Einige etwas andere Gedanken zum 1. August

Der Nationalfeiertag ist vorbei. Manche von uns sind heute morgen mit einem Brummschädel vom feiern aufgestanden um arbeiten zu gehen, andere hatten das Glück Ferien oder ein verlängertes Wochenende zu haben. Die Spuren der nächtlichen Feiern - abgebrannte Feuerwerkskörper zum Beispiel - wurden an den meisten Orten schon wieder entsorgt und wenn man vor die Tür tritt wirkt so ziemlich alles wieder so, wie am 31. Juli.

Was bleibt sind auf Politnetz gepostete und andersweitig veröffentlichte 1. Augustreden en masse. Vom Nationalkonservativen über den strammen Liberalen bis hin zum Sozialdemokraten beschworen gestern PolitikerInnen in den Gemeinden dieses Landes das, was sie für den Geist dieses Landes halten - beanspruchten also für sich zu wissen, worum es bei diesem Konstrukt, dieser Schweiz, überhaupt geht. Wenn man schaut, zu was für Schlüssen dabei gekommen wurde, wird eins klar - das Fazit hätte kaum widersprüchlicher sein können.

Dass neben Bürgerlichen am 1. August auch Linke für sich reklamieren gute Schweizerinnen und Schweizer zu sein erinnert mich an die deutsche Sozialdemokratie, die Anfang des 20. Jahrhunderts grossen Wert darauf legte nicht als Bund "vaterlandsloser Gesellen" zu gelten. Als jemand der den 1. August nicht feiert - ich hab einen langen Spaziergang gemacht und Abend mit ein paar Freunden ein Bier im Park getrunken - weiss ich, dass diese Ängste nicht ganz unbegründet sind: Bereits einmal wurde mir gesagt ich solle doch in ein anderes Land gehen, wenn ich die Schweiz nicht genug mögen würde um den 1. August, immerhin der Nationalfeiertag meines Heimatlandes, zu feiern. Wenn man mich fragt, eine ziemlich absurde Aufforderung: Wenn ich nicht besonderen Wert darauf bin zufälligerweise Schweizer zu sein, warum sollte ich in ein anderes Land gehen, wenn ich auch nicht darauf Wert legen würde in jenem Staat zu leben?

Es war einer dieser Momente in denen man die fliessende Grenze zwischen dem berühmten "gesunden Patriotismus" zu einem nationalistischen Chauvinismus ausmachen kann. Wer nicht feiert, wie "der Schweizer" zu feiern hat, kann kein Schweizer sein. Fakt ist jedoch: Am ersten August feiert die Schweiz nicht eine demokratische Institution sondern einen Mythos. Mit Aufkommen der Nationalstaaten, war es gerade für multiethnische Staaten, wie die Schweiz notwendig ihre Existenz zu legitimieren. Warum sollte ein Staat, in dem damals offiziell drei Sprachen gesprochen wurden, ein Nationalstaat bleiben, in einer Zeit, wo Faktoren, wie Sprache und Religion aus hauptsächlicher "nationaler Kitt" eines Staates galt? Die Antwort der Schweizer war eine Überhöhung einer unhistorischen Darstellung der mittelalterlichen Geschichte der Innerschweiz.

Elementar für diese Überhöhung waren insbesondere nationale Symbole: Die Rütliwiese, der Schweizerpsalm und auch die Schweizer Fahne. In manchen Kreisen wird das in Frage stellen dieser Symbole quasi schon als Blasphemie erachtet - sie selbst also beinahe schon religiös persifliert. Als z.B. eine Kuh in die Schweizerfahne eingefügt wurde, war das für NR Felix Müri ein Skandal (http://www.20min.ch/community/stories/story/-Die-Flagge-ist-heilig--11043465).

Wenn man jedoch, wie in diesen Fällen Symbole auf einen Altar erhebt, während man gleichzeitig Kritik an diesen Symbolen kriminalisieren will (letztes Jahr versuchten 44 Bürgerliche Parlamentarier ein Gesetz zum Verbot der "Herabsetzung der Schweizer Fahne" durchsetzen) dann hat man den Rahmen eines Nationalgefühls verlassen, dass bereit ist sich zu hinterfragen und vor Allem die fortschrittlichen Errungenschaften der eigenen Geschichte hervorhebt - wie z.B. die direkte Demokratie. Anstelle eines solchen Nationalgefühls, dass mir als Marxist zwar uneigen (wir sehen die Trennlinie zwischen Menschen an den ökonomischen und nicht den nationalen Grenzen) aber nicht gänzlich unsympathisch ist, betreibt man dann einen wirren Nationalismus mit Fetisch für mittelalterliche Symbole. Gemäss Studien der Soziologen Wilhelm Heitmeyer und Adam Rutland ist es aber genau diese Form von Nationalismus, die die positiven Gefühle zur eigenen Gruppenzugehörigkeit mit der Herabsetzung anderer Gruppen verbindet und jene, die einen anderen Bezug zur Gruppe haben, ihre Zugehörigkeit absprechen.

Vielleicht wäre dieser Tag für so manche von uns Gelegenheit um unser Verhältnis zur Schweiz zu hinterfragen. Sich feiern darf man gerne aber stolz ohne Reflektion kann leicht zur Selbstherrlichkeit verkommen und es stände uns allen gut zu Gesichte etwas häufiger im Sinne von Brechts Kinderhymne zu agieren:

1. Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

2. Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

3. Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein

Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

4. Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das Liebsten mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

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