Salamitaktik FDP-Style! Absurde Regulierungen oder das letzte Bisschen Vernunft bei der Rücksichtnahme auf die Arbeitnehmenden?

Während meiner Semesterpause durfte ich die Erfahrung machen, als Angestellter in einem Grosshandelsbetrieb erst nach 20 Uhr zuhause zu sein. Die Sorge, um diese Zeit nichts mehr zu beissen zu kriegen, war weit weniger gross als die Erkenntnis, welche enorme Belastung solche Arbeitszeiten mit sich bringen. Nach unermüdlichen Versuchen der “Liberalisierung” von Ladenöffnungszeiten folgen jetzt nach gleichem Gusto die Tankstellenshops (an Hauptverkehrswegen). Ungeachtet dessen, dass dort schon rund um die Uhr verkauft wird, scheint einer bürgerlichen Allianz der Weg zum Totalabbau der Arbeitnehmerrechte noch nicht weit genug fortgeschritten. Tankstellen sollen schrittweise das gleiche Sortiment führen wie andere Detailhändler - und das auch zu Nachtzeiten, während denen ebenjene bürgerlichen Deregulierer gemütlich, satt und ohne Lohnprobleme in ihren Betten träumen. Höchste Zeit, dass im Gegensatz die Bevölkerung jetzt aufwacht!

Was FDP-Nationalrätin Christa Markwalder zu dieser ursprünglich parlamentarischen Initiative ihrer Fraktion im Sonntalk auf TeleZüri erklärt hat, klingt oberflächlich betrachtet einleuchtend. Es sei staatliche und hirnlose Willkür, dass man heute gewisse Produkte nachts kaufen könne (z.B. Cervelat) und andere Produkte (z.B. Bratwürste) hingegen nicht. Ihr Vergleich mit diesen genannten Beispielen versucht gekonnt eine Absurdität aufzuzeigen. Weder absurd noch willkürlich ist die dahinterstehende Regelung bei genauerer Betrachtung alle mal nicht. Bis heute ist es so, dass rund um die Uhr “Tankstellen-Bistros” mit Produkten zum Direktverzehr und der unmittelbaren Verpflegung gekauft werden dürfen. Dagegen sind “Tankstellenshops” mit einem allgemeinen Wahrensortiment von Produkten, die nicht sofort zu verzehren sind, nur begrenzt geöffnet (5 bis 1 Uhr an Hauptverkehrswegen). Wer braucht auch um 3 Uhr morgens Grillfleisch, Grillkohle und Brennsprit? Hier wird also nicht nur der Unterschied zwischen Markwalders Cervelat und Bratwurst klar, sondern das eigentliche Anliegen der marktliberalen Front: Es geht eben darum, alle Regelungen, die einer 24-Stunden-Verkaufsgesellschaft und dafür entfesselten Markt entgegenstehen, schrittweise abzubauen. Supermarkt überall und jederzeit!

Ich wehre mich mir aller Deutlichkeit dagegen, da der Non-Stop-Konsum einen Preis fordert, der selbst aus den Augen der ignorantesten Dekadenz wie von Doris Fiala (“Ich würde als moderne urbane Frau gerne auch noch nachts shoppen gehen!”) kein Ertrag gerecht werden kann.

Erstens: Längere Ladenöffungszeiten verstärken den unerbittlichen Wettbewerb unnötig und mit möglicherweise fatalen Konsequenzen. Nur grosse Unternehmen, die über entsprechende Kapazitäten und Ressourcen verfügen (vgl. economies of scale), um ohne finanziellen Mehraufwand längere Verkaufszeiten in düsterer Nacht durchzustehen (genauso düster werden um diese Zeit Verkaufsmargen aussehen), werden sich auf Kosten anderer durchsetzen können. Egal, ob wir von Tankstellen oder anderen Läden sprechen.

Zweitens: Solange die Arbeitnehmenden nicht dieselben Einflussnahmemöglichkeiten wie die Arbeitgebenden besitzen, führen solche “Flexibilisierungen” schlicht zu mehr Ausbeutung am Arbeitsplatz. Punktum! Gerade, da auch der freie Sonntag hier unter Beschuss gerät. Familie, Freizeit und Mitbestimmung am Arbeitsplatz sterben mit dem Sinn für Solidarität. Denn jene, die längere Verkaufszeiten fordern, würden sich in keinem Fall zu den Notgedrungenen einreihen, die für ihren Lebensunterhalt auch nachts die Kasse hüten.

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