300

28.10.2012 - Das war vor exakt 300 Tagen - Diensttagen, um genau zu sein. Damals, am 28.10.2012, war es auch für mich an der Zeit einzurücken. Der Militärdienst oder der zivile Ersatzdienst ist bekanntlich für alle Schweizer Bürger obligatorisch und somit trat auch ich meinen Dienst als Durchdiener („300 Tage Dienst am Stück“) an. Dieser Dienst ist hier und heute zu Ende: Gestern wurde ich aus dem Aktivdienst entlassen und bin für die nächsten zehn Jahre in der Reserve eingeteilt. Bereits zu Beginn meiner Dienstzeit habe ich nach rund 50 Diensttagen einen längeren Erfahrungsbericht verfasst. Ich möchte an dieser Stelle meine Eindrücke und Erfahrungen des gesamten Dienstes (im Hinblick auf die Abstimmung vom 22. September) mit Ihnen teilen. Auch dieser Bericht ist sehr lang geraten, mit Absicht. Er soll allen Personen, welche sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen wollen, zur Anregung für Diskussionen zur Verfügung stehen. Der selbe Artikel (mit Bildern) ist auch auf meiner Webseite online.

Man liest während diesen Tagen viele Artikel über die Wehrpflicht von linken wie auch bürgerlichen Politikern. Einige haben selbst keine Minute Dienst geleistet oder der letzte Diensttag liegt bereits ein paar Jahrzehnte in der Vergangenheit. Ein etwas aktuelleres Bild der Armee ist an dieser Stelle wohl hilfreich. Aus Sicherheitsgründen (Geheimhaltungspflicht) werde ich einige Bereiche anonymisieren oder nicht sehr ausführlich darstellen.

Ausgangslage und sicherheitspolitisches Umfeld

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Vor meinem Dienstantritt war ich gegenüber der Wehrpflicht trotz meiner Parteizugehörigkeit eher kritisch, aber nicht ablehnend eingestellt. In regelmässigen Abständen liest man in den Medien Skandalstorys, geschrieben von „Qualitätsjournalisten“, welche selbst aber selbstverständlich noch keine einzige Minute Dienst geleistet haben. Trotzdem darf die vorherrschende Dienstmüdigkeit nicht klein geredet werden. Die echten „Genickbrecher“ und „Motivationskiller“ liegen, so meine Erfahrungen, nicht im Dienst an sich sondern in dessen Ausgestaltung. Über Wochen in der Wache oder im Botschaftsschutz eingeteilt zu sein - das bedeutet in den allermeisten Fällen vor einer Tür zu stehen oder zu sitzen, mit dem Befehl den Zugang zu kontrollieren, was wiederum heisst, dass 99% der Zeit mit „Nichts tun“ verbracht wird - zieht nicht spurlos an einem vorbei. Gleichzeitig liefert die Truppe bei Einsätzen und Ausbildungen mit etwas mehr Action regelmässig Höchstleistungen ab.

Oftmals fehlt auch die notwendige sicherheitspolitische Sensibilisierung der Truppe. Den Satz „Die Schweiz greift sowieso niemand an und wenn doch, dann hätten wir eh‘ keine Chance“ habe ich mehr als einmal gehört. Um dem entgegen zu wirken und um die Soldaten im Bereich der Sicherheitspolitik und Armeeweiterentwicklung weiterzubilden, halten nicht nur ranghohe Offiziere in regelmässigen Abständen Vorträge sondern es gibt auch interne Diskussionen im Dienstunterricht, wo nebenbei auch ab und zu etwas über die Schweizer Geschichte erzählt wird. Was die Schule versäumt hat, bügelt die Armee gewissermassen hier wieder aus.

Die Bevölkerung und Wohlstandsgesellschaft ist kaum mehr für sicherheitspolitische Veränderungen sensibilisiert, die Generationen welche den zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg im Aktivdienst miterlebt haben, sterben nach und nach aus. Krieg in Europa gilt heute als „unmöglich“. Dabei geht vergessen, dass es in der Menschheitsgeschichte rund 14‘400 Kriege mit rund 3.5 Milliarden Toten gegeben hat. In den 20ern des letzten Jahrhunderts ging man davon aus, dass ein Krieg in Europa nach dem ersten Weltkrieg nie mehr möglich sein wird, die Abschaffung der Armee wurde schon damals diskutiert.

Ein paar Jahre später kam alles anders. Wer in den 80ern lauthals behauptet hätte, dass wenige Jahre später die Sowjetunion zerfallen, Deutschland wiedervereint und der Kalte Krieg beendet sein wird, wäre wohl in der Irrenanstalt gelandet. Das selbe gilt heute für jemanden im überzeichneten Sinn, der vor einer Destabilisierung Europas warnt. In Europa ist es nun seit einigen Jahren tatsächlich wieder einigermassen friedlich - Zum Glück! Wer aber glaubt, dass ausgerechnet unsere Generation „kriegsfrei“ bleiben wird, missachtet die Geschichte und die Statistik. Rein statistisch gesehen liegt die Chance fast bei 100%, dass die Generation mit den Jahrgängen 1990 und aufwärts in ihrem Leben einmal einen Krieg in Europa erleben werden. Bereits jeder der drei bis vier letzten Generationen hat einen Krieg miterlebt, welcher eine unmittelbare Bedrohung für die Schweiz darstellte (1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg). Streng genommen hat auch unsere Generation bereits die unzähligen Kriege in Osteuropa in den 90ern miterlebt.

Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur. (...) Mich frappiert die Erkenntnis, wie sehr die europäischen Verhältnisse im Jahr 2013 denen von vor 100 Jahren ähneln.
Jean-Claude Juncker.

Niemand kann garantieren, dass nicht morgen Israel einen Präventivschlag gegen den Iran und sein Atomprogramm startet und dies wiederum einen neuen Flächenbrand im Nahen Osten auslöst, was massive Auswirkungen auf die Flüchtlingsströme und den Ölpreis hätte. Niemand kann garantieren, dass morgen nicht Terroristen einen Anschläge mit Chemiewaffen, welche sie zuvor in Syrien entwendet hatten, in Europa durchführen. Niemand kann sagen, ob die brüchige EU in zwei Jahren noch existiert. Im letzten Sommer ist die Lage in mehreren Krisenstaaten (Griechenland, Spanien, Portugal) regelrecht eskaliert. Arbeitslosenquoten von 25% verträgt kein Sozialsystem dieser Welt. Ein zerbrochenes Sozialsystem, massive Korruption, eine am Boden zerstörte Wirtschaft; daran zerbricht früher oder später jede Gesellschaft - Was übrigens schon mehr als einmal Grund genug für Konflikte und Kriege war.

In der vergangenen Woche schickte Grossbritannien eine Kriegsflotte nach Gibraltar, eine klare (und dumme, unnötige!) Drohgebärde gegen Spanien, weil der Streit über den „Felsen“ wieder neu entflammt ist - also wegen einer Kleinlichkeit, welche man unter „Freunden“ eigentlich anders lösen müsste. Die EU hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten. Wir sind angeblich von Freunden umgeben. Meiner Meinung nach setzen einem aber befreundete Staaten (Spanien und Grossbritannien sind sogar beide im militärischen NATO-Bündnis und in der EU) nicht die halbe Marine vor die Haustür. Befreundete Staaten drohen auch nicht mit schwarzen Listen. Womöglich hatte KKdt André Blattmann nicht unrecht, als er vor gut einem Jahr die instabile Eurozone als „grösste Gefahr für die Schweiz“ bezeichnete und die Armee darauf hin mit der Übung „STABILO DUE“ den Ernstfall probte, was im Nachhinein natürlich zur Beschwichtigung niemand so richtig zugeben wollte. Fakt ist: Blattmanns umstrittene „Europa-Gefahrenkarte“ war tatsächlich falsch. Zypern fehlte. Weshalb investieren Deutschland, Frankreich und Grossbrittannien als militärische Grossmächte weiterhin in grosse Mengen konventionelles Kriegsmaterial (welches in dieser Menge für einen Auslandeinsatz völlig überrissen wäre), wenn alle davon ausgehen, dass es in Europa auf ewig friedlich bleibt?

In Anbetracht dieser Zustände ist es wohl doch nicht verkehrt, vermehrt in die Landesverteidigung zu investieren, sei dies nun im IT-Bereich („Cyberwar“), im Katastrophenschutz (Zivildienst, Genie-Verbände, usw.), in den Grenzschutz (Drohnenüberwachung, Grenzsicherungsverbände, Grenzwachtkorps), im Sicherungsbereich (Sicherungsverbände der Infanterie und Luftwaffe, welche für den Schutz wichtiger Infrastrukturobjekte zuständig sind) oder letztendlich auch im Bereich der konventionellen Landesverteidigung. Wenn wir das „Konzept Armee“ konsequent zu Ende denken, dann müssen wir feststellen, dass sich die Armee einzig und alleine durch den Worst-Case legitimiert. Für den Katastrophenschutz, für die Cyber-Abwehr und für die Militärmusik benötigen wir tatsächlich weder Wehrpflicht noch Panzer.

Wohlstandsgesellschaft in der Armee

Hier liegt das zweite grosse Problem der Armee, welches man in der Truppe deutlich spürt: Niemand wagt es auch nur halbwegs, diesen Punkt anzusprechen. Die Schweizer Armee ist dazu geschaffen worden, das Land im schlimmsten Fall mit allen Mitteln zu verteidigen. Wir sprechen hier von einer kriegsbereiten, einsatzbereiten Verteidigungsarmee mit schweren Waffen wie Panzer und Artillerie. In der Armee spricht man von einer „veränderten Bedrohungslage“ - häufige Rahmenbedingungen (das heisst: Hintergrundgeschichte) bei Übungen sind deshalb instabile Zustände im nahen Ausland oder terroristische Elemente im Inland - jedoch eigentlich nie ein militärischer Feind im eigentlichen Sinne. Viele Soldaten fragen sich deshalb: „Was mache ich hier eigentlich? Für was hat die Schweiz überhaupt eine Armee, wenn sowieso niemand davon ausgeht, dass wir jemals wieder angegriffen werden?“ Es getraut sich kaum jemand aufrichtig auszusprechen, wozu die Armee ursprünglich gedacht war - das wäre nicht zeitgemäss. Und trotzdem bleibt einem dieser Hintergedanke während dem Dienst präsent. Dieser Widerspruch nagt an der Moral der Truppe. Alle wissen, wozu die Armee eigentlich da ist, aber alle wissen auch, dass sie im Moment die geforderte Leistung im Extremfall wohl nicht erbringen könnte.

Zweifelsfrei gehört die Schweizer Armee aber bereits heute in manchen Bereichen zu den besten der Welt. Bis heute hat die Schweiz 420 brandneue Fahrzeuge des Typs GMTF in drei Tranchen gekauft. Diese sollen den ausgemusterten M113 Schützenpanzer ersetzen und grosse Ausrüstungsmängel bei der Infanterie beheben. Das GMTF gehört zweifelsfrei zu den modernsten und besten Schützenpanzern (für urbanes Gebiet) der Gegenwart, unser Bataillon unterhielt ergänzend zu den Radschützenpanzern "Piranha" mehrere solche Fahrzeuge. Auch im ABC-bereich (Abwehr Atomarer, Biologischer und Chemischer Bedrohungen) besitzt die Schweiz einen der besten Ausrüstungsstandards der Welt. Auch die Ausbildung gehört s