geht - leiht sich ein Spekulant bei einer (Investment-)Bank oder einem anderen Wertpapierhalter statt Geld Aktien, Anleihen, Zertifikate oder strukturierte Produkte gegen eine Gebühr. Diese verkauft er umgehend an der Börse, wenn er erwartet, dass der Kurs bzw. der Preis des Wertpapiers fällt. Trifft nach dem Verkauf seine Erwartung ein, kann der Spekulant seine noch pendente Leihschuld gegenüber der Bank mit jetzt billigeren Wertpapieren (da ja der Preis gefallen ist) wettmachen. So lässt sich nicht auch, sondern gerade in Krisenzeiten viel Geld machen. Diese Anlagestrategie ist besonders beliebt bei kollektiven Kapitalanlagen, den allseits bekannten hedge fonds.

Wieso gehören Leerverkäufe verboten?
Wie unschwer zu erkennen ist, dienen Leerverkäufe allein spekulativen Zwecken und verzerren die ohnehin nicht selten zweifelhaften Ergebnisse der Finanzmärkte vollends! So kann es vorkommen und kam es schon vor, dass gut funktionierende Firmen trotz ihrer wertvollen Substanz (Geräte, Patente, fleissige Arbeiter, gute Gewinne) aufgrund von Gerüchten oder Halbwahrheiten in einen gefährlichen Spekulationsstrudel gerieten und die Aktien am Boden ankamen. Die "Kräfte von Angebot und Nachfrage" können hier völlig irrational und den realen ökonomischen Verhältnissen zuwider ganze Firmen ruinieren - mit Leerverkäufen wird der Drive mit dem Verkauf z.B. von Aktien einer solchen Firmen gegen unten weiter angeheizt. Interessen am Wert einer Firma oder den Dividenden sind rien gar keine Vorhanden.

Gibt es für diese Thesen auch fassbare Beispiele?
Im Frühling 2010 setzten US-Spekulanten aus dem 'foreign exchange' (Fremdwährungs- bzw. Devisenhandel) den Euro gehörig unter Druck. Eine Untersuchung der US-Börsenaufsicht brachte zwar keine schwer umsetzbaren Konsequenzen auf rechtlicher Ebene, dennoch war es eine schwerwiegende Trittbrettfahrt in den schwierigsten Zeiten des Euro.

Was können wir in der Schweiz tun?
Um wenigstens die gröbsten Widerlichkeiten des Finanzkapitalismus zu beseitigen, bieten zwei Parteien in der Schweiz Lösungen. Die SP diskutiert derzeit über eine neue Initiative, wobei ein Vorschlag die Einführung einer Tobin-Steuer ist, die neu Transaktionen an Finanzmärkten besteuern würde. Die JUSO Schweiz befindet sich im Moment vor dem erfolgreichen Sammelabschluss für eine Initiative zum Verbot der Nahrungsmittelspekulation in der Schweiz, wo Leerverkäufe eine grosse und verheerende Rolle spielen.

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