Zurück im Spielzeugland

Anlässlich des Schweizer Nationalfeiertages liess der US Amerikanische Aussenminister John Kerry folgenden Text publizieren:

On the Occasion of Switzerland's National Day
On behalf of President Obama and the people of the United States of America, I congratulate the people of Switzerland on your National Day this August 1, which marks the 722nd anniversary of Switzerland’s Federal Charter.
We are proud of our heritage as “Sister Republics.” America’s Founding Fathers were inspired by the Swiss example of direct democracy and federalism, and the Swiss Constitution of 1848 is modeled on America’s Constitution of 1787.
I am especially proud of my personal connection to Switzerland dating back to my days as a student near Zurich while my father was stationed overseas as a Foreign Service officer. The peaceful countryside and welcoming manner of Switzerland’s people meant the world to a homesick young American struggling to learn new languages and adapt to new surroundings.
Today our countries enjoy a friendship based on a shared commitment to democratic principles, republican government, and the rule of law. The United States and Switzerland work together to support democracy, promote respect for universal human rights, and provide humanitarian relief and economic development assistance to countries around the world.
The United States is grateful to have a strong friend in Switzerland. We look forward to continuing our partnership as we advance common goals.

John Kerry, Secretary of State, Washington DC, July 31, 2013 Quelle

Hoppala, doch kein Wirtschaftskrieg? Ganz im Gegenteil. Hier wird die Schweiz zusammen mit den USA als „Schwesterrepublik“ bezeichnet, welche sich gegenseitig im Bereich Verfassung inspirierte.

Diesen Sommer wollte ich die USA aus einer differenzierten Sicht kennenlernen, einmal nicht geschäftlich von Sitzungszimmer zum Hotel und zurück bereisen, sondern privat ausserhalb der üblichen Touristenzentren, raus Countryside. Die Wege führten mich in die Bundesstaaten der Westküste, also Washington, Idaho, Montana, Utah, Arizona, Nevada, Kalifornien und zuletzt noch nach New York, wobei hier nur die City besucht wurde.

Klar, dort hat es Platz. Viel Platz. Montana beispielsweise hat weniger als 2.6 Einwohner pro Quadratkilometer, bei uns sind’s dagegen bereits 194 Einwohner auf derselben Fläche, wobei es zwischen Genf und Bodensee deutlich enger zu und her geht als auf der Alpen- oder Jurakette. In Montana kann man noch die Arme strecken, ohne dabei das Kinn des Nachbarn zu touchieren. Die Bevölkerungsentwicklung in Montana betrug zwischen 1870 und 2010 ganze 4‘804%, während die Schweiz im ähnlichen Zeitraum „nur“um 318% anwuchs. Wir wollen aber mehr (Enge). Die Leute in Montana stört das allerdings nicht, weil in dem 7.5x grösseren Bundesstaat heute nur knapp 1 Mio. Einwohner leben. Die Schweiz hat ein BIP/Einwohner von USD 43‘370, die USA 48‘387 Dollar (kaufkraftparitätsbereinigt, Quelle Wikipedia).

In einer Provinzstadt beim Detaillisten. Dort gibt es nebst Kartoffeln und Radieschen, Westernstiefel und Anglerzubehör auch Pump Action Gewehre und Serienfeuerwaffen im Warengestell. Die massiven Steinschleudern sind im Blisterpack auf Kinderhöhe, griffige Stahlkugeln dafür sind gleich neben den Airgun Pistolen und den Spraydosen gegen Bärenangriffe positioniert. Für Liebhaber der Jagd mit Pfeil und Bogen gibt es Pfeilspitzen mit Widerhacken oder kleinen Sprengladungen. Ich traue meinen Augen nicht. Ein Hinweisschild macht mich neugierig: Pro Tag und Kunde darf nur eine Packung Munition erworben werden. Einen vorbeigehenden Verkäufer konnte ich in ein Gespräch verwickeln. Für Einheimische dauert das Kaufprozedere knappe 10 Minuten. Das Geschäft muss die Identität des Käufers einer Waffe klären, um dann beim FBI telefonisch abzuklären, ob es eine Kaufsperre gibt. Anschliessend ist der Handel abgeschlossen. Für mich als Tourist gelte das aber nicht. „Cash on the table and go“. Ich überlege… Ausserhalb der Stadt entdecke ich ein Hinweisschild, in dem Autofahrer darauf aufmerksam gemacht werden, nicht aus dem fahrenden Wagen zu feuern. Ich hielt mich zurück, überlegte aber, ob wir Schweizer eigentlich unmündig sind. Pump Action’s in der MIGROS…

Wer mit einer 100 Dollar Note bezahlt, wird schief angeschaut. Danach wird geprüft, ob die Note nicht selbst gedruckt wurde. Dafür sind auch auf dem Lande die allermeisten Shoppingcenter 24 Stunden an jedem Tag geöffnet, riesige Parkplätze können selbstverständlich kostenfrei benutzt werden. Im spielsüchtigen Las Vegas sind die Parkhäuser ebenso kostenlos nutzbar. Erst in den linken Städten tauchen dann Parkuhren auf, welche aber auch mit der Kreditkarte bezahlt werden können. Hierzulande ist das Münz Sackbefehl; wer keins passend hat kriegt einen Steuerbescheid, äh Busse.

Das Fahren auf den mindestens vierspurigen Interstates ist sehr entspannend. Den Tempomat auf 65 Meilen/Std. (ca. 105 Km/h) eingestellt, wurde ich doch meistens überholt. Auch von Lastwagen, manchmal links, manchmal rechts. Das Rechtsüberholen, welches in unserem Land mit einem Fahrausweisentzug geahndet wird, ist in den Staaten ein völlig normaler, nicht aggressiver Vorgang (stand your line). Dafür hingen die Fahrer sich nicht gegenseitig auf der linken Spur an der Stossstange wie hierzulande, Abstände wurden auf meinen gut 5‘400 zurückgelegten Kilometern eigentlich immer eingehalten, und alle Spuren sind gleichmässig ausgelastet. Wer bei Rot rechts abbiegen will, dem sei das gestattet, man hat ja Augen im Kopf. Welcher Fahrluxus im Vergleich zur Schweiz, dabei könnten wir das demokratisch ändern, die Velofahrer tun dies ja eh bereits.

Auf den Autobahnen um die Städte gibt es neu kollektive Fahrstreifen. Wer mindestens zu zweit im Fahrzeug sitzt, kann am Stau vorbeifahren. Wer es alleine fahrend auch tut, wird mit USD 460 abgestraft. Autofahren ist in diesem Land generell noch nichts schlechtes. Pick-Up’s mit 6.6 Liter V8 Motoren dominieren das Strassenbild. Waldsterben und CO2 wird nur in der Schweiz verbissen bekämpft. Kunststück, kostet doch der Liter Benzin dort nur zwischen CHF 0.95 – 1.20, je nach Bundesstaat, Regierung und Staatschulden. Ob der tiefe Benzinpreis etwas mit der tieferen Oktanzahl von 87 – 91 zu tun hat? Kaum. Wir retten hier dafür die Welt, wenn auch sinnlos ganz alleine. In New York und Los Angeles dann doch: zehn Toyota Prius und zwei Tesla S gesichtet, kaum erkennbar neben den 2 Meter 10 hohen Trucks mit in der Schweiz verbotenen vorstehenden Stollenräder und Kuhfängern an der Front. Autos sind in den USA billig.

Nach längerer Suche konnte ich auch öffentliche Verkehrsmittel entdecken. Allerdings so wenige, dass ich diese in San Francisco (MUNI, BART und METRO, die Cable Car werden nur noch von Touristen benutzt, welche dafür stundenlang anstehen), sowie in New York City (MTA) ausprobierte. Auf dem Land sichtet man nur da oder dort ein Gleis, wo die Züge mit mindestens drei rauchenden Dieselloks langsam gezogen werden. In San Francisco sind die urbanen Busse nicht so stark belegt. Ein Cop erklärte mir den Grund dafür: Es gäbe viel Gesindel, welche die Busse nutzen um andere auszunehmen, ich solle lieber ein Auto mieten. Tatsächlich hängen im Vorstadtbus Plakate, die potentielle Delinquenten darauf aufmerksam machen, dass verbale oder körperliche Gewalttätigkeiten gegen den Chauffeur sofort mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren geahndet werden. Alle Stunde kommt so ein Bus, Alamo hat glücklicherweise günstige Mietwagen. Die Metro in New York nutzte ich vor allem in Manhattan, wo der Strassenverkehr zumeist verstopft ist. Eine Wochenkarte ist für 30 Dollar zu haben, die Einzelfahrt kostet 2.50, egal wie lang die zurückgelegte Strecke ist. Sehr wahrscheinlich ist auch diese Bahn wie bei uns defizitär, dafür sind die Wagen klimatisiert.

Beim Besuch einiger Bekannten viel mir auf, dass die Häuser zwar weniger solid gebaut sind als bei uns, dafür scheint es keinerlei Bauvorschriften zu geben. In gewissen Gegenden sah jede Behausung anders aus. Verschiedene Dächer, verwinkelt, gross, klein; gerade so, als sich dort jeder seinen Traum vollumfänglich erfüllen darf. Jetzt fällt mir dabei diese Geschichte ein. Ja, bei uns schaut man noch auf den Nachbarn, vor allem wenn es etwas zu bellen gibt. Schade um das Haus in Olten. Wie heisst es in den USA doch so vorbildlich: „stand your ground“ – ist zwar eine andere Sache.

In Bezug auf die föderative Staatsführung hat uns die USA nicht nur abgekupfert, nein, sie hat es vervollkommnt. Ich rauche zwar nur Zigarren. Doch ein Päckli Marlboro kostet in Nevada gerade mal USD 3.50, in der Volksrepublik NYC hätte man dafür USD 14 abgedrückt. Kunststück, im Central Park ist der rauchende Genuss inzwischen auch verboten, am Spieltisch in Las Vegas darf man das, ohne nur im Geringsten schräg angeschaut zu werden. Ok, die Vereinigten Staaten sind etwas grösser als die Eidgenossenschaft, doch der Volkswille darf dort noch vollumfänglich regionalen Bedürfnissen entsprechen. Niemand muss überall alles gleich machen.

Beim Rückflug in die Schweiz via Rom mit einer Embrear, welche nicht so hoch aufsteigen kann, hatten wir bei klarstem Wetter einen „Google Earth“ Blick auf unser Land. Bereits hoch über Biasca vermeldet der Pilot die Anschnallpflicht, weil er dort bereits zur Landung in Zürich ansetzte. Über Kloten dann der Blick bis weit nach Gösgen, quer über drei Kantone hinweg, jeder Quadratmillimeter überreguliert, geschleckt aufgeräumt, grün saubergekehrt, kleinkariert. Mein Sitznachbar raunt mir zu: „zurück im Spielzeugland“.

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