«Für Menschen, die uns den Weg geebnet haben» (Rede zur Bundesfeier vom 1. August 2013 im Alterszentrum Haslibrunnen in Langenthal)

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Haslibrunnen
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Alterszentrums Haslibrunnen
Liebe Nachbarn, Gäste und Freunde

Zuerst möchte ich mich herzlich für die Einladung bedanken, dass ich als «höchster Langenthaler» im Alterszentrum Haslibrunnen die diesjährige Ansprache zum 1. August halten darf. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Es ist für mich eine besondere Ehre und Herausforderung, vor Menschen mit so viel Lebenserfahrung sprechen zu dürfen: Mit meinen 40 Lebensjahren bin ich kaum halb so alt wie Sie. Und Sie haben in Ihrem Leben schon wesentlich mehr Bundesfeiern erlebt und 1. Augustansprachen gehört als ich.

Es ist für mich aber auch ein schönes Zeichen der Wertschätzung, dass der «höchste Langenthaler» traditionell die 1. Augustrede im Alterszentrum Haslibrunnen halten darf. Damit kann ich Ihnen als Stadtratspräsident und Politiker mitteilen: «Sie sind wichtig, Sie werden geschätzt, Sie gehören zu uns.»

Ich freue mich aber auch, dass ich als Stadtratspräsident in einer familiären Umgebung wie hier im Alterszentrum Haslibrunnen sprechen darf. Denn so feiere ich den 1. August am Liebsten, und genau dies macht unseren Nationalfeiertag so einzigartig: Wir Schweizer feiern nicht pompös, sondern besinnlich und familiär, mit Menschen, die uns wertvoll sind. Und jedes Jahr bin ich beeindruckt, wenn ich mir vorstelle, dass am heutigen 1. August verstreut über die ganze Schweiz Hunderte solcher familiärer Bundesfeiern stattfinden. Auch die Bundesfeier hier im Alterszentrum Haslibrunnen ist eine dieser gemütlichen Feiern.

Die Leitung des Alterszentrums Haslibrunnen hat für ihre Arbeit den folgenden Leitgedanken formuliert:

«Die Menschen, die wir [im Alterszentrum Haslibrunnen] betreuen, haben uns den Weg geebnet, auf dem wir heute gehen.»

(vgl. http://www.alterszentrum-haslibrunnen.ch)

Wenn ich mir vorstelle, was Sie, liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Haslibrunnen, bereits erlebt haben, macht mich dies bescheiden: Sie haben für Ideen gekämpft, die für uns heute selbstverständlich sind. Sie haben Kriegszeiten durchlebt, die schwierig waren und in denen es unsicher war, ob die Schweiz überhaupt überleben würde. Sie haben grosse, technische Umwälzungen miterlebt, die wir heute ganz selbstverständlich nutzen. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute mit Stolz und Dankbarkeit sagen können:

  • Die Schweiz ist ein erfolgreiches und wohlhabendes Land.
  • Die Schweiz ist ein stabiles und friedliches Land.
  • Wir sind privilegiert.

Ich möchte mit Ihnen über zwei Beispiele nachdenken, die zeigen, dass Sie grosse Leistungen für uns erbracht haben und Wege für uns geebnet haben:

  1. Sie haben weitsichtige Entscheide für zukünftige Generationen getroffen.
  2. Sie haben sich für die eigene Familie, den Arbeitgeber, die Gesellschaft eingesetzt, ohne immer zu fragen, was dabei zurückkommt.

1. Sie haben weitsichtige Entscheide für zukünftige Generationen getroffen.

Mein Vater hat Jahrgang 1928. Er ist somit in einem ähnlichen Alter wie Sie. Er erzählt mir immer wieder aus seiner Kinder- und Jugendzeit als Emmentaler Bauernjunge während der Weltkriegsjahre 1939-1945. Ich muss gestehen, dass seine Erzählungen – obwohl erst vor 70 Jahren geschehen – für mich aus einer anderen Zeit stammen: Für mich ist es heute unvorstellbar, dass während der Weltkriegsjahre für alltägliche Einkäufe Rationierungskarten nötig waren. Ich kann mir kaum ein Bild davon machen, wie es war, als die Fenster jeden Abend verdunkelt werden mussten und am Himmel das Dröhnen von Flugzeugen zu hören war. Und dass die Funktionsweise eines Telefons oder das Auftreten eines Automobils noch bestaunt wurden, haben Sie noch selber miterlebt.

Mein Vater berichtet aber auch von der Aufbruchsstimmung, die nach dem 2. Weltkrieg in der Schweiz geherrscht hat. Wie ein Wunder wurde die Schweiz vom Weltkrieg verschont. In besonderer Erinnerung ist ihm als Jugendlicher offenbar die Diskussion um die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) im Jahre 1948 geblieben. Als junger Mann war mein Vater noch gegen die Einführung der AHV. Heute, 65 Jahre nach der Einführung der AHV, sagt er aber als Rentner, dass dies ein sehr weitsichtiger und richtiger Entscheid gewesen sei.

Die Einführung der AHV im Jahre 1948 steht stellvertretend für all die Entscheide mit Weitblick, die Sie getroffen haben. Dafür möchte ich Ihnen herzlich «Danke» sagen. Sie haben uns mit diesen Entscheiden den Weg geebnet, auf dem wir heute gehen. Dank der AHV-Beiträge, die Sie bezahlt haben, konnten Ihre eigenen Eltern einen gesicherten Lebensabend verbringen. Dank der AHV-Beiträge von uns Jungen können Sie heute den verdienten Ruhestand im Alterszentrum Haslibrunnen erleben.

Die Einführung der AHV im Jahre 1948 steht aber auch stellvertretend für das Zusammenspiel von Geben und Nehmen, welches in der Schweiz einen hohen Stellenwert und eine lange Tradition hat:

  • In der Schweiz finanzieren gesunde Menschen mit ihren Krankenkassenprämien die Behandlungskosten von kranken Mitmenschen.
  • Arbeitnehmer leisten mit ihren Lohnabzügen einen Beitrag zur Existenzsicherung von arbeitslosen Mitmenschen.
  • Arbeitende Menschen finanzieren mit ihren Lohnabzügen die AHV-Renten von pensionierten Mitmenschen.

Ich bin überzeugt davon, dass die funktionierende, gesellschaftliche Solidarität ein wichtiger Grund ist, weshalb unser Land schon seit 722 Jahren hält wie kaum ein anderes auf unserem Globus.

2. Sie haben sich für die eigene Familie, den Arbeitgeber, die Gesellschaft eingesetzt, ohne immer zu fragen, was dabei zurückkommt.

Für Sie waren die Ausführung eines Ämtli für die Gesellschaft so selbstverständlich wie die Zugehörigkeit in einem Verein: Sie haben sich im Turnverein, Schützenverein, Samariterverein, in der Musikgesellschaft oder der Kirchgemeinde eingesetzt. Sie haben die Vereinsaktivitäten regelmässig – und nicht nach Lust und Laune – besucht und Anlässe für die Allgemeinheit organisiert. Sie haben in Ihren Firmen Gugelmann, Ammann, Greiner, Porzi vollen Einsatz bei geringem Lohn und Überstunden geleistet und ganz selbstverständlich auch am Samstag gearbeitet. Sie haben den Arbeitsweg nicht mit dem Auto, sondern zu Fuss oder per Velo zurückgelegt und trotzdem noch Zeit für Ihre Familien gefunden.

Ich möchte Ihnen herzlich «Danke» sagen für Ihre Einsätze für die eigene Familie, Ihre Arbeitgeber, die Gesellschaft und die Werte, die Sie so Ihren Kindern – uns – weitergegeben haben. Solches Engagement ist heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich und die Bereitschaft, sich für die Allgemeinheit einzusetzen, nimmt immer mehr ab. Als Politiker und Parteipräsident bin ich selber in einem Verein tätig. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Vereinsarbeit mit einigen Entbehrungen verbunden ist. Meist ist die Arbeit ohne Bezahlung und findet erst noch in der Freizeit statt. Aus eigener Erfahrung weiss ich auch, dass es immer schwieriger wird, Personen für ein ehrenamtliches Engagement zu überzeugen. Viele Personen – nicht alle(!) – ziehen es offenbar vor, nur für ihr ganz persönliches Wohlbefinden zu sorgen.
Sie haben dabei ein anderes Beispiel vorgelebt: Trotz längerer Arbeitszeit als heute, anstrengenderer Arbeit, grösseren Familien haben Sie noch Zeit gefunden, sich für die Allgemeinheit einzusetzen und uns Wege zu ebnen, auf denen wir heute gehen.

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Haslibrunnen

Sie haben sehr viel für unser Land und unsere Gesellschaft getan. Dafür sind wir Ihnen als Nachfolgegenerationen sehr dankbar. Nun liegt es an uns, auf dem Weg, den Sie für uns geebnet haben, nächste Schritte zu gehen und uns den Herausforderungen der Zukunft zu stellen.

Dabei wünsche ich mir für uns den gleichen Weitblick für zukünftige Generationen und die gleiche Selbstlosigkeit im Einsatz für unsere Gesellschaft, wie Sie dies vorgelebt haben. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute in einem wohlhabenden und privilegierten Land leben können.

Mit diesem Wunsch möchte ich mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken und wünsche Ihnen eine besinnliche und fröhliche Bundesfeier.

Daniel Steiner-Brütsch
Stadtratspräsident 2013
Grossrat EVP
Langenthal

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