Wann merkt der Steuerzahler, dass das Wasser kocht in dem er sitzt?

Wer kennt die Geschichte mit dem Frosch im kalten Wasser nicht, welches langsam erhitzt wird? Die Zeit schreibt dazu das folgende:

Ich habe nach längerem Suchen tatsächlich einen Zoologen gefunden, der schon einmal im Dienst der Wissenschaft Frösche erhitzt hat: Victor Hutchinson von der amerikanischen University of Oklahoma. Die Amphibien wurden in einen Topf mit Wasser gesetzt, dessen Temperatur pro Minute um ein Grad erhöht wurde. "Wenn die Temperatur steigt, wird der Frosch immer aktiver bei dem Versuch, dem erhitzten Wasser zu entkommen", schreibt Hutchinson. Irgendwann zeigt das Tier dann Zeichen von Hitzestress, und es kommt zu muskulären Spasmen. Diesen Punkt, der schon bei einer Temperatur von unter 40 Grad erreicht werden kann, nennt man auch das "kritische thermale Maximum" - wird das Wasser noch wärmer, dann kommt es zur Hitzestarre und zum Tod.
Für Organisationen und Völker mag also gelten, dass sie eine kontinuierliche Verschlechterung ihrer Situation hinnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken - bei Tieren lassen sich die Sensoren nicht so leicht täuschen. Christoph Drösser

Für uns Steuerzahler ist das jährliche Ritual des Ausfüllens der Steuererklärung und des Bezahlens zwar mühsam, aber man gewohnt sich ja an alles. Persönlich würde ich ja gerne Steuern bezahlen, sofern mit diesen Mitteln nur Dinge finanziert werden, welche den meinen und mir nutzen würden. Während wir uns heute über den Datenschutz und dergleichen unterhalten, druckten Gemeinden noch vor siebzig Jahren Steuerbücher, welche darüber Auskunft gaben, wer in der Gemeinde welches Einkommen und Vermögen hatte, und wie viel Steuern er dafür entrichten musste. Mir liegt ein solches Steuerbuch vor, aus einer Aargauer Gemeinde, in welcher mein Grossvater damals lebte. Da steht zum Beispiel ein Johann Imfeld, von Beruf Maschinist. Sein Jahreseinkommen betrug 3‘500, die steuerbare Fahrhabe war 1‘000 Franken. Nach Abzug der Kindersteuer (er hatte drei Kinder unter 16 Jahren) musste er CHF 20.30 zahlen, also 0.58% seines Jahreseinkommens.

Ein „Working Poor“? Mitnichten. Da gibt es einen Maschinenfabrikanten auf derselben Liste. Sein Gebäude wird mit 45‘000 Franken taxiert, davon 23‘500 Franken steuerbar; er besass für netto 1‘450 Franken Grundstücke, Kapitalien im Wert von 15‘000 Franken, einen Gewerbefonds im Wert von netto 19‘000 Franken, Fahrhabe von netto 8‘500 Franken und deklarierte ein jährliches Einkommen von 10‘000 Franken. Dieser Fabrikant schuldete deshalb eine Jahressteuer von 186.80 Franken, was bezogen auf sein Einkommen 1.87 % ausmachte. Der reichste Gemeindeeinwohner bezog ein Jahressalär von CHF 68‘000 Franken, hatte ein steuerbares Vermögen von 326‘570 Franken, und musste dafür 1‘609.80 Franken direkte Steuern bezahlen, was ebenso bei den direkten Steuern 2.37% ausmachte. Wald – Hilfsarbeiter Wiederkehr zahlte nur einen einzigen Franken, weil er kein Vermögen hatte, und 1‘500 Franken Jahreslohn. In Relation also 0.07%.

Somit betrug die Bandbreite der direkten Kantons- und Gemeindesteuern pro Einwohner im Verhältnis zum Jahreseinkommen zwischen 0.07 – 2.37%. Wow, ich bin neidisch. Die Staatsgläubigen mögen nun aufbegehren und monieren, dass der Staat ja inzwischen einen riesigen Leistungskatalog bereitstellt, weshalb wir für die direkten Steuern an die Gemeinde, den Kanton und den Bund einen erheblichen Teil unseres Daseins vor allem für das Kollektiv schuften. Doch Hand auf’s Herz: 1944 hatte es bereits Schulen, welche ganz offenbar genügten, dass unsere ältere Generation für unseren heutigen Wohlstand sorgen konnten. Es gab auch Regionalspitäler, Gemeinde- und Kantonsstrassen, wobei diese ja auch heute vor allem indirekt finanziert werden. Was bloss hat unser Steuerleben denn so massiv verteuert? Nicht nur eine Frage des Frosch’s im Kochtopf bei inzwischen 32° Wassertemperatur.

Gab es früher mehr oder andere Steuern? Ja, der Steuerdurst beim Bund beispielsweise wird gross und grösser. Bereits 1849, also ein Jahr nach der Gründung der modernen Eidgenossenschaft, wurden Zölle eingeführt. Dieses Privileg war jedoch früher bei den Kantonen angegliedert. Damit diese Kantone wieder zu Geld kamen, wurde neu auch auf Einkommen Steuern verlangt, welche sich zu den bisherigen Vermögenssteuern gesellten.

Zurück zum Bund. In der nachfolgenden Zeit wurden weitere Volksbelastungen eingeführt, anbei ein paar Beispiele: Im Jahr 1878 Militärpflichtersatz, 1887 Steuer auf Schnaps, 1918 Stempelabgaben, 1933 die Tabaksteuer, 1934 die Biersteuer, 1941 dann die direkte Bundessteuer (früher Wehrsteuer), im gleichen Jahr die Warenumsatzsteuer, welche heute Mehrwertsteuer heisst, 1944 die Verrechnungssteuer, und seit dem Jahr 2000 kennen wir die Spielbankenabgabe. Andere Steuern hatten glücklicherweise nur ein kurzes Leben, beispielsweise die Luxussteuer (1942 – 1959). Nicht nur bei der Warenumsatzsteuer war die Teuerung intensiv. Wurde 1941 gerade mal 2% für Detailverkaufsartikel verlangt, sind wir heute 4x höher, nämlich bei 8%. Nun wird bereits 10% diskutiert. Die MwSt. und die direkte Bundessteuer sind die grössten Steuerbezüge des Bundes. Bei der Mehrwertsteuer nahm dieser 1970 etwa 1.5 Milliarden Franken ein, im Jahr 2009 waren es schon gegen 21 Milliarden Franken (Quelle: Schweizerische Steuerkonferenz). Wohl bekomms. Warum braucht der Bund immer mehr Geld aus indirekten oder direkten Steuern? Die Strasse wird ja aus der Mineralölsteuer finanziert, und die Armee hatte im Verhältnis wohl während des 2. WK die höchsten Auslagen.

Gemäss Eidg. Steuerkonferenz hatte ein lediger und kinderloser Zürcher Steuerzahler mit einem Einkommen von 80‘000 Franken ganze 10.12% nur an den Kanton abzuliefern. Alle anderen Steuern wie MwSt., oder Krankenkasse und AHV (sind Umverteilungskosten und vorgeschrieben, weshalb ich diese ebenso zu den Steuern rechne), sowie indirekte Steuern kommen zusätzlich dazu. Wer das ausrechnet merkt, dass er somit gute 4 – 5.5 Monate für den Staat bügelt. Wer viel Auto fährt zahlt dann noch mehr. Da hätte er es vor siebzig Jahren wohl besser gehabt.

Für folgende typische Steuern arbeiten wir: Einkommens- und Vermögenssteuer, Kopf-, Personal- oder Haushaltssteuern, Gewinn- und Kapitalsteuer, Erbschafts- und Schenkungssteuer, Lotteriegewinnsteuer, Grundstücksgewinnsteuer, Liegenschaftssteuern, Handänderungssteuern, Spielbankenabgaben, Motorfahrzeugsteuern, CO2 Steuer, Hundesteuern, Vergnügungssteuern, Kantonale und Eidg. Stempelsteuer, Wasserwerksteuer, direkte Bundessteuer, Verrechnungssteuer, Mehrwertsteuer, eventuell Tabaksteuer, Biersteuer, Mineralölsteuer, Automobilsteuer, Steuer auf Spirituosen, Zölle, Abfall- und Abwassersteuer. Dazu gesellen sich dann noch die Gebühren wie der Radio- und TV Empfang und die Abgaben. Nicht zu vergessen die Parkplatzbewirtschaftung oder die Bussen, welche besonders im Strassenverkehr auch schon zu Steuern mutiert sind.

Wenn wir so weiter machen, werden wir dereinst wohl 8 – 10 Monate für das Kollektiv werken, welche dann aber sicher auch noch die Bereitstellung der Wohnung übernehmen muss. Einhalt wäre geboten, das Heil liegt nicht im Staat. Bevor wir in Zukunft die Steuern anheben (die Vignette oder die CO2 Abgabe lässt grüssen), sollten wir uns integral überlegen, wie hoch eigentlich die Steuerbelastung für was genau sein soll. Steuern sollen steuern, und nicht Umverteilung oder zu allem Übel den Apparatschik fördern. Weit ist’s jedoch nicht mehr.

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