300

28.10.2012 - Das war vor exakt 300 Tagen - Diensttagen, um genau zu sein. Damals, am 28.10.2012, war es auch für mich an der Zeit einzurücken. Der Militärdienst oder der zivile Ersatzdienst ist bekanntlich für alle Schweizer Bürger obligatorisch und somit trat auch ich meinen Dienst als Durchdiener („300 Tage Dienst am Stück“) an. Dieser Dienst ist hier und heute zu Ende: Gestern wurde ich aus dem Aktivdienst entlassen und bin für die nächsten zehn Jahre in der Reserve eingeteilt. Bereits zu Beginn meiner Dienstzeit habe ich nach rund 50 Diensttagen einen längeren Erfahrungsbericht verfasst. Ich möchte an dieser Stelle meine Eindrücke und Erfahrungen des gesamten Dienstes (im Hinblick auf die Abstimmung vom 22. September) mit Ihnen teilen. Auch dieser Bericht ist sehr lang geraten, mit Absicht. Er soll allen Personen, welche sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen wollen, zur Anregung für Diskussionen zur Verfügung stehen. Der selbe Artikel (mit Bildern) ist auch auf meiner Webseite online.

Man liest während diesen Tagen viele Artikel über die Wehrpflicht von linken wie auch bürgerlichen Politikern. Einige haben selbst keine Minute Dienst geleistet oder der letzte Diensttag liegt bereits ein paar Jahrzehnte in der Vergangenheit. Ein etwas aktuelleres Bild der Armee ist an dieser Stelle wohl hilfreich. Aus Sicherheitsgründen (Geheimhaltungspflicht) werde ich einige Bereiche anonymisieren oder nicht sehr ausführlich darstellen.

Ausgangslage und sicherheitspolitisches Umfeld

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Vor meinem Dienstantritt war ich gegenüber der Wehrpflicht trotz meiner Parteizugehörigkeit eher kritisch, aber nicht ablehnend eingestellt. In regelmässigen Abständen liest man in den Medien Skandalstorys, geschrieben von „Qualitätsjournalisten“, welche selbst aber selbstverständlich noch keine einzige Minute Dienst geleistet haben. Trotzdem darf die vorherrschende Dienstmüdigkeit nicht klein geredet werden. Die echten „Genickbrecher“ und „Motivationskiller“ liegen, so meine Erfahrungen, nicht im Dienst an sich sondern in dessen Ausgestaltung. Über Wochen in der Wache oder im Botschaftsschutz eingeteilt zu sein - das bedeutet in den allermeisten Fällen vor einer Tür zu stehen oder zu sitzen, mit dem Befehl den Zugang zu kontrollieren, was wiederum heisst, dass 99% der Zeit mit „Nichts tun“ verbracht wird - zieht nicht spurlos an einem vorbei. Gleichzeitig liefert die Truppe bei Einsätzen und Ausbildungen mit etwas mehr Action regelmässig Höchstleistungen ab.

Oftmals fehlt auch die notwendige sicherheitspolitische Sensibilisierung der Truppe. Den Satz „Die Schweiz greift sowieso niemand an und wenn doch, dann hätten wir eh‘ keine Chance“ habe ich mehr als einmal gehört. Um dem entgegen zu wirken und um die Soldaten im Bereich der Sicherheitspolitik und Armeeweiterentwicklung weiterzubilden, halten nicht nur ranghohe Offiziere in regelmässigen Abständen Vorträge sondern es gibt auch interne Diskussionen im Dienstunterricht, wo nebenbei auch ab und zu etwas über die Schweizer Geschichte erzählt wird. Was die Schule versäumt hat, bügelt die Armee gewissermassen hier wieder aus.

Die Bevölkerung und Wohlstandsgesellschaft ist kaum mehr für sicherheitspolitische Veränderungen sensibilisiert, die Generationen welche den zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg im Aktivdienst miterlebt haben, sterben nach und nach aus. Krieg in Europa gilt heute als „unmöglich“. Dabei geht vergessen, dass es in der Menschheitsgeschichte rund 14‘400 Kriege mit rund 3.5 Milliarden Toten gegeben hat. In den 20ern des letzten Jahrhunderts ging man davon aus, dass ein Krieg in Europa nach dem ersten Weltkrieg nie mehr möglich sein wird, die Abschaffung der Armee wurde schon damals diskutiert.

Ein paar Jahre später kam alles anders. Wer in den 80ern lauthals behauptet hätte, dass wenige Jahre später die Sowjetunion zerfallen, Deutschland wiedervereint und der Kalte Krieg beendet sein wird, wäre wohl in der Irrenanstalt gelandet. Das selbe gilt heute für jemanden im überzeichneten Sinn, der vor einer Destabilisierung Europas warnt. In Europa ist es nun seit einigen Jahren tatsächlich wieder einigermassen friedlich - Zum Glück! Wer aber glaubt, dass ausgerechnet unsere Generation „kriegsfrei“ bleiben wird, missachtet die Geschichte und die Statistik. Rein statistisch gesehen liegt die Chance fast bei 100%, dass die Generation mit den Jahrgängen 1990 und aufwärts in ihrem Leben einmal einen Krieg in Europa erleben werden. Bereits jeder der drei bis vier letzten Generationen hat einen Krieg miterlebt, welcher eine unmittelbare Bedrohung für die Schweiz darstellte (1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg). Streng genommen hat auch unsere Generation bereits die unzähligen Kriege in Osteuropa in den 90ern miterlebt.

Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur. (...) Mich frappiert die Erkenntnis, wie sehr die europäischen Verhältnisse im Jahr 2013 denen von vor 100 Jahren ähneln.
Jean-Claude Juncker.

Niemand kann garantieren, dass nicht morgen Israel einen Präventivschlag gegen den Iran und sein Atomprogramm startet und dies wiederum einen neuen Flächenbrand im Nahen Osten auslöst, was massive Auswirkungen auf die Flüchtlingsströme und den Ölpreis hätte. Niemand kann garantieren, dass morgen nicht Terroristen einen Anschläge mit Chemiewaffen, welche sie zuvor in Syrien entwendet hatten, in Europa durchführen. Niemand kann sagen, ob die brüchige EU in zwei Jahren noch existiert. Im letzten Sommer ist die Lage in mehreren Krisenstaaten (Griechenland, Spanien, Portugal) regelrecht eskaliert. Arbeitslosenquoten von 25% verträgt kein Sozialsystem dieser Welt. Ein zerbrochenes Sozialsystem, massive Korruption, eine am Boden zerstörte Wirtschaft; daran zerbricht früher oder später jede Gesellschaft - Was übrigens schon mehr als einmal Grund genug für Konflikte und Kriege war.

In der vergangenen Woche schickte Grossbritannien eine Kriegsflotte nach Gibraltar, eine klare (und dumme, unnötige!) Drohgebärde gegen Spanien, weil der Streit über den „Felsen“ wieder neu entflammt ist - also wegen einer Kleinlichkeit, welche man unter „Freunden“ eigentlich anders lösen müsste. Die EU hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten. Wir sind angeblich von Freunden umgeben. Meiner Meinung nach setzen einem aber befreundete Staaten (Spanien und Grossbritannien sind sogar beide im militärischen NATO-Bündnis und in der EU) nicht die halbe Marine vor die Haustür. Befreundete Staaten drohen auch nicht mit schwarzen Listen. Womöglich hatte KKdt André Blattmann nicht unrecht, als er vor gut einem Jahr die instabile Eurozone als „grösste Gefahr für die Schweiz“ bezeichnete und die Armee darauf hin mit der Übung „STABILO DUE“ den Ernstfall probte, was im Nachhinein natürlich zur Beschwichtigung niemand so richtig zugeben wollte. Fakt ist: Blattmanns umstrittene „Europa-Gefahrenkarte“ war tatsächlich falsch. Zypern fehlte. Weshalb investieren Deutschland, Frankreich und Grossbrittannien als militärische Grossmächte weiterhin in grosse Mengen konventionelles Kriegsmaterial (welches in dieser Menge für einen Auslandeinsatz völlig überrissen wäre), wenn alle davon ausgehen, dass es in Europa auf ewig friedlich bleibt?

In Anbetracht dieser Zustände ist es wohl doch nicht verkehrt, vermehrt in die Landesverteidigung zu investieren, sei dies nun im IT-Bereich („Cyberwar“), im Katastrophenschutz (Zivildienst, Genie-Verbände, usw.), in den Grenzschutz (Drohnenüberwachung, Grenzsicherungsverbände, Grenzwachtkorps), im Sicherungsbereich (Sicherungsverbände der Infanterie und Luftwaffe, welche für den Schutz wichtiger Infrastrukturobjekte zuständig sind) oder letztendlich auch im Bereich der konventionellen Landesverteidigung. Wenn wir das „Konzept Armee“ konsequent zu Ende denken, dann müssen wir feststellen, dass sich die Armee einzig und alleine durch den Worst-Case legitimiert. Für den Katastrophenschutz, für die Cyber-Abwehr und für die Militärmusik benötigen wir tatsächlich weder Wehrpflicht noch Panzer.

Wohlstandsgesellschaft in der Armee

Hier liegt das zweite grosse Problem der Armee, welches man in der Truppe deutlich spürt: Niemand wagt es auch nur halbwegs, diesen Punkt anzusprechen. Die Schweizer Armee ist dazu geschaffen worden, das Land im schlimmsten Fall mit allen Mitteln zu verteidigen. Wir sprechen hier von einer kriegsbereiten, einsatzbereiten Verteidigungsarmee mit schweren Waffen wie Panzer und Artillerie. In der Armee spricht man von einer „veränderten Bedrohungslage“ - häufige Rahmenbedingungen (das heisst: Hintergrundgeschichte) bei Übungen sind deshalb instabile Zustände im nahen Ausland oder terroristische Elemente im Inland - jedoch eigentlich nie ein militärischer Feind im eigentlichen Sinne. Viele Soldaten fragen sich deshalb: „Was mache ich hier eigentlich? Für was hat die Schweiz überhaupt eine Armee, wenn sowieso niemand davon ausgeht, dass wir jemals wieder angegriffen werden?“ Es getraut sich kaum jemand aufrichtig auszusprechen, wozu die Armee ursprünglich gedacht war - das wäre nicht zeitgemäss. Und trotzdem bleibt einem dieser Hintergedanke während dem Dienst präsent. Dieser Widerspruch nagt an der Moral der Truppe. Alle wissen, wozu die Armee eigentlich da ist, aber alle wissen auch, dass sie im Moment die geforderte Leistung im Extremfall wohl nicht erbringen könnte.

Zweifelsfrei gehört die Schweizer Armee aber bereits heute in manchen Bereichen zu den besten der Welt. Bis heute hat die Schweiz 420 brandneue Fahrzeuge des Typs GMTF in drei Tranchen gekauft. Diese sollen den ausgemusterten M113 Schützenpanzer ersetzen und grosse Ausrüstungsmängel bei der Infanterie beheben. Das GMTF gehört zweifelsfrei zu den modernsten und besten Schützenpanzern (für urbanes Gebiet) der Gegenwart, unser Bataillon unterhielt ergänzend zu den Radschützenpanzern "Piranha" mehrere solche Fahrzeuge. Auch im ABC-bereich (Abwehr Atomarer, Biologischer und Chemischer Bedrohungen) besitzt die Schweiz einen der besten Ausrüstungsstandards der Welt. Auch die Ausbildung gehört sicherlich zu den Schmuckstücken unserer Armee. So besitzt die Schweizer Armee das Wissen und die Praxis, mit scharfer Munition (zum Beispiel in Gefechtsschiessen) zu "überschiessen" oder seitlich vorbei zu schiessen. Andere Länder beneiden uns darum, wie ich in einem Einsatz zu Gunsten einer NATO-Task-Group aus erster Hand erfahren hatte. Mehrere Länder interessieren sich unter anderem für unser Simulationsausbildungssystem (Ja, genau - jenes aus "Achtung, fertig, Charlie"), welches ebenfalls zur besseren Sorte gehört. Die Schweiz besitzt auch heute noch, nach Jahrzehnten der Abrüstung eines der dichtesten Artillerie -und Bunkernetzwerke, auch wenn diese mittlerweile stark in die Jahre gekommen sind. Die 33 F/A-18 Kampfjets wurden in den vergangenen Jahren massiv kampfwertgesteigert und gehören in die absolute Elite-Klasse auf dem internationalen Markt.

Die Schweizer Armee ist in manchen Bereichen besser als wir Schweizer offen zugeben wollen. In anderen Bereichen wie der Dienstmüdigkeit der Truppe werden die Zustände von Offizieren und Bürgerlichen Politikern manchmal etwas zu stark schöngeredet.

Debatte über die Wehrpflicht: „Schöne Nebeneffekte“

Braucht die Schweiz auch noch im Jahr 2013 die Wehrpflicht? Kurz und knapp: Ja!

Wehrpflicht-Befürworter schmücken die Debatte nun mit vielen guten und einigen weniger guten Argumenten. Die zweite Sorte bezeichne ich persönlich als „schöne Nebeneffekte der Wehrpflicht.“ Es sind dies zwar Argumente für die Wehrpflicht (positive Aspekte), können meiner Meinung nach aber nicht als Rechtfertigung für die Beibehaltung der Wehrpflicht verwendet werden. Die grosse Ansammlung dieser „schönen Nebeneffekten“ im Militär macht sie wertvoll: Nirgends sonst kann man all diese gleichzeitig erleben.

  • Argument „Die Armee ist eine Lebensschule“:

Stimmt. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die jungen Bürger in der Armee einen starken Durchhaltewillen, Disziplin, Pünktlichkeit und Kameradschaft entwickeln. Dies sind alles Werte, welche der Gesellschaft und Wirtschaft später wieder zu Gute kommen. Sogleich sind es aber auch Werte, welche man bereits vor dem Militärdienst bereits haben oder anderswo in einem anderen Umfeld entwickeln kann. Um sie sich anzueignen muss man nicht zwingend im Militär gewesen sein.

  • Argument „Die Führungskompetenzen der Kader helfen einem im Verlauf des ganzen Lebens und werden in der Wirtschaft geschätzt“:

Stimmt möglicherweise auch. Doch um Führungskompetenzen zu erwerben, muss man nicht in der Armee gewesen sein. Viele Arbeitgeber werten ein Jahr mehr Praxiserfahrung in der Arbeitswelt höher, als ein Jahr Kader-Erfahrungen im Militär. Der Staat weiss hier wohl kaum, was im Einzelfall besser oder schlechter für eine Person ist. Manche der Milizkader würde ich als Chef nie und nimmer einstellen, manche Soldaten hingegen schon und natürlich auch umgekehrt. Eine militärische Kaderausbildung ist daher kein Gütesiegel, welches einfach 1:1 auf die Privatwirtschaft umgemünzt werden kann - aber sie kann durchaus positiv und hilfreich sein, quasi als weiterer Pluspunkt bei einem starken Bewerber. In der Wirtschaft ist unterdessen eine Trendwende zu beobachten, die militärische Kaderausbildung wird wieder attraktiver.

  • Argument „In der Armee lernt man neue Orte, Sprachen, Kulturen und Bevölkerungsschichten kennen“:

Stimmt absolut! Während meiner Dienstzeit war ich in der ganzen Schweiz unterwegs und habe neue Regionen und die verschiedensten Typen Menschen kennen gelernt. In der Armee muss man zwangsweise mit Personen mit anderer Herkunft, anderer Religion und anderem Bildungshintergrund zusammen arbeiten. Man lernt dadurch auch andere Facetten der Gesellschaft kennen, was durchaus spannend sein kann. Es leisten überraschend viele Schweizer mit Migrationshintergrund und eher armeekritisch eingestellte Personen mit völlig unterschiedlichen Ansichten Militärdienst. Es tut grundsätzlich jedem gut, auch andere Bereiche unserer Gesellschaft kennen zu lernen und für eine gewisse Zeit nicht mehr nur mit gleich alten, gleich ausgebildeten Personen zusammen zu arbeiten. Mittlerweile sprechen „unsere“ Romands nach 300 Tagen Dienst relativ gut Deutsch und die Deutschschweizer sogar auch ein bisschen Französisch. Was unser Schulsystem versäumt hat, bügelt die Armee halbwegs wieder aus. Doch auch dafür muss ich nicht zwingend in die Armee: Ein Auslandaufenthalt oder ein Praktikum in einem anderen Landesteil bringt einem vergleichbare Erfahrungen.

  • Argument „In der Armee kann man zivil anerkannte Ausbildungen gratis machen“:

Stimmt! Zum Beispiel die Lastwagenprüfung kann man im Militär als Fahrer gratis machen. Diese gilt dann logischerweise auch im Zivilen. Würde man sie im Zivilen absolvieren, würde sie mehrere tausend Franken kosten. Auf den ersten Blick spart man tatsächlich eine Menge Geld und absolviert während dem Militär unzählige Fahrstunden: Doch unter dem Strich wird dies wieder ausgeglichen. Würde man anstelle Dienst zu leisten arbeiten, würde man im Verlaufe der Monate den Sold durch den höheren Lohn mehr als übertreffen. Auch die kostenlose (und obligatorische!) Wiederholung der 1. Hilfe-Ausbildung hat einen klar ersichtlichen Mehrwert. Auch hier kann das Argument als klarer Pluspunkt verwendet werden, jedoch nicht als Rechtfertigung für die Wehrpflicht.

Debatte über die Wehrpflicht: Grundpfeiler der Schweiz - Die Hauptargumente

Nun folgend die Hauptargumente, welche unterstreichen weshalb die Schweiz die Wehrpflicht beibehalten sollte.

  • Die Wehrpflicht hat sich in den letzten über 150 Jahren bewährt. Die Schweiz wurde während dieser Zeit mehrmals militärisch bedroht, jedoch nie angegriffen. Die Schweiz gilt als eines der sichersten und stabilsten Länder der Welt, was auch dem Wirtschaftsstandort zu Gute kommt. Nicht grundlos gehört die Schweiz zu den wohlhabendsten Ländern dieser Welt und nicht grundlos ist unsere Nation zuversichtlich, dass dies mit den bestehenden Rahmenbedingungen (bewaffnete Neutralität, Unabhängigkeit, direkte Demokratie, Bürgerrechte und Bürgerpflichten, etc.) auch so bleiben wird. Zwar soll man immer offen sein für Verbesserungen und Veränderungen; doch die Aufgabe der Wehrpflicht bedeutet die Abschaffung der Armee oder die Schaffung einer Berufsarmee. Das gesamte Sicherheitskonzept der Schweiz wäre ein Scherbenhaufen, wir haben weder genügend finanzielle Mittel, noch die Strukturen noch das Know-How um eine Berufsarmee aufzustellen. Auch der Zivilschutz wäre übrigens betroffen. Das Ganze gilt es als Hochrisiko-Experiment zu verbuchen. Die Geschichte hat uns gelernt, dass man mit der Sicherheit nicht leichtfertig umgehen, geschweige herum experimentieren sollte. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Naivität der Schweiz fast zum Verhängnis: Zu Beginn war die Armee in keiner Weise verteidigungsfähig oder kriegsbereit.
  • Die Bildung einer freiwilligen Miliz, wie es Linke und einige Bürgerliche fordern, ist eine Illusion. Kein Land auf der Welt hat eine freiwillige Milzarmee: Alle Länder haben Berufsarmeen, Wehrpflicht-Milizarmeen oder Söldnertruppen. Es würden sich für eine freiwillige Miliz schlicht und einfach nicht genügend Freiwillige finden lassen, was dazu führt, dass die Armee ihre verfassungsmässigen Aufträge nicht mehr erfüllen könnte. Selbst Hardliner wie SVP Nationalrat Hans Fehr wären ohne Wehrpflicht wohl nicht in die Armee eingerückt und mittlerweile bis zum Oberstleutnant aufgestiegen. Das selbe gilt für einige meiner ehemaligen vorgesetzten Berufsmilitärs. Selbst grosse Länder wie Deutschland, Frankreich oder Spanien bekunden grosse Mühe, selbst mit massivem Mehraufwand auch nur annähernd die Sollbestände einhalten zu können (mehr dazu weiter unten).
  • Die Milizarmee mit Wehrpflicht ist das mit Abstand effizienteste Dienstmodell. Eine Berufsarmee wäre, selbst bei einem weitaus geringerem Bestand als heute (ca. 50‘000 Mann) massiv teurer, als unsere heutige Milizarmee (180‘000 Mann). Solche Sollbestände werden oftmals von linken „Sicherheitsexperten“ verlangt, welche es tatsächlich zu Stande bringen im gleichen Atemzug die Wehrpflicht wegen den angeblich hohen Kosten anzugreifen. Die Berufssoldaten bräuchten eine vollständige, hoch moderne Ausrüstung, welche 365 Tage im Jahr beansprucht wird. Es liegt auf der Hand, dass dies teuer wird. Der Lohn für die Soldaten müsste zudem auch angemessen sein: Wenn wir (sehr defensiv gerechnet) vom Schweizer Durchschnittslohn von 80‘000 CHF pro Jahr ausgehen, kommen wir alleine bei einem Bestand von 50‘000 Berufsmilitärs auf 4 Milliarden Franken Lohnkosten pro Jahr. Dies entspricht fast dem Gesamtbudget unserer gesamten heutigen Armee (!!!) mit einem vierfach höheren Bestand von rund 180‘000 Soldaten. Die Schweizer Armee hat mit der Wehrpflicht somit halbwegs genügend Spielraum für Investitionen und Neuanschaffungen bei einem relativ überschaubaren Budget. Eine Berufsarmee wäre selbst bei einer Viertelung des Bestandes wohl insgesamt mehr als doppelt so teuer, als unsere heutige Armee.
  • Die Miliz - der mündige Bürger in Uniform - ist die bestmögliche demokratische Kontrolle der Armee. Somit wird sicher gestellt, dass sich kein „Staat im Staat“ bildet. Die Armee steht jederzeit unter der Kontrolle der Bürger, welche strukturelle Fehlkonstrukte an der Urne abstrafen und Friktionen im Dienstbetrieb selbständig melden oder lösen können. Als Beispiel wird häufig der herrschende Leerlauf in der Armee genannt. Die Berichte in den Medien und die direkten Rückmeldungen per SMS-Umfrage sollten der Armeeführung und jedem Berufsmilitär stark zu denken geben, denn dies bedeutet, dass es in der Armee offenbar wirklich zu viel Leerlauf gibt. Diese direkten Rückmeldungen zwingen Politik und Armeeführung zu handeln, ansonsten verliert die Armee als Institution die Glaubwürdigkeit und den Rückhalt in der Bevölkerung. Zwar übt der Staat durch die Wehrpflicht einen Zwang auf die Bürger aus, das Endresultat ist jedoch eine von Natur aus staatskritische staatliche Organisation, welche sich fortlaufend selbst kontrolliert und reguliert.
  • Die Milizarmee mit Wehrpflicht ist für Kleinstaaten wie die Schweiz das einzige Armeemodell, mit welchem flexibel und sinnvoll auf die Bedrohungslage reagiert werden kann. Im Handumdrehen kann die Regierung im Notfall das Gesetz durch Notrecht ändern und die Militärdienstpflicht massiv ausdehnen, was den Armeebestand „von heute auf morgen“ enorm anheben würde. Dies ist möglich, weil ein Grossteil der männlichen Bürger Militärdienst geleistet haben und nicht von null an ausgebildet werden müssten. Während Friedenszeiten leisten jedoch nur wenige tausend Soldaten (ca. 5‘000 exklusive Rekrutenschulen) gleichzeitig Dienst in der Armee. Der grosse Rest, also alle 175‘000 anderen Angehörige der Armee, befinden sich in ihrem Zivilleben. Ein (noch) grösserer Leerlauf kann somit verhindert werden. Die Schweiz braucht während Friedenszeiten kein stehendes Massenheer, jedoch sehr wohl ein Massenheer „im Schlafmodus“, welches im Notfall sofort mobilisiert werden könnte. Durch die Bildung einer Berufsarmee mit mehreren zehntausend Berufs-Soldaten hätte die Schweiz jedoch aber exakt ein solch stehendes Massenheer. Die Berufs-Soldaten müssten 365 Tage im Jahr beschäftigt und ausgebildet werden. Dies würde massiv höhere Kosten verursachen und wäre ohne Zweifel unverhältnismässig.
  • Das Know-How geht ohne Wehrpflicht fast komplett verloren. Besonders im Logistikbereich ist dieses Wissen enorm wertvoll. Die Armee profitiert von der Zivilausbildung der Soldaten ungemein. Ein Koch kocht für die Truppe ab der dritten RS-Woche, ohne jegliche Zusatzausbildung. Ein Truppenbuchhalter bearbeitet ab der fünften RS-Woche nach einem zweiwöchigen Truppenbuchhalter-Kurs sämtliche finanziellen Dokumente und kümmert sich zum Beispiel um den Kiosk-Betrieb - praktisch ohne Zusatzausbildung. Der Mechaniker weiss bereits vor der RS, wie man die meisten Geräte bedient, welche dazu nötig sind, um ein Fahrzeug zu reparieren. Der Medizinstudent braucht wohl kaum eine grosse Zusatzausbildung als Arzt im Sanitätsbereich. Der Förster ist bereits vor der RS im Umgang mit Geräten im Forstbereich der Genietruppen geübt. Die Liste ist lang. Bei uns eher jungen Durchdienern im Alter von etwa 20 Jahren mit erst abgeschlossener Lehre kommen diese Vorteile der Zivilausbildung wohl weniger zur Geltung, als in WK-Formationen, wo die Soldaten bereits mehrere Jahre Berufserfahrung mit sich bringen.

Freiwilligen-Miliz ist eine Illusion!

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal der Gedanke einer Freiwilligen-Miliz aufgreifen, da ich in diesem Text immer die sichere Bildung einer Berufsarmee bei einer Abschaffung der Wehrpflicht thematisiert habe. Die Schweiz ist für ihre Langsamkeit bekannt. Diese Langsamkeit im Fällen wichtiger Beschlüsse hat Vor -und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass in grundlegenden Themen immer ein Auge auf unsere europäischen Nachbaren und somit auch auf mögliche Probleme geworfen werden kann. Die Ablehnung des EWR -und somit auch des sicher gewesenen EU-Beitritts hat sich heute als richtig erwiesen. Eine erdrückende Mehrheit von über 80% will heute nichts mehr von einem EU-Beitritt wissen. Wir haben aus den Fehlern unserer Nachbaren gelernt und hüten uns nun davor, den selben Fehler übermütig selbst zu begehen. Wir müssen schliesslich nicht jede Dummheit unserer Nachbaren kopieren, alleine aus dem Grund, nicht anders zu sein. Viele europäische Staaten haben die Wehrpflicht nach dem Fall der Berliner Mauer abgeschafft.

Die Wehrpflicht ist in der Schweiz nun aber auch noch im Jahr 2013 in der Bundesverfassung verankert. Deshalb unterstellen Wehrpflicht-Gegner den Wehrpflicht-Befürwortern, dass die Wehrpflicht "veraltet" sei. Ich denke jedoch eher, dass ein gut überdachtes Vorgehen keineswegs veraltet sondern viel eher klug ist. Laut jüngsten repräsentativen Umfragen (welche immer mit Vorsicht zu geniessen sind, ich erinnere an die Ausschaffungsinitiative) lehnen zum heutigen Zeitpunkt rund 57% der Bevölkerung die GSoA-Initiative ab. Auffallend ist der Generationengraben: Während die Jungen die Wehrpflicht eher ablehnen, stösst sie bei den Älteren eher auf Zustimmung. Die Verhältnisse in den Parteien ist hingegen sehr klar, die klare Befürwortung der Wehrpflicht im Parlament findet sich in der Basis wieder.

Die Chancen, dass die Wehrpflicht im Jahr 2013 fällt ist also eher klein. Klar ist aber: Das Resultat wird weniger klar als noch 2001, wo das Schweizer Volk die GSoA-Doppelinitiative mit je rund 78% den Bach hinunter schickte.

Werfen wir einen kurzen Blick ins Ausland: Die Österreicher bestätigten letztes Jahr durch eine Volksabstimmung die Wehrpflicht mit 59.8% überraschend deutlich. Der katastrophale Zustand der Österreichischen Armee hat eher finanzielle als personelle Gründe. Norwegen will ab 2015 die Wehrpflicht sogar auch für Frauen einführen. Umfragen zeigen, dass eine Frauen Wehr -oder Dienstpflicht auch in der Schweiz eine Mehrheit finden könnte.

Unterdessen sind die Reformpläne anderer Staaten kläglich gescheitert. Schwedens neue Berufsarmee ist heute de fakto nicht einsatzbereit. Spanien versucht verzweifelt in den ehemaligen Kolonien Lateinamerikas Rekruten zu finden. Der ehemalige Chefplaner der Deutschen Bundeswehr erklärt die neu geschaffene Freiwilligen-Miliz als gescheitert. Und England rekrutiert bekanntlich in Gefängnissen und bei Obdachlosen, Amerika ebenfalls. Selbst Grossstaaten, militärische Grossmächte und Länder, in welchen die Berufsperspektiven massiv schlechter sind als in der Schweiz, schaffen es nicht annähernd, die Sollbestände selbst für einen kleinen Bereich der Armee auch nur annähernd zu halten. Es ist eine komplette Illusion, wenn man nun davon ausgeht, dass ausgerechnet die Schweiz als Kleinstaat dieses Kunststück schaffen kann.

Dass einige Bürgerliche, grösstenteils aus den Reihen der Jungfreisinnigen, für die freiwillige Miliz werben ist verständlich. Sie setzen sich für eine konsequent freiheitliche, staatskritische Politik ein und da steht ihnen nun mal die Wehrpflicht im Weg. Als eigentlicher Anhänger dieses Gedankenguts in 95% der anderen politischen Bereichen, gewichte ich in diesem Fall (Armee) den sicherheitspolitischen Aspekt höher. Eine sichere Schweiz und eine funktionierende, verteidigungsfähige Armee ist mir dieser Eingriff wert, ich kann ihn aus Überzeugung und aus eigenen Erfahrungen vertreten.

Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.
Mahatma Gandhi

Klar; durch die Abschaffung der Wehrpflicht gewinnt der Schweizer Bürger mit Sicherheit mehr Freiheit. Mehr Freiheit bedeutet in diesem Fall aber auch die Aufgabe der Sicherheit. Wie können wir also sicher sein, ohne Sicherheit, frei zu sein?

Es gilt eine Abwägung der Vor -und Nachteile vorzunehmen. Vollkommen nüchtern betrachtet komme zumindest ich persönlich zum Schluss, dass die Schweizer Milizarmee ein ausbalanciertes Modell ist, welches allen Seiten (Bürger, Wirtschaft, Bundesbudget) etwas abverlangt aber auch wieder etwas zurückgibt. Besonders in einer Willens-Nation wie der Schweiz haben die Bürger nicht nur besonders viele Rechte sondern eben auch Pflichten. Selbstverständlich wäre es das Schönste, wenn jeder freiwillig seinen Beitrag an die Gesellschaft leisten würde, sei dies nun in der Armee, im Zivildienst, in der Feuerwehr oder in Vereinen.

Wir sind an dieser Stelle wieder bei der Wohlstandsgesellschaft angelangt. Nicht nur die Armee kennt Motivationsprobleme, auch Vereine leiden unter fehlenden ehrenamtlichen Helfern. Als Vorstandsmitglied in einem Tennisclub kann ich dies bestätigen.

Schlusswort und Fazit

300 Tage Dienst an einem Stück sind nun also vorbei. Es war eine mehrheitlich schöne, interessante aber auch eine anstrengende Zeit. Arbeitszeiten von 07:00 Uhr morgens bis 23:00 Uhr Abends waren nicht selten. Die Arbeitszeiten der Berufs -und Zeitmilitärs sind oftmals ähnlich. Diesen Beruf wählt man nicht wegen dem Lohn oder wegen einem Prestige-Gedanken, diesen Beruf wählt man aus Überzeugung und aus Freude am Job. Das Privatleben kommt somit nicht nur für die Soldaten sondern auch für die ranghohen Offiziere oftmals zu kurz, Zeit für Familie oder Hobbys bleibt selten. bKein Wunder findet die Armee viel zu wenige Berufsoffiziere; unser Bataillon wurde eigentlich konstant mit dem halben Sollbestand geführt.

Das Bild, welches nun die GSoA mit ihrer Kampagne ("Nicht alle haben Zeit, Krieg zu spielen") von den Offizieren zeichnet ist verletzend und entspricht - wie ich es als Bataillonsstabmitarbeiter erlebt habe - nicht der Realität. Es ist in Tat und Wahrheit ein regelrechter Affront gegenüber all jenen, welche jeden Tag aufs Neue sich ab 05:00 Morgens nach „Tagwach“ für eine sichere Schweiz einsetzen.

Unter dem Strich bleiben schöne Erinnerungen aus dem Dienst. Je länger die Erinnerungen zurückliegen, umso positiver scheint das Gesamtbild zu werden. Über mühsame und harte Erfahrungen regt man sich im Nachhinein nicht mehr auf sondern man ist stolz darauf, sich durchgebissen zu haben. Oftmals erkennt man lehrreiche und schöne Lebensphasen erst im Nachhinein. Die erste Reaktion auf die bestandene Matura vor über zwei Jahren war ein Freiheitsgefühl, pure Freude. Anschliessend kam aber sehr schnell auch eine gewisse Trauer auf, das vertraute Umfeld hinter sich zu lassen. Die erste Reaktion auf das „Sie sind hiermit aus Ihrem Aktivdienst entlassen“ war nun ebenfalls pure Freude, Freiheitsgefühle konkurrenzierten den plötzlich auftretenden Alkoholbedarf. Nie wieder ABC-Ausbildung (Chemie-Abwehr mit Schutzanzügen). Nie wieder bei Hitze, Nässe oder Kälte über mehrere Tage mühsame Befehle ausführen. Nie wieder vom Feldweibel um 04:30 aus dem Bett gerissen werden. Nie wieder einen 50km-Marsch. Nie wieder vorgeschrieben bekommen, wann man ins Bett zu gehen hat. Nie wieder sinnlos Wache schieben.

Bald realisiert man aber auch, dass die Entlassung bedeutet, dass man einen Grossteil der Kameraden, welche während diesen 300 Tagen zu einer zweiten Familie geworden sind, wohl nie wieder (oder lange nicht mehr) sieht. Bald realisiert man, dass die erlebte Zeit zwar manchmal nicht angenehm, teilweise nicht besonders produktiv jedoch auf alle Fälle einzigartig war. Ein Gefechtsschiessen, eine Ausbildung mit der Simulationsausrüstung, eine Ehrenformation für den Bundespräsidenten Ueli Maurer und den Chinesischen Ministerpräsidenten (diese Ehrenformation wurde sehr kurzfristig von unserem Bataillon auf direkte Anfrage des Bundespräsidenten organisiert), ein kurzer Austausch mit einem Brigadier, Divisionär oder Korpskommandanten wird man wohl nie wieder erleben. Diese Erfahrungen wird man nie und nirgends wieder machen können. Genauso wenig kann sie einem jemand wegnehmen. Man realisiert, dass der tatsächliche Mehrwert für sich selbst als Person unmittelbar nach dem Dienst noch nicht genau abgeschätzt werden kann, dass aber der Mehrwert für die Schweiz immens war. Einige kommen etwas früher, andere erst etwas später zu dieser Erkenntnis.

Das Gefühl 300 Tage Militärdienst am Stück zu Gunsten der Sicherheit der Schweiz geleistet zu haben, ist einzigartig und irgendwie noch nicht ganz fassbar. Das Ende kam aprupt, schon fast zu schnell könnte man meinen. Die Angewöhnung an das zivile Leben wird eine Weile dauern.

Ich werde Ihnen an dieser Stelle sicher keine Abstimmungsempfehlung abliefern. Jeder hat seine Erfahrungen mit der Armee gemacht oder hat sich bereits eine Meinung über sie gebildet. Dieser Beitrag soll als Erfahrungsbericht und nicht als Abstimmungsbotschaft gelesen werden.

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